Nearless – Autumnal Ache: Black Metal trifft Post-Rock-Weite und wird zur Herbstmelancholie in Großformat (Musikplaylist) [ Black Metal | Athmospheric Black Metal | Blackgaze ]

Nearless ist kein Kollektiv, sondern eine Einzelperson: ein Mysteriöser Musikant mit dem Akronym T. schreibt und spielt alles selbst – und genau diese fokussierte Handschrift macht die EP Autumnal Ache so zwingend. Nach den Releases Even The Light Has Grown Tired Of Us und You Loved Me As If I Were Real (beide 2025) wirkt dieses neue Kapitel wie die logische Zuspitzung: Post-Rock-Weite und (Post-)Black-Metal-Schärfe greifen ineinander, bis aus Atmosphäre tatsächliche Körperlichkeit wird. Das Ergebnis ist keine Playlist-freundliche Hintergrundwolke, sondern ein kleines Drama aus Kälte, Reue und dem Wunsch nach einem sicheren Ort.

Taucht ein in die Welt von Nearless und erlebt Autumnal Ache

Sound und Produktion: Großes Kino in dunklen Farben

Schon die ersten Minuten zeigen, wie präzise T. mit Dynamik umgeht. Die Clean-Gitarren stehen klar und nah, als würde man die Saiten im Raum schwingen sehen. Wenn die Verzerrung dann aufzieht, entsteht keine undifferenzierte Lärmwand, sondern ein breites, sauber geschichtetes Panorama: Gitarrenflächen, die tragen statt zuzukleistern, dazu Synth-Texturen, die eher Wetterlage als Dekoration sind. Dieses Sounddesign ist der heimliche Star der EP – weil es dem Material Größe gibt, ohne den emotionalen Kern zu glätten.

Tracks im Überblick: Fünf Kapitel, ein roter Faden

„Ghost“ beginnt fast zerbrechlich und kippt dann in eine Wucht, die sich wie ein plötzlicher Sturm anfühlt. Inhaltlich ist das ein Song über Schuld und Selbstzweifel: Das Bild einer Präsenz, die einen verfolgt, wirkt weniger übernatürlich als psychologisch – als ob eine vergangene Beziehung als ständiger Kommentar im Hinterkopf weiterläuft. Der Gesang bleibt dabei eher gespenstisch eingebettet als vordergründig, was die Wirkung noch verstärkt.

„Hollow Harvest“ ist der große Spannungsbogen der EP: Post-Rock-Horizont, darunter Black-Metal-Impuls. Die Drums erzählen hier aktiv mit, wechseln zwischen treibender Wucht und komplexeren Figuren, während sich die Gitarren von schimmernden Linien zu finsteren Riffs verdichten. Thematisch kreist der Track um Erschöpfung und die Hoffnung, dass der Herbst endlich wieder Gefühl zurückbringt – aber auch um die Angst, dass selbst diese Jahreszeiten-Wende keine Rettung ist. Schönheit wird hier nicht tröstlich, sondern schwer auszuhalten.

„Winter Sun“ setzt auf Kontrast: draußen goldene Welt, innen Stillstand. Musikalisch sitzt die Balance aus Midtempo-Schub, kurzen Double-Bass-Akzenten und diesen melodischen Bögen, die sich in den Kopf brennen, ohne kitschig zu werden. Inhaltlich klingt es nach dem Versuch, eine Übergangszeit nicht einfach zu überleben, sondern bewusst zu durchqueren – und nach dem leisen Wunsch, dabei nicht allein zu sein.

„The Meeting“ ist das kurze, wirkungsvolle Innehalten: Naturgeräusche und dunkle Gitarrenfarben wie ein Zwischenbild, das die Spannung nicht abbaut, sondern bündelt. Genau solche Interludes entscheiden oft, ob eine EP “nur Songs” aneinanderreiht oder tatsächlich einen Fluss erzeugt.

„Home“ schließt das Ganze mit dem emotionalen Tiefschlag. Die Komposition arbeitet mit tragenden Soundwänden und offenen, hallenden Räumen, in denen die Stille fast genauso schwer wiegt wie die härteren Ausbrüche. Inhaltlich ist das ein Schutzversprechen: Jemand bleibt wach, hält Licht und Wärme bereit – nicht als kitschiges Happy End, sondern als Angebot gegen Kälte und Verlorensein.

Einordnung: Post-Black mit Substanz

Wer bei Post-Black/Blackgaze sofort an reine Ästhetik denkt, wird hier angenehm korrigiert: Autumnal Ache klingt zwar groß und “cineastisch”, aber nie geschniegelt. T. trifft die seltene Linie zwischen roher Härte und melodischer Eleganz – und nutzt die Kontraste nicht als Stilmittel, sondern als Erzählform. Dass auch das Artwork (C.E. Percival) die herbstliche Tristesse konsequent mitträgt, rundet den Eindruck eines durchdachten Gesamtpakets ab.

Unsere Wertung:

 Songwriting: 8 von 10 Punkten
➤ Komposition: 9 von 10 Punkten
➤ Musikalische Fähigkeit: 10 von 10 Punkten
➤ Produktion: 8 von 10 Punkten

➤ Gesamtwertung: 8,5 von 10 Punkten

Unser Fazit:

Autumnal Ache ist eine EP, die sich nicht über Länge definiert, sondern über Wirkung. Nearless verdichten Post-Rock-Weite und Black-Metal-Schneid zu fünf Songs, die nachhallen wie kalte Luft in der Lunge: unangenehm ehrlich, gleichzeitig seltsam tröstlich. Wer melancholische Extreme mag, findet hier ein Release, das nicht nur Stimmung malt, sondern sie regelrecht in den Raum stellt.

Mehr zu Nearless im Netz:

Nearless bei Instagram:
http://www.instagram.com/nearlessmusic

Nearless bei Bandcamp:
http://www.nearlessmusic.bandcamp.com/

Nearless bei Spotify anhören:
https://open.spotify.com/artist/2hVtKh9O4ManXGAGm5xxfG

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