LAUTSTÆRKE – DÆMMERUNG: Zwischen Aufbruch, Abgrund und Alternative-Glanz – Albumkritik (Musikplaylist) [ Alternative Rock | Heavy Rock ]

Es gibt diese Platten, die nicht „entstehen“, sondern sich über Jahre zusammenziehen wie Wetterfronten: erst ein Flimmern am Horizont, dann Druck auf den Ohren – und irgendwann kippt die Luft. DÆMMERUNG, das neue Album der nordrhein-westfälischen Alternative-Rocker LAUTSTÆRKE, gehört genau in diese Kategorie. Man hört ihm an, dass hier nicht auf Terminkalender produziert wurde, sondern auf innere Notwendigkeit: Die Songs wirken wie aus einem Stück geformt, aber nicht geschniegelt; wie durchdacht, aber nicht verkopft. Und vor allem: wie das Ergebnis einer Band, die nach dem iTunes-/Amazon-Schub ihres Debüts Vom Morgen Danach und dem Zwischenkapitel Ruhe Vor Dem Sturm nicht das Nächstbeste abliefert, sondernde eigene Musik erweitert und weiterentwickelt zeigt.

Erlebt hier Chronologisch das ganze Album „DÆMMERUNG“ von LAUTSTÆRKE

Musikalisch fährt LAUTSTÆRKE weiterhin im Spannungsfeld aus alternativem Rock, Punk-Kante, Indie-Schimmer und Pop-Affinität – aber DÆMMERUNG klingt weniger nach „Stilmix“ als nach einer Bandidentität, die sich plötzlich selbstverständlich anfühlt. Wer Referenzen braucht, wird im Fahrwasser von Serum 114, Broilers, Die Ärzte oder Die Toten Hosen fündig – und doch schimmert da auch diese unangestrengte Melodie-Seligkeit durch, die man eher bei Sportfreunde Stiller verorten würde. Nur eben mit mehr Strom auf der Leitung und mehr Mut zur Kollision.

Zwischen Tagrest und Nachtsturz: Was DÆMMERUNG im Kern erzählt

Der Albumtitel ist Programm: DÆMMERUNG handelt von Zuständen, nicht von Parolen. Von diesem Moment, in dem die Welt noch hell genug ist, um zu funktionieren – aber bereits dunkel genug, um sich selbst nicht mehr zu trauen. Es geht um Fluchtimpulse und Rückfälle, um Selbstbehauptung und Selbstsabotage, um die Frage, ob man noch der Mensch ist, der morgens im Spiegel auftaucht. Die Texte sind dabei auffällig alltagsnah, ohne in Kalenderspruch-Pathos zu kippen: Betrug, Orientierungslosigkeit, Dating-Absurditäten, Außenseitertum, Kontrollverlust – alles Dinge, die keine epischen Metaphern brauchen, weil sie im Zweifel ohnehin schon episch genug sind.

Dass LAUTSTÆRKE dabei immer wieder Humor als Brecheisen nutzen, ist kein Gag-Feature, sondern Strategie: Die Ironie ist hier oft der letzte Rest Selbstschutz, bevor es ernst wird. Und genau das macht den Ton dieser Platte so glaubwürdig – weil er nicht vorgibt, nur eine Farbe zu kennen.

Sounddesign als Erzählform: Gitarren dürfen glänzen, Synths dürfen stechen

Das vielleicht größte Upgrade von DÆMMERUNG gegenüber den Vorgängern ist die Konsequenz im Arrangement. Wo viele deutschsprachige Rockplatten heute entweder auf „alles analog“ pochen oder Elektronik wie Deko behandeln, verschmelzen hier Gitarren und Synthesizer zu einer gemeinsamen Dramaturgie. Mal schiebt ein Indie-Pop-Flirren den Refrain nach vorne, mal wird eine Rockfigur so lange zugespitzt, bis sie im letzten Moment in eine elektronische Fläche fällt. Diese Band hat verstanden: Moderne Rockproduktion bedeutet nicht, dass die Gitarre verschwindet – sondern dass sie Seite an Seite mit anderen Elementen inszeniert wird.

Im Zentrum steht Frontmann André, dessen Stimme zwischen rotziger Direktheit und melodischem Pop-Gespür pendelt – ohne sich an einer großen Vorbilder-Parade festzubeißen. Dazu die Gitarrenarbeit von Tobias, die auffällig oft das tut, was in diesem Genre selten geworden ist: sie erzählt mit. Nicht als Solo-Zirkus, sondern als zweite Stimme. Das Fundament aus Drums (Marco) und Bass (Marvin) bleibt dabei druckvoll, aber beweglich – mehr „treibender Körper“ als „metronomische Wand“.

Track für Track: Wie LAUTSTÆRKE die Dämmerung ausleuchten

„Zug“ eröffnet das Album wie ein bewusst gesetzter Perspektivwechsel: erst luftige, nahezu sommerliche Gitarren – dann kippt das Ganze in ein Synth-getränktes Indie-Pop-Licht, das sich nicht entschuldigt, sondern behauptet. Inhaltlich ist „Zug“ ein Ausbruchsmantra gegen Alltagstristesse und gegen diese zähe Negativität, die sich in Routinen einnistet. Der Clou: Die Musik klingt genau so, wie der Text denkt – vorwärts, ungeduldig, immer kurz davor, aus dem Gleis zu springen. Und wenn André und Tobias hier wie zwei Stimmen eines inneren Streitgesprächs wirken, dann ist das kein Zufall, sondern Dramaturgie.

„Unfassbar“ zieht danach das Tempo an und macht aus persönlicher Enttäuschung eine Punkrock-Konfrontation. Akustisch angetäuscht, elektrisch durchgezogen: Der Song erzählt aus der Ich-Perspektive von Betrug, von der Wucht des Moments, in dem man merkt, wie sehr man sich belogen hat – und wie sehr die andere Person versucht, das Ganze im Nachhinein noch umzudeuten. LAUTSTÆRKE vermeiden dabei das peinliche „Rachelied“-Theater: „Unfassbar“ ist eher das Protokoll eines Klarblicks, der weh tut, aber nötig ist.

„Leben“ stellt die großen Fragen, ohne so zu tun, als hätte es die großen Antworten. Es geht um Schicksalsschläge, um das Weiterfunktionieren, obwohl innerlich alles bremst – und um diese stillen Gedankenschleifen: Wofür das alles? Warum ich? Warum überhaupt? Musikalisch sitzt der Midtempo-Groove lässig zwischen Funk-Anleihe und Indie-Rock, als wolle der Song sagen: Auch existenzielle Themen dürfen atmen. Gerade dann.

Schaut hier den Clip LEBEN

„Aus Sand“ ist wie das Foto, das schon im Moment des Klicks zu zerfallen beginnt. Ein sonniger Einstieg, eine scheinbar heile Oberfläche – und darunter die Ahnung, dass Stabilität manchmal nur geliehen ist. Der Song funktioniert als bewusst gesetzter Auftakt für „Strand“, der die gleiche Atmosphäre nimmt und sie in eine andere Richtung dreht.

Schaut hier Strand von LAUTSTÆRKE

„Strand“ klingt wie warme Nächte und zu viel Hoffnung – aber nicht im Kitsch-Sinne, sondern als entschlossener Eskapismus. Inhaltlich geht es um den Schritt vom Träumen ins Tun: nicht mehr nur vom gemeinsamen Urlaub fantasieren, sondern ihn tatsächlich passieren lassen. Dass der Refrain sofort kleben bleibt, ist kein Zufall, sondern Handwerk. LAUTSTÆRKE können Ohrwurm, ohne sich dafür kleiner zu machen.

Schaut hier den Clip zu „Schöner Tag“

„Schöner Tag“ ist dann der Tritt gegen die gepflegte Fassade. Wer lügt, ausgrenzt, empathielos durchs Leben stolpert, bekommt hier keine pädagogische Erklärung, sondern eine Punkrock-Absage mit Druck im Brustkorb. Der Song provoziert – aber nicht um der Provokation willen, sondern weil er dieses spezifische Gefühl trifft: Wenn Höflichkeit zur Selbstverleugnung wird, ist Unhöflichkeit manchmal nur Selbstachtung.

„Rendezvous“ karikiert modernes Online-Dating als rasendes Kopfkino: Aus einem harmlosen Match wird in Minuten eine groteske Überforderung, in der Erwartungen eskalieren, Grenzen verrutschen und die Zukunftsplanung peinlich früh den Raum betritt. Der Witz an „Rendezvous“: Er lacht nicht über Menschen, sondern über Dynamiken. Über diese digitale Beschleunigung, in der Intimität simuliert wird, bevor sie überhaupt entstehen kann – bis nur noch der Exit-Button bleibt.

„Anders“ setzt auf tiefer gestimmte Gitarren und einen Refrain, der durch markante Synth-Akzente eine eigene Farbe bekommt. Inhaltlich ist das ein selbstbewusstes Statement gegen Schubladendenken: Das Ich lässt sich nicht definieren, fordert Respekt, und dreht den Spieß um – „anders“ ist hier nicht Makel, sondern Normalzustand einer vielfältigen Welt. Dass der Song dabei nicht moralinsauer wird, liegt daran, dass er wie ein Bühnenmoment funktioniert: eine klare Ansage, ein aufrechter Stand.

Ein weiteres filmisches Meisterwerk von LAUTSTÆRKE. Funfact: Gitarrist Tobias ist für die filmische Inszenierung der Bandclips verantwortlich

„Kompass“ ist der dunklere Heavy-Rocker, der den Blick nach vorn erzwingt und gleichzeitig zeigt, wie schwer Bewegung sein kann. Der Text verdichtet das Gefühl, endlich neu anfangen zu wollen – und trotzdem innerlich festzustecken, weil alte Bilder, Schmerz und Sprachlosigkeit jede Richtung blockieren. „Ohne Kompass“ wird zum Sinnbild für Orientierungslosigkeit trotz Veränderungswillen: Der Wunsch ist da, aber die Koordinaten fehlen.

„Aufzug“ arbeitet mit einer Fahrstuhlansage und macht aus Hochmut eine kleine, bitterwitzige Parabel: erst rauf, dann runter – weil Überheblichkeit selten ohne Fallhöhe kommt. Gleichzeitig wirkt der Track wie ein Scharnier im Album: ein Übergang zwischen „Tag“ und „Nacht“, zwischen dem letzten Rest Licht und dem Sog der Dunkelheit.

„Nacht“ ist das Zentrum dieser zweiten Albumhälfte: ein düsterer Alternative-Rocker im Uptempo, der die Vollmondkulisse nutzt, um existenzielle Fragen aufzurufen. Woher kommen wir, was bleibt von uns, wie groß ist der Mensch im Maßstab des Kosmos – und wie klein in seiner eigenen Selbstkritik? Der Song kontert das Staunen mit zeitgenössischen Nadelstichen: als würde man beim Blick in den Himmel plötzlich merken, dass die eigentlichen Abgründe nicht dort oben, sondern hier unten liegen.

Der Clip „NACHT“

„Verfolgt von dir“ beginnt fast schon wie ein akustischer Thriller: schleichend, klaustrophobisch, als würden Schritte im Flur nicht mehr aufhören. Inhaltlich kippt eine beendete Beziehung in obsessive Nähe – Schatten, Flüstern, dieses Gefühl permanenter Präsenz. Besonders stark ist, wie der Song die Perspektiven verwischt: Man ist nicht sicher, wer hier jagt und wer flieht, bis der Twist deutlich macht, dass Abhängigkeit manchmal wechselseitig eskaliert. Unangenehm – im besten Sinne.

„Allerletztes Lied“ zeichnet das Porträt einer Außenseiterin, die tagsüber eine Maske trägt und nachts in Musik und Fantasie zur eigentlichen Version ihrer selbst wird. Das „allerletzte Lied“ ist dabei beides: Fluchtmoment und Befreiung, Trost und Warnsignal. Denn in dieser bittersüßen Melancholie schwingt die Fragilität des Rückzugsraums mit – als könnte er jederzeit kippen, als wäre das Ende nicht nur Metapher.

„Tanzen“ holt die Geschichte zurück in den Körper: Es geht um Routinen, Ablenkungen, das schleichende Verrutschen von Zeitgefühl und Stimmung – und um den sehr menschlichen Impuls, sich über Bewegung wieder zu spüren. Nicht als Show, nicht als Partybefehl, sondern als kleiner Akt der Selbstrettung: Kontrolle zurückgewinnen, Schwere abschütteln, wenigstens für drei Minuten.

„Atmen“ funktioniert als düsteres Intermezzo: ein kurzer philosophischer Schattenwurf, der weniger erklärt als vorbereitet. Man spürt: Hier wird Luft geholt, bevor der nächste Sog kommt.

„Schönheit“ macht aus der Nacht eine verführerische Macht. Der Song erzählt von einer geheimnisvollen, unnahbaren Präsenz – einer „Schönheit“, die Wärme und Geborgenheit verspricht, aber einen Preis fordert: Hingabe, Kontrollverlust, das stille Einverständnis, sich ihr zu überlassen. Zwischen gereinigter, stiller Stadt im Morgengrauen und dem erneuten Sog des roten Lichts entsteht ein Bild, das zugleich elegant und gefährlich ist: Die Dunkelheit als Komfortzone, die man nicht mehr verlassen will.

„Fenster“ (bereits von Ruhe Vor Dem Sturm bekannt) wirkt wie der leise Blick nach draußen, wenn man selbst kaum noch rauskommt. Innere Erschöpfung, Abgeschnittensein, dieser Alltag, der sich wie Watte anfühlt – und trotzdem bleibt da ein kleiner, hartnäckiger Impuls Richtung Licht. Gerade weil der Song nicht auf große Gesten setzt, trifft er: Er beschreibt Zustände, die viele kennen, aber selten sauber benennen können.

„Alles Ohne Dich“ schließt das Album als Midtempo-Rocker, der sich wie der Morgen danach anfühlt – nur ohne Erleichterung. Es geht um den Moment nach dem endgültigen Bruch, wenn Abwesenheit zur allgegenwärtigen Präsenz wird: Leere, Gedankenschleifen, der Versuch, Erinnerungen zu kontrollieren. Und dann diese bittere Erkenntnis: Selbst wenn es eine „zweite Chance“ gäbe – ohne die andere Person fühlt sie sich nicht nach Neubeginn an, sondern nach Stillstand. Ein Schluss, der nicht dramatisch „abschließt“, sondern nachklingt. Genau richtig für ein Album, das Dämmerung nicht als Farbe, sondern als Zustand versteht.

Warum DÆMMERUNG nicht einfach nur „die nächste deutschsprachige Rockplatte“ ist

Die Stärke von LAUTSTÆRKE liegt auf DÆMMERUNG nicht nur in Hooks und Druck, sondern im Mut zur Beweglichkeit. Diese Songs haben Pop-Appeal, ohne Pop zu spielen; sie haben Punk-Energie, ohne sich auf drei Akkorde zu beschränken; sie haben Heavy-Momente, ohne zum Muskelspiel zu werden. Vor allem aber: Die Platte wirkt wie aus einem Guss, obwohl sie stilistisch ständig die Richtung antäuscht und dann doch wieder abbiegt. Das ist nicht „wir können alles“, sondern „wir wissen, was wir erzählen wollen – und wir wählen dafür die passende Sprache“.

LAUTSTÆRKE – © 2025 by LAUTSTÆRKE

Und ja: Es gibt auf DÆMMERUNG diese kleinen Seitenhiebe, den schiefen Witz, die kurze Übertreibung – aber sie stehen nie im Weg. Sie sind eher die menschliche Kante, die verhindert, dass das Album zur Selbsttherapie ohne Publikum wird. Stattdessen entsteht ein Werk, das sich aufrichtig anfühlt, ohne sich zu entblößen; klug, ohne belehrend zu werden. Eine Platte, die beweist, dass deutschsprachiger Alternative Rock nicht entweder retro oder radiotauglich sein muss – sondern beides unterlaufen kann, wenn eine Band ihr Handwerk ernst nimmt.

Unsere Wertung:

 Songwriting: 9 von 10 Punkten
➤ Komposition: 9 von 10 Punkten
➤ Musikalische Fähigkeit: 10 von 10 Punkten
➤ Produktion: 9 von 10 Punkten

➤ Gesamtwertung: 9,5 von 10 Punkten

Unser Fazit:

DÆMMERUNG ist das Album einer Band, die nicht mehr nur „gut“ ist, sondern sicher in dem, was sie sein will. LAUTSTÆRKE verbinden Ohrwurm-Instinkt mit Arrangement-Mut, Alltagsthemen mit echter emotionaler Fallhöhe, Rockdruck mit elektronischem Feinschliff. Der Opener „Zug“ macht sofort klar, dass hier nicht verwaltet wird – und das Finale „Alles Ohne Dich“ beweist, dass die Band auch leise Konsequenz kann. Wenn deutschsprachiger Alternative Rock 2025 so klingen darf, ist die Dämmerung kein Ende, sondern ein Anfang.

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