Marty Augustine versetzt den Dancefloor in Trance: „Hypnotica“ öffnet das Tor zum elektronischen Wachtraum (Musikvideo) [Trance | Cinematic EDM | Progressive Electronic]

Kansas City ist für Jazz, Barbecue und weite Straßen bekannt. Marty Augustine ergänzt die Liste um einen 140-BPM-Wachtraum. „Hypnotica“, der fünfte Titel seines am 15. August 2025 erschienenen Albums „Ghosts“, trägt die beabsichtigte Wirkung bereits im Namen: Dieser Track will das Bewusstsein nicht mit einem großen Knall überwältigen, sondern es durch Wiederholung langsam auf seine eigene Umlaufbahn ziehen. Das zwei Wochen später veröffentlichte Musikvideo macht aus dem Albumstück einen eigenständigen Blickfang – inzwischen mit mehr als 30.000 Aufrufen auf YouTube.

Seht hier das offizielle Musikvideo zu „Hypnotica“ von Marty Augustine.

Bei Sonic Realms ist Augustine kein Unbekannter. Schon auf „Singularity“ verband er clubtauglichen Druck mit einem Faible für elektronische Kopfkinos. „Hypnotica“ führt diese Linie fort, konzentriert sie jedoch auf eine einzige Idee: Wie viel Veränderung braucht eine Schleife, damit aus Wiederholung ein Sog wird?

140 Schläge pro Minute, aber die Zeit bleibt stehen

Auf dem Papier ist „Hypnotica“ ein ziemlich eindeutiger Fall: Viervierteltakt, 140 BPM, D-Dur und eine Laufzeit von dreieinhalb Minuten. Das klingt nach fest vermessener Dancefloor-Architektur. In der Praxis arbeitet Augustine jedoch weniger mit geraden Wänden als mit Spiegeln. Die Kick hält den Körper zuverlässig auf Kurs, während sich Synthesizerflächen, kreisende Sequenzen und kleine melodische Verschiebungen gegenseitig überlagern. So bewegt sich der Song schnell, ohne gehetzt zu wirken. Der Beat rennt, der Raum um ihn herum scheint zu schweben.

Schon die Tonart führt ein wenig in die Irre. D-Dur besitzt von Natur aus nichts Düsteres, doch Marty Augustine hängt einen schweren elektronischen Vorhang davor. Breite Pads nehmen dem harmonischen Fundament das Tageslicht, ein stetig wiederkehrendes Synthesizermotiv ersetzt die klassische Hook und der Bass hält sich eng am Puls. Statt einer großen Melodie, die sofort ihre Visitenkarte auf den Tisch knallt, setzt „Hypnotica“ auf ein Muster, das sich mit jeder Runde tiefer einprägt. Die titelgebende Hypnose entsteht also nicht durch exotische Klangtricks, sondern durch Disziplin.

Gesang im herkömmlichen Sinn gibt es kaum. Ein kurzes, bearbeitetes Stimmfragment taucht wiederholt auf und funktioniert eher wie ein zusätzliches Percussion-Instrument als wie eine Erzählerin. Das ist eine kluge Entscheidung, denn ein kompletter Text würde die Projektionsfläche verkleinern. Augustine lässt offen, ob dieser Tunnel gerade in einen Club, einen Traum oder in eine unangenehm lebendige Erinnerung führt. Wer eine Geschichte braucht, muss sie selbst mitbringen.

Auch formal verweigert sich der Track dem üblichen Strophe-Refrain-Händedruck. Seine Dramaturgie entsteht aus Schichtung und Entzug: Elemente kommen hinzu, werden ausgedünnt und kehren leicht verändert zurück. Die Übergänge sind sauber gesetzt, die Spannungskurve bleibt jederzeit nachvollziehbar. Das macht „Hypnotica“ unmittelbar zugänglich, kostet dem Stück aber auch ein wenig Gefahr. Gerade wenn sich die Spirale festgezogen hat, wäre ein abrupter Bruch, ein fremder Akkord oder ein Lead-Sound willkommen, der kurz das Gleichgewicht zerstört. Augustine öffnet die Falltür, lässt sein Publikum jedoch nicht vollständig hindurchstürzen.

Darin liegt zugleich der Unterschied zwischen wirkungsvoller Genrearbeit und echter Neuerfindung. Die hellen Sequenzen, langen Flächen und kontrollierten Steigerungen tragen deutlich die DNA klassischer Trance-Produktionen und der frühen 2000er. Augustine versteckt diese Herkunft nicht. Er poliert sie mit moderner Klarheit und gibt ihr eine cinematische Breite, bleibt im Klangvokabular aber auf vertrautem Boden. Das Ergebnis ist kein radikaler Zukunftsentwurf, sondern ein sorgfältig gebauter Erinnerungsraum – und genau damit passt es hervorragend auf ein Album namens „Ghosts“.

Der fünfte Raum im Geisterhaus

„Ghosts“ umfasst zwölf Titel und knapp 44 Minuten. Augustine beschreibt das Album als Beschäftigung mit jenen Teilen der Vergangenheit, die man nicht vergisst: Alte Gefühle und Erinnerungen sollen wiederkehren, dabei aber neue hervorbringen. „Hypnotica“ setzt dieses Konzept nicht durch konkrete Rückblenden um. Der Song simuliert vielmehr den Mechanismus des Erinnerns. Ein Motiv erscheint, verschwindet kurz und kehrt verändert zurück. Was eben noch Hintergrund war, rückt nach vorn; was sicher schien, beginnt zu flimmern. Erinnerung ist hier kein Fotoalbum, sondern eine Schleife mit kleinen Fehlern.

Seine Position auf dem Album ist dabei nicht unwichtig. Nach „Which Is Witch“ führt der fünfte Track unmittelbar zum Titelstück „Ghosts“. Er bildet damit einen Korridor in die dunklere, stärker atmosphärische Mitte der Platte. Während Stücke wie „Drop That Bass“ ihre Funktion für den Club ziemlich offensiv im Titel tragen, wirkt „Hypnotica“ nach innen gekehrt. Der Groove bleibt tanzbar, aber sein eigentliches Ziel liegt hinter der Stirn. Das Stück interessiert sich mehr für Zustand als für Ereignis.

Damit gehört es neben „5 AM“ und „To The Stars“ zu den cinematischeren Momenten von „Ghosts“. Augustine komponiert elektronische Musik gern wie einen Soundtrack für einen Film, der noch nicht gedreht wurde. Bei „Hypnotica“ funktioniert das besonders gut, weil Rhythmus und Atmosphäre nicht um die Hauptrolle kämpfen. Die Kick liefert Bewegung, die Flächen liefern Tiefe und die wiederkehrende Figur hält beides zusammen. Viele Produzenten trennen Clubtauglichkeit und Kopfkino in zwei verschiedene Mischungen. Augustine lässt sie denselben Raum benutzen.

Das offizielle Musikvideo erschien am 28. August 2025, dreizehn Tage nach dem Album. Seine Fassung ist nur wenige Sekunden kürzer als der Streaming-Track und behandelt „Hypnotica“ damit nicht wie Rohmaterial für einen hastigen Social-Media-Ausschnitt, sondern als vollständiges Stück. Dass das Video inzwischen die Marke von 30.000 Aufrufen überschritten hat, ist für einen unabhängigen Produzenten durchaus bemerkenswert. Entscheidender ist aber, dass die visuelle Veröffentlichung einen Album-Deep-Cut ins Schaufenster stellt. Augustine wählt nicht bloß den lautesten Drop der Platte, sondern einen Track, der sein Selbstverständnis genauer abbildet.

Dieses Selbstverständnis nennt der Musiker „Electronic Music, Reimagined“. Ganz so umfassend fällt die Neuerfindung in „Hypnotica“ zwar nicht aus. Dafür sind die Trance-Bauteile zu bekannt und die Produktion zu kontrolliert. Glaubwürdig ist die Formel dennoch, wenn man sie kleiner liest: Augustine nimmt vertraute elektronische Formen und verschiebt ihren Zweck. Der Beat soll nicht ausschließlich einen Peak auf der Tanzfläche organisieren, sondern auch stilles, konzentriertes Hören aushalten. In den besten Momenten wird aus vier geraden Schlägen ein innerer Monolog ohne Worte.

Unser Fazit:

„Hypnotica“ ist kein Song, der sein Publikum mit Gewalt in Trance versetzt. Er bringt dem Körper vielmehr ein Muster bei, bis der Kopf aufhört, dagegen zu argumentieren. Marty Augustine verbindet einen entschlossenen 140-BPM-Puls mit breiten Flächen, kreisenden Sequenzen und genau dosierten Stimmfragmenten zu einem kompakten elektronischen Wachtraum. Die Produktion ist klar, räumlich und wirkungsvoll; als Bindeglied zwischen Dancefloor und imaginärem Filmscore gehört der Track zu den charakteristischsten Momenten von „Ghosts“.

Für den ganz tiefen Sog fehlt allerdings jener Moment, in dem die sorgfältige Ordnung einmal wirklich zerbricht. Einige Übergänge sind vorhersehbar, manche Klangfarben tragen ihre klassische Trance-Herkunft sehr offen. Doch Augustine kennt die Wirkung von Wiederholung und widersteht dem Reflex, jede Steigerung mit maximalem Bombast zu quittieren. „Hypnotica“ erfindet das Genre nicht neu – aber es beweist, dass ein vertrauter Puls noch immer fremde Räume öffnen kann. Man muss ihm nur lange genug folgen.

Mehr zu Marty Augustine im Netz

Offizielle Website:
https://www.martyaugustine.com/

Slice Pirate Music bei Instagram:
https://www.instagram.com/slicepiratemusic/

Marty Augustine bei Spotify:
https://open.spotify.com/artist/5G7XQ4O8H6eQ67UtONdId4

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