Tim Vicia – „Dieses Leben“ als fantastischer Soundtrack der Überforderung (Musikvideo) [ Indie-Pop | Bedroom Pop | Sad Pop ]

In einem Jahr, in dem Deutschpop nur allzu oft nach playlisttauglicher Wellness klingt, schleicht sich aus einem Schlafzimmer in Monheim am Rhein eine Stimme in den Feed, die mehr flüstert als schreit: Tim Vicia. Mit seiner Single „Dieses Leben“ legt der Newcomer keinen weiteren Motivationsspruch mit Beat vor, sondern eine stille Bestandsaufnahme eines Daseins, das sich seltsam falsch anfühlt, obwohl nach außen alles halbwegs funktioniert. Der Song ist weniger Flucht als Verdichtung: ein dreieinhalbminütiger Einblick in die Momente zwischen Snooze-Taste, Pendelstrecke und „Alles gut bei dir?“-Smalltalk, in denen die Fassade langsam knirscht.

Erlebt hier den Song „Dieses Leben“ von Tim Vicia

Zwischen Bürokaffee und innerem Ausnahmezustand

In den Lyrics von „Dieses Leben“ zeichnet Tim Vicia eine Figur, die äußerlich brav mitläuft, innerlich aber permanent auf Reserve fährt. Statt große Tragödien zu beschwören, bleibt er nah an Szenen, die jede*r kennt: das viel zu frühe Aufstehen, die leere Bahn, der erste Kaffee, der eher Betäubungsmittel als Genussmittel ist. Zeilen wie „Ich versuch’s so hart“ treffen genau diesen Punkt, an dem Anstrengung schon längst keine Lösung mehr, sondern Teil des Problems ist. Tim Vicia romantisiert dieses Gefühl der Überforderung nicht, er verklärt es aber auch nicht zum großen Rebellionsmoment. Vielmehr beschreibt „Dieses Leben“ die Müdigkeit, die entsteht, wenn man ständig versucht, den Erwartungen eines Systems gerecht zu werden, in dem man sich nie wirklich zuhause fühlt. Dass er dabei auf pathetische Bilder verzichtet und stattdessen leise Beobachtungen stapelt, macht die Nummer umso näher – als würde jemand endlich aussprechen, was man selbst seit Monaten mit sich herumschleppt.

Warm, weich, aber nie beliebig

Musikalisch bewegt sich „Dieses Leben“ irgendwo zwischen Bedroom Pop, Indie-Pop und der Sorte Sad Pop, die ihre Melancholie nicht als Masche, sondern als Ausgangspunkt versteht. Warme Gitarrenflächen legen sich wie ein dünner Mantel über zurückhaltende Drums, während weiche Synths den Raum auffüllen, ohne ihn zuzukleistern. Man hört, dass Tim Vicia seine Songs zu Hause baut: Die Produktion wirkt intim, fast so, als säße man tatsächlich im selben Zimmer, während er an seinen Takes feilt. Gleichzeitig klingt hier nichts nach schnellem Demo-Upload. Die Sounds sind sorgfältig geschichtet, die Dynamik kommt schleichend: Erst gegen Ende öffnen Streicher und Chöre die Tür zu einem größeren, fast cinematischen Moment, ohne die Grundstimmung zu verraten. Dieser Spannungsbogen – vom fast geflüsterten Beginn bis zur behutsam anschwellenden Klimax – erinnert eher an eine Welle, die langsam anrollt, als an den üblichen Pop-Drop. Wer Hooks im Neonformat sucht, wird hier weniger fündig. Stattdessen bietet „Dieses Leben“ eine Melodie, die sich nicht in der ersten Sekunde ins Hirn fräst, sondern bei wiederholtem Hören wächst – unaufdringlich, aber hartnäckig.

Ein Schlafzimmer als offenes Sprechzimmer

Der vielleicht größte Trumpf von Tim Vicia ist seine Stimme: angenehm, manchmal fast hauchend, aber mit genug Tiefe, um das Gewicht der Themen zu tragen. Sie wirkt nicht wie die perfekte Popstimme aus der Retorte, sondern wie jemand, der seine Brüche nicht aus dem Mix radiert hat. Dass Tim Vicia offen mit Depressionen, psychischen Belastungen, komplizierten Beziehungen und Versagensängsten umgeht, merkt man „Dieses Leben“ in jeder Zeile an – ohne dass der Song in Tagebucheinträge abgleitet. Statt Nabelschau gibt es geteilte Erfahrung: ein „Ich kenne das“, das sich an alle richtet, die sich im Hamsterrad ständig einen Schritt zu spät fühlen. Besonders spannend ist, wie selbstverständlich Tim Vicia damit auch eine bestimmte Vorstellung von Männlichkeit unterläuft. Hier singt kein unnahbarer Typ, der seine Gefühle hinter Coolness verschanzt, sondern jemand, der Verletzlichkeit bewusst an die Oberfläche lässt – und damit vor allem männlich gelesene Hörer dazu einlädt, ihre eigene Pose zumindest kurz zu hinterfragen. Das Schlafzimmer, in dem seine Songs entstehen, wird so zum symbolischen Sprechzimmer: kein klinischer Raum, sondern ein Ort, an dem man sich mit all dem zeigen darf, was sonst gern unter den Teppich gekehrt wird.

Vom Akustik-Anfang zur Indie-Signatur

Wer Tim Vicia seit der Debütsingle „Kleber, Spachtel und Lack“ verfolgt, erkennt in „Dieses Leben“ eine konsequente Weiterentwicklung. Der ursprünglich stärker akustische Ansatz ist hier zu einem samtigen Indie-Pop-Sound herangewachsen, der die Intimität beibehält, aber deutlich größer denkt. Auch im Vergleich zur Vorgänger-Single „Ich Will Zurück“ wirkt „Dieses Leben“ fokussierter: weniger Fluchtfantasie, mehr schonungslose Bestandsaufnahme. Die Themen bleiben ähnlich – Nicht-Ankommen, Sehnsucht, der Druck, den die Gesellschaft leise, aber unerbittlich ausübt –, doch die Art, wie Tim Vicia sie erzählt, gewinnt an Klarheit. Kritikpunkt? Wer auf dem Weg durch die bisherigen Singles schon das Gefühl hatte, die Kombination aus warmen Gitarren, schwebenden Synths und melancholischer Grundstimmung in- und auswendig zu kennen, wird hier nicht plötzlich aus der Komfortzone gerissen. Die Soundästhetik ist so stimmig wie vorhersehbar. Aber vielleicht ist genau das der Punkt: Tim Vicia versucht gar nicht, auf Biegen und Brechen neu zu klingen, sondern eine Sprache zu verfeinern, die zu seinen Themen passt.

Soundtrack für Menschen, die trotzdem weitermachen

Am Ende ist „Dieses Leben“ kein Song, der Probleme löst, sondern einer, der sie beim Namen nennt und damit ein Stück weit entwaffnet. Er begleitet eher, als dass er antreibt; er tröstet, ohne falsche Versprechen zu machen. Genau darin liegt seine Stärke: in der leisen Beharrlichkeit, mit der Tim Vicia daran erinnert, dass Überforderung kein individuelles Versagen ist, sondern oft eine konsequente Folge eines Alltags, der für viele zu eng gestrickt ist. Für einen noch jungen Künstler aus Monheim am Rhein ist das bemerkenswert reflektiert. Zwischen Bedroom-Pop-Ästhetik, Indie-Feinsinn und einer entwaffnend ehrlichen Schreibweise formt Tim Vicia mit „Dieses Leben“ so etwas wie seinen musikalischen Fingerabdruck: melancholisch, aber nicht hoffnungslos, traurig, aber nie zynisch, verletzlich, aber nicht wehrlos. Wer Popmusik sucht, die sich traut, im Dunkeln sitzen zu bleiben, statt hektisch das Licht anzuknipsen, ist hier genau richtig.

Mehr zu Tim Vicia im Netz:

Tim Vicia bei Instagram:
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https://tiktok.com/tim.vicia

Tim Vicia bei Spotify anhören:
https://open.spotify.com/artist/4tglRh9xETlDRwLZdmjhHh

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