Blind Uncle Harry – „Kimberly Kankowski“: Ein song über eine Veganerin im Bible-Belt-Fegefeuer (Musikplaylist) [ Indie Folk | Singer & Songwriter | Folk Rock ]

Es gibt Songwriter, die dir mit feinem Storytelling unter die Haut gehen, und es gibt solche, die mit der Brechstange auf gesellschaftliche Doppelmoral einprügeln. Blind Uncle Harry schafft beides – meistens gleichzeitig. Mit seiner neuen Single „„Kimberly Kankowski““ legt der Wahl-Hillbilly aus Bloomington, Indiana, eine weitere Folk-Satire vor, die klingt, als hätten sich 60er-Protestlied, Stand-up-Comedy und Kleinstadt-Horrorstory im Proberaum eingeschlossen.

Wer die früheren Platten „The Gospel According To Blind Uncle Harry“ oder „Visualize Industrial Collapse“ kennt, weiß: Subtil war gestern. Blind Uncle Harry reiht sich musikalisch irgendwo zwischen Lagerfeuer-Folk, Bluegrass-Geklöppel und rumpeliger Americana ein, lyrisch aber eher in der Tradition von Todd Snider, Billy Bragg und dem frühen Dylan – nur mit deutlich mehr Schimpfwörtern und Grasnebel. „„Kimberly Kankowski““ führt genau da weiter, wo Songs wie „American Way“ oder „Burn Down The High School“ aufgehört haben: laut, politisch, albern und bitterernst zugleich.

Die schrägste Außenseiterin von Tennessee

Im Zentrum von „„Kimberly Kankowski““ steht natürlich die Titelfigur: eine überzeichnete Projektion all dessen, was in konservativen US-Kleinstädten als maximal verdächtig gilt. Neonfarbenes Haar, ACAB-Tattoo, Veganerin, Freeganerin, joint-schwenkende Genderrechts-Aktivistin, die lieber im Müllcontainer nach Essen wühlt, als bei Walmart einzukaufen – und das alles in Johnson City, Tennessee. Da, wo der Supermarkt zwar vier Regalreihen Beef Jerky, aber kein Tempeh kennt.

Blind Uncle Harry zeichnet „Kimberly Kankowski“ nicht als realistische Figur, sondern als überdrehten Cartoon. Genau dadurch wird die Nummer interessant: Die Bewohner der Stadt reagieren mit der erwartbaren Mischung aus Panik und Fantasie-Horror – plötzlich kursieren Gerüchte, sie sei satanistisch, veranstalte wilde Orgien und habe grundsätzlich etwas im Schilde, nur weil sie anders aussieht, anders isst und anders denkt. Die Übertreibung macht klar, worum es wirklich geht: nicht um die Figur selbst, sondern um die Angst vor allem, was nicht ins vorgefertigte Weltbild passt.

Das Spannende: Trotz der teils derben Bilder macht sich „„Kimberly Kankowski““ nie billig über progressive Politik lustig. Stattdessen hält Blind Uncle Harry dem kleinstädtischen Konservatismus den Zerrspiegel vor – und steckt gleichzeitig der urbanen Linksbubble einen kleinen Seitenhieb. Wenn die Protagonistin über eine nicht eindeutig als Bio gekennzeichnete Banane fast in Panik verfällt, dann trifft die Satire beide Seiten: die Hysterie der moralisch Hochgerüsteten ebenso wie die hysterische Reaktion derer, die sie für den Untergang des Abendlands halten.

Hillbilly-Folk mit Punkattitüde

Musikalisch bleibt „„Kimberly Kankowski““ minimalistisch. Ein treibend geschlagener Akustikgitarren-Teppich, ein paar rhythmische Akzente, hier und da eine verzierte Figur – das war’s im Kern. Keine Studiospielereien, keine üppigen Arrangements, keine Radio-Glätte. Blind Uncle Harry vertraut auf das Prinzip: eine Stimme, ein Instrument, eine Geschichte. Diese Reduktion wirkt bewusst altmodisch, als würden die 60er-Protestfolker auf einem Hinterhof in den Appalachen weiterleben.

Das kann man spartanisch nennen – oder konsequent. Der Song baut auf einem simplen, eingängigen Akkordmuster auf, das eher wie ein durchlaufender Groove funktioniert als wie klassisches Songwriting mit großen Harmoniewechseln. Melodisch ist „„Kimberly Kankowski““ eher Sprechgesang mit Ohrwurmhaken als Ballade mit Großrefrain. Genau dadurch rücken Text und Timing in den Vordergrund: Jeder Reim, jede Pointe sitzt, weil musikalisch niemand dazwischenfunkt.

Wer von Blind Uncle Harry komplexe Harmonien oder aufwändige Instrumentierung erwartet, wird hier genau so wenig fündig wie auf den Vorgängeralben. Für manche Hörer:innen dürfte die Nummer deshalb nach einigen Durchläufen ein wenig gleichförmig wirken – der Refrain setzt stark auf Wiederholung, die Akkorde variieren kaum. Aber genau diese Redundanz ist Teil des Konzepts: „„Kimberly Kankowski““ ist mehr Protest-Chant als Songwriter-Kleinod, gemacht fürs Mitgrölen im verschwitzten Club, nicht fürs akademische Musikseminar.

Humor, der weh tut – und sitzen bleibt

Die eigentliche Schlagkraft von „„Kimberly Kankowski““ liegt im Text. Blind Uncle Harry feuert eine Punchline nach der anderen ab und balanciert ständig auf der Kante zwischen unverschämt, urkomisch und unangenehm treffend. Wenn er der Protagonistin nachsagt, ihr Leben bestehe aus Dumpster-Diving, politischen Parolen und pflanzenbasiertem Dogmatismus, dann klingt das wie eine bösartige Karikatur – bis einem auffällt, dass er damit vor allem die verzerrte Wahrnehmung ihrer Umgebung im Visier hat.

Besonders clever ist, wie Blind Uncle Harry mit Pronomen, Identitätssprache und den Buzzwords der Gegenwart spielt. Er zitiert die gängigen Formeln der Woke-Texte, nur um sie direkt in den clash mit Bibel-Belt-Mentalität zu schicken. Der Witz funktioniert, weil er beide Extreme überzeichnet: Die einen halten „Kimberly Kankowski“ für moralisch überlegen, die anderen für das personifizierte Böse. Dazwischen: ein ziemlich normaler Mensch, der einfach versucht, nach den eigenen Überzeugungen zu leben – und dabei zwangsläufig aneckt.

Dass sich bei manchen Zeilen trotzdem kurz der Magen zusammenzieht, gehört zum Programm. Blind Uncle Harry scheut keine Grenzüberschreitung, wenn es darum geht, die Projektionen der Leute offenzulegen. Wo andere Songwriter noch dreimal überlegen, ob eine Zeile zu hart sein könnte, geht er einen Schritt weiter – und rettet das Ganze im letzten Moment mit einem Augenzwinkern. Wer keinerlei Lust auf diese Art von Humor hat, wird mit „„Kimberly Kankowski““ vermutlich warm wie mit Pfefferspray, alle anderen grinsen ertappt.

Made für den nächsten Abriss-Gig

Am deutlichsten entfaltet „„Kimberly Kankowski““ sein Potenzial in der Vorstellung, wie der Song live funktioniert. Man hört dem Track an, dass er für rüde, laute Shows geschrieben wurde, wie sie Blind Uncle Harry mit seiner rotierenden Band seit Jahren spielt – die Art von Abenden, an denen Böden erzittern, weil das Publikum so heftig hüpft, und irgendjemand nach der dritten Strophe garantiert den Refrain brüllt, bevor er dran ist.

Die hymnische Hook, die ständige Wiederkehr der Zeile über die vegan-freegan Heldin im Land der Fleischberge und der simple, treibende Groove machen „„Kimberly Kankowski““ zu einem dieser Songs, die sich schon beim zweiten Hören vertraut anfühlen. Inhaltlich schlägt die Nummer die Brücke zwischen älteren Protestsongs von Blind Uncle Harry und seiner noch schärfer zugespitzten, humoristischen Seite. Wer ihn bisher vor allem als wütenden Folk-Propheten auf dem NACC-Folk-Radar wahrgenommen hat, bekommt hier die Cartoon-Variante seiner Gesellschaftskritik.

Unterm Strich ist „„Kimberly Kankowski““ genau das, was man von Blind Uncle Harry im Jahr 2025 erwarten darf: musikalisch bewusst unspektakulär, textlich messerscharf, politisch aufgeladen und trotzdem irre lustig. Kein Song, der mit großer Produktion oder melodischer Finesse glänzt, aber einer, der lange im Kopf bleibt – als ziemlich laute Erinnerung daran, wie dünn die Haut einer Gesellschaft ist, die schon bei bunten Haaren und Tofu in den Kulturkampfmodus schaltet.

Mehr zu Blind Uncle Harry im Netz:

Blind Uncle Harry – Die offizielle Webseite:
https://blinduncleharry.com/

Blind Uncle Harry bei Facebook:
https://blinduncleharry.bandcamp.com/

Blind Uncle Harry bei Bandcamp:
https://www.facebook.com/BlindUncleHarry/

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