Alter Bridge liefern das Selbstportrait aus Stahl: „Alter Bridge“ auf Maximum-Hook und Riffdruck (Musikplaylist) [ Alternative Rock | Hard Rock ] 

Wenn Bands ein neues Album einfach selbstbetitelt, wirkt das zunächst uninspiriert, doch bei „Alter Bridge“ von Alter Bridge macht es Sinn: Ein Album, das die Essenz der Band innehat. Statt einem „Neustart“-Schild über dem Eingang hängt hier eher ein sauber poliertes Wappen: vier Musiker, die seit zwei Dekaden genau wissen, wie man Hymnen gießt, Riffs schärft und Pathos auf Kante näht, ohne dass es nach Kostümprobe riecht. Alter Bridge liefern kein Konzeptwerk, das sich über ein paar neue Produktionsgimmicks definiert, sondern eine Art Bestandsaufnahme der eigenen Stärken – mit dem Unterschied, dass diese Bestandsaufnahme verdächtig nach Angriff klingt. Und ja: Das ist komfortabel. Aber es ist eben auch die Sorte Komfort, die sich anfühlt wie ein gut sitzender Lederhandschuh – nicht wie ein ausgeleierter Trainingsanzug.

Zieht euch hier die Songs rein und schaut die Clips auf „Alter Bridge“

Der Sound: Stadionformat ohne Weichzeichner

Die größte Kunst an Alter Bridge ist seit jeher, dass die Band Größe nicht mit Zuckerguss verwechselt. Auf „Alter Bridge“ stampfen die Gitarren nicht bloß breitbeinig durch die Tür, sie stellen dabei auch gleich noch die Statik des Raums neu ein: Mark Tremonti liefert Riffs, die weniger „modern heavy“ sein wollen als „unverschämt effektiv“. Das ist kein Gefrickel um des Gefrickels willen, sondern eine bewusst gesetzte Schwere, die Refrains wie Trägerbalken abstützt. Gleichzeitig verpasst Myles Kennedy dem Ganzen diese Mischung aus Klarheit und Körnung, die man im Radioformat oft vergeblich sucht – seine Stimme kann schmeicheln, aber sie kann auch beißen, und sie entscheidet sich hier angenehm häufig fürs Beißen.

Produktionstechnisch wirkt das Album, als hätte jemand „Druck“ und „Durchhörbarkeit“ endlich mal in denselben Raum gesperrt, bis sie sich vertragen. Die Gitarren schneiden, ohne zu sägen, die Drums knallen, ohne zu flach zu werden, und der Bass darf nicht nur „untenrum“ existieren. Brian Marshall ist dabei der unterschätzte Stabilitätsfaktor: Sein Spiel klebt nicht einfach an den Gitarren, sondern schiebt die Songs mit einer eigenen Gravitation nach vorn. Und Scott Phillips macht das, was sehr gute Drummer oft tun: Er spielt nicht „mehr“, er spielt „richtig“. Viel Groove, klare Akzente, und wenn es schneller wird, bleibt es kontrolliert statt hektisch.

Die Musiker: Vier Rollen, ein Getriebe

Man kann „Alter Bridge“ auch als kleine Demonstration darüber hören, wie eine Band mit zwei prägenden Gitarristen nicht in Eitelkeit zerfällt. Mark Tremonti und Myles Kennedy teilen sich nicht nur das Saitenarsenal, sondern auch die dramaturgische Arbeit: Der eine liefert das Stahlgerüst, der andere die Fenster, durch die Licht fällt – und manchmal drehen sie die Rollen einfach um. Gerade wenn Myles Kennedy nicht nur Frontmann, sondern auch Gitarrist ist, bekommt das Material zusätzliche Textur: Die Songs wirken weniger wie „Riff plus Gesang“, sondern wie zwei Linien, die sich gegenseitig kommentieren.

Vokal ist Myles Kennedy hier bemerkenswert diszipliniert. Er muss niemandem mehr beweisen, dass er Höhen kann; also setzt er sie als dramaturgischen Effekt ein, nicht als Dauerzustand. Das macht die emotionalen Momente überzeugender, weil sie nicht wie Pflicht-Balladen-Stationen klingen. Gleichzeitig bleibt Mark Tremonti als Gegenpol wichtig: Seine Stimme bringt Erdung, auch dann, wenn die Arrangements sich in Richtung „großes Kino“ aufschwingen. Das Album profitiert davon, dass Alter Bridge den internen Wettbewerb längst in ein internes Pingpong verwandelt haben: Zuspiel statt Solo-Show.

Highlights und Schwächen: Die Formel sitzt – manchmal zu gut

Am stärksten ist „Alter Bridge“, wenn die Band ihre Kernkompetenzen bündelt und sie nicht zerredet. Silent Divide ist so ein Opener, der sofort klarstellt, dass hier niemand auf Leisetreterei aus ist: riffgetrieben, energisch, und mit genug melodischem Auftrieb, um nicht zum reinen Muskelspiel zu werden. Rue The Day zeigt die andere Seite: mehr Schichtarbeit, mehr Hook-Architektur, ohne den Punch zu verlieren. Und wenn Power Down den Titel ironisch nimmt und das Tempo hochzieht, wirkt das wie eine Erinnerung daran, dass Alter Bridge nicht nur hymnisch, sondern auch ziemlich unangenehm sein können – im besten Sinn.

Spannend wird es in den dunkleren Farben: Disregarded trägt diesen leicht schmutzigen Unterton, der den Hochglanz aus der Fassade kratzt, während Trust In Me eher auf Spannung und Stimmung setzt als auf das nächste Riff-Monument. Hang By A Thread funktioniert als emotionaler Fixpunkt, weil die Band hier nicht den großen Kniefall probt, sondern kontrolliert dosiert. Und der Closer Slave To Master ist das erwartbare „epische Finale“ – nur eben so gebaut, dass die Länge nicht nach Prestige riecht, sondern nach Konsequenz: ein langer Bogen, der am Ende wirklich etwas einlöst.

Die Kehrseite dieser Professionalität: In der Albummitte hat „Alter Bridge“ ein paar Momente, in denen man die Blaupause zu deutlich erkennt. Nicht, weil die Songs schwach wären – eher, weil die Band ihre eigene Dramaturgie so perfekt beherrscht, dass Überraschungen selten werden. Wer bei selbstbetitelten Platten auf ein „Jetzt reißen wir alles ein“ hofft, wird eher ein „Jetzt ziehen wir die Schrauben nach“ bekommen. Das ist immer noch verdammt gut. Aber eben nicht zwingend riskant.

Unsere Wertung:

➤ Songwriting: 10 von 10 Punkten
➤ Komposition: 9 von 10 Punkten
➤ Musikalische Fähigkeit: 9 von 10 Punkten
➤ Produktion: 10 von 10 Punkten

➤ Gesamtwertung: 9 von 10 Punkten

Unser Fazit:

Große Songs, Großes Handwerk und ein Sound mit Druck

Alter Bridge“ von Alter Bridge ist kein Umsturz, sondern eine selbstbewusste Verdichtung: große Songs, starkes Handwerk, ein Sound mit Druck und Luft zugleich. Myles Kennedy liefert eine seiner geschmackvollsten Gesangsleistungen der letzten Jahre, Mark Tremonti beweist erneut, warum seine Riffs wie Naturgesetze wirken, und Brian Marshall sowie Scott Phillips halten das Ganze nicht nur zusammen, sondern geben ihm Gewicht und Vortrieb. Wer die Band liebt, bekommt reichlich Argumente. Wer auf maximale Erneuerung wartet, bekommt immerhin die Gewissheit, dass Alter Bridge ihre Komfortzone nicht als Ausrede benutzen – sondern als Ausgangspunkt.

Mehr zu Alter Bridge im Netz:

Alter Bridge – Die offizielle Webseite:
https://alterbridge.com/

Alter Bridge bei Facebook:
https://www.facebook.com/alterbridge

Alter Bridge bei den Musikdiensten:
https://www.lnk.to/AB-AlterBridge

Nach oben scrollen