Mastodon – „Marrow Deep“: Mit gewaltigen Riffs gegen die Geister der Vergangenheit (Musikplaylist) [ Progressive Metal | Sludge Metal | Progressive Rock ]

Mastodon stehen auf „Marrow Deep“ vor einer Frage, die sich mit einem besonders komplizierten Riff allein kaum beantworten lässt: Wie klingt eine Band weiter, wenn ein Teil ihrer unverwechselbaren Persönlichkeit fehlt? Das neunte Studioalbum ist das erste ohne Brent Hinds, der die Band im März 2025 verließ und im August desselben Jahres bei einem Motorradunfall starb. Gitarrist Nick Johnston und Keyboarder João Nogueira erweitern nun das verbliebene Trio. Heraus kommt ein Album, das seine Trauer mit erstaunlicher Beweglichkeit verbindet. Die Gitarren drücken wieder entschlossener nach vorne, während Synthesizer und Orgeln neue Wege durch die Arrangements öffnen. Allerdings lösen zwölf Songs und rund 65 Minuten nicht jedes alte Problem. Zwischen hervorragenden Einfällen taucht weiterhin jene kompositorische Bequemlichkeit auf, die bei einer Band dieses Formats besonders auffällt.

Hört hier die offizielle Albumplaylist zu „Marrow Deep“ von Mastodon.

Zwölf Songs gegen die Erstarrung

Schon die personelle Neuordnung verschiebt das Gleichgewicht. Troy Sanders und Brann Dailor teilen sich den Gesang, dessen rauere und melodischere Seiten klar voneinander abgesetzt bleiben. Hinds’ eigentümlicher Tonfall fehlt dabei ebenso wie seine unberechenbaren Gitarrenwendungen. Johnston besitzt die technische Souveränität, um anspruchsvolle Passagen selbstverständlich wirken zu lassen. Nogueira verändert die Klangsprache deutlicher: Seine Tasteninstrumente bekommen Platz für eigene Figuren und übernehmen stellenweise die Führung. Dadurch entsteht eine reizvolle Spannung zwischen vertrautem Fundament und neuer Besetzung. Die Platte klingt nach einer Gruppe, die ihr Verhältnis zueinander gerade neu bestimmt.

„Barbarians Blood“ eröffnet das Album mit der nötigen körperlichen Präsenz. Schwere Riffs gehen in einen punkig angetriebenen Vorwärtsdrang über, harmonisierte Gitarren schieben zusätzliche Bewegung hinein. Der Wechsel zwischen Gewicht und Geschwindigkeit funktioniert, weil die einzelnen Abschnitte aufeinander reagieren. Gerade bei einer so technisch versierten Band ist das entscheidend: Ein Taktwechsel gewinnt seinen Wert erst durch das, was er mit dem Song macht. Hier verschärft er den Zug nach vorne. Der Auftakt setzt die Erwartung an eine konzentrierte Platte entsprechend hoch. Sein Erinnern an die frühe Sludge-Energie wirkt überzeugend, weil die inzwischen gewonnene melodische Erfahrung darin erhalten bleibt.

„Poisonous Weapons“ vertraut stärker auf zähes Schieben und die Wirkung eines massiven Bassfundaments. Sanders trägt mit seinem angespannten Gesang zur bedrückenden Atmosphäre bei. Dabei hält die Komposition genügend melodische Bewegung bereit, um ihrem eigenen Gewicht zu entkommen. Der Song demonstriert eine Qualität, die Mastodon lange ausgezeichnet hat: Härte entsteht hier auch aus Reibung innerhalb des Arrangements. Die Instrumente ziehen gemeinsam voran, setzen jedoch unterschiedliche Akzente. Nicht jede Wendung überrascht, aber das Stück besitzt einen klaren Schwerpunkt. Diese Entschlossenheit tut einem Album gut, dessen Vorgänger „Hushed And Grim“ seine Ideen gelegentlich zu großzügig ausbreitete.

Zum frühen Höhepunkt wird „Your Ghost Again“. Das kreisende Riff und der drängende Verlauf geben dem persönlichen Thema eine überzeugende Form. Erinnerung erscheint darin als etwas, das immer wieder in die Gegenwart einbricht. Der melodische Refrain schafft Wiedererkennbarkeit, ohne die Unruhe des übrigen Songs vollständig aufzulösen. Gerade diese Verbindung hält das Stück zusammen: Es ist zugänglich und bleibt zugleich nervös. Als Auseinandersetzung mit Hinds’ Verlust braucht der Titel keine demonstrative Feierlichkeit. Die Spannung zwischen Vorwärtsbewegung und Festhalten erzählt bereits genug. Hier gelingt Mastodon ein Song, dessen emotionale Wirkung und musikalische Konstruktion tatsächlich voneinander profitieren.

„Snakes For Dinner“ besitzt einen anderen Reiz. Josh Homme kehrt als Gast zurück und setzt mit seinem lässigen Gesang einen wirkungsvollen Akzent. Die Gitarren treiben den Song energisch an, während die Keyboardpassagen die Schwere aufbrechen und den Blick Richtung Siebzigerjahre lenken. Besonders gut funktioniert der Wechsel zwischen körperlichem Groove und melodischer Geschmeidigkeit. Die Beteiligung des Queens Of The Stone Age-Frontmanns fügt sich darin sinnvoll ein. Sein Wiedererkennungswert allein würde den Song kaum tragen; der griffige Aufbau erledigt die eigentliche Arbeit. Das offizielle Video begleitet diesen ebenso verspielten wie druckvollen Albumabschnitt.

Seht hier das offizielle Musikvideo zu „Snakes For Dinner“ von Mastodon mit Gastgesang von Josh Homme.

Auf „Out Like A Lamb“ bekommt Johnston Gelegenheit, seine eigene Handschrift deutlicher zu zeigen. Das ausgedehnte Solo verbindet technische Präzision mit einer melancholischen Melodieführung. Entscheidend ist weniger die Zahl der Noten als die Fähigkeit, aus ihnen einen nachvollziehbaren Bogen zu formen. Die beweglichen Basslinien halten darunter das Geschehen lebendig. Dennoch macht gerade dieser Song den Verlust von Hinds greifbar: Dessen eigensinnige Phrasierung besaß eine andere Art von Spannung. Johnston überzeugt dort, wo er sich auf seine Stärken verlässt. Als neuer Gitarrist braucht er schließlich eine eigene Sprache, um dieser Besetzung dauerhaft etwas hinzuzufügen.

„In The Ruins“ verlangsamt anschließend den Puls. Der Song verarbeitet die Zerstörungen, die Hurrikan Helene im Leben von Sanders und seiner Familie hinterließ. Zurückgenommene Gitarren und sein rauer, verletzlich wirkender Gesang tragen die erste Strecke. Die spätere Steigerung gibt der Komposition Richtung, kommt allerdings nach einem Aufbau, dessen Prinzip früh erkennbar ist. Das begrenzt den Überraschungseffekt. Trotzdem gehört die konkrete Erfahrung hinter dem Stück zu den stärkeren Aspekten des Albums: Hier erhält das häufig beschworene Thema Verlust einen fassbaren Ort. Das von Hey Beautiful Jerk gestaltete Musikvideo übersetzt diese Erfahrung in eine Reise durch verwüstete Landschaften.

Seht hier das offizielle Musikvideo zu „In The Ruins“ von Mastodon, gestaltet von Hey Beautiful Jerk.

Wenn die Tasten das Riff herausfordern

Mit „They’re Coming For You“ kehrt eine bedrohlichere Stimmung zurück. Auf- und absteigende Gitarrenfiguren, wechselnde rhythmische Akzente und die präsenten Keyboards halten die Struktur in Bewegung. Der Refrain setzt dagegen einen vergleichsweise festen Orientierungspunkt. Das ist wirkungsvoll gebaut, aber auch ein vertrauter Kunstgriff. Spannender wird es auf „Golden Spires“, wenn Dailors Schlagzeug die Aufmerksamkeit an sich zieht. Seine Wirbel und Verschiebungen bringen die Riffs zum Arbeiten; das Zusammenspiel bleibt dicht, ohne bloß eine Abfolge technischer Prüfungsaufgaben zu ergeben. Gerade hier zeigt sich, wie viel Ausdruck ein Arrangement aus der Organisation seines Rhythmus gewinnen kann.

„Moth And Bone“ lockert den Verlauf mit einer nach innen gerichteten Atmosphäre. Die Synthesizer vergrößern den Raum um die Melodien, und die weicheren Klangfarben bringen eine willkommene Abwechslung. Dieser Ansatz steht der neuen Besetzung gut, weil Nogueira die Stimmung aktiv mitgestalten kann. Ganz aus dem gewohnten Formenbestand löst sich das Stück allerdings nicht. Der Reiz liegt stärker in seiner Textur als in einer zwingenden Entwicklung. Als Kontrast innerhalb des Albums erfüllt es seinen Zweck; als eigenständiger Höhepunkt bleibt es hinter den energischeren Songs zurück. Ein wenig mehr Mut zur offenen Form hätte hier neugierig gemacht.

Darauf antwortet „A Vampire’s Demeanor“ mit einer deutlichen Verschärfung. Randy Blythe und Nate Newton bringen zusätzliche Härte in den Gesang, die Riffs bewegen sich entsprechend entschlossen. Der Gastauftritt funktioniert, weil die unterschiedlichen Stimmen den Song tatsächlich verändern. Die Aggression besitzt eine andere Farbe als zuvor, ohne den Zusammenhang des Albums zu sprengen. Im späten Verlauf ist dieser Ausbruch gut platziert. Nach mehreren stärker ausleuchtenden Passagen braucht die Dramaturgie wieder einen unmittelbar wirksamen Impuls. Den liefert das Stück mit einem Nachdruck, der manchen ausführlicher gebauten Kollegen fehlt.

„The Vanishing“ holt mit Geezer Butler einen weiteren prominenten Gast ins Boot. Sein Bassintro stellt eine Verbindung zu Black Sabbath her, die der Song anschließend auf deren psychedelischer Seite weiterverfolgt. Erinnerungen an „Planet Caravan“ liegen nahe: Der Gesang schwebt, die Gitarren bekommen Raum, und die Musik entwickelt einen entrückten Sog. Der spätere Druckzuwachs bewahrt das Stück vor dem vollständigen Versinken in seiner Atmosphäre. Trotzdem hätte die Reise gelegentlich eine entschlossenere Kursänderung vertragen. Ihre stärkste Idee liegt im Zusammenspiel von schwerem Fundament und schwebender Oberfläche. Sobald diese Beziehung nur noch fortgeschrieben wird, verliert die Dauer etwas von ihrer Berechtigung.

Das knapp achtminütige „The Three Fates“ bildet schließlich den passenden großen Abschluss. Neil Fallon bringt seine markante Stimme ein, während elektrische Pianoklänge und Orgel das Arrangement weiter öffnen. Der Titel verweist auf die drei Schicksalsgöttinnen der griechischen Mythologie und bündelt damit die Fragen nach Leben, Verlust und Verbindung. Musikalisch funktioniert das Finale am besten, wenn die Instrumente miteinander in Bewegung bleiben und sich aus den Übergängen neue Spannung entwickelt. Der zusätzliche Raum gibt den Beteiligten Gelegenheit, ihre Eigenheiten auszuspielen. Das ist eine plausible Schlussentscheidung für eine Platte, deren interessanteste Zukunftsperspektive im veränderten Zusammenspiel liegt.

Die Produktion von Patrik Berger, Kurt Ballou und der Band hält die vielen Zutaten übersichtlich zusammen. Gitarren, Tasten und Gesang lassen sich innerhalb der dichten Arrangements gut verfolgen. Zugleich wirkt die Oberfläche bisweilen zu geglättet; die hohe Verdichtung nimmt einigen schweren Passagen einen Teil ihrer möglichen Wucht. Gerade das lebendige Schlagzeugspiel würde von stärker fühlbaren Lautstärkeunterschieden profitieren. Das Ergebnis ist kraftvoll und detailreich, lässt aber gelegentlich jene Luft vermissen, die eine Steigerung wirklich groß werden lässt. Ein sauber erkennbares Instrument ist schließlich noch keine Garantie dafür, dass sein Anschlag den Hörer auch mit voller Wirkung erreicht.

Über die gesamte Spielzeit bleibt damit ein produktiver Widerspruch bestehen. „Marrow Deep“ besitzt hervorragende Musiker, mehrere zwingende Songs und eine hörbare Lust am Weiterarbeiten. Gleichzeitig setzen Mastodon häufig auf bewährte Abläufe aus schwerem Riff, entlastender Passage und anschließender Verdichtung. Das bringt Verlässlichkeit, kostet aber jene Überraschungen, für die ihre stärksten Alben stehen. Gegenüber „Hushed And Grim“ gewinnt das Material an Vorwärtsdrang. Für eine rundum überzeugende Erneuerung wären an einigen Stellen mutigere Entscheidungen und ein strengerer Schnitt nötig gewesen. Die emotionale Vorgeschichte erklärt die Bedeutung dieser Platte. Ihre musikalische Qualität muss sich trotzdem an den Songs messen lassen.

Unsere Wertung:

Wertung
Songwriting
7,5/10
Komposition
8/10
Produktion
7,5/10
Musikalische Fähigkeit
9,5/10
Gesamtwertung8,1von 10 PunktenØ aus vier Kriterien

Unser Fazit:

„Marrow Deep“ zeigt Mastodon als weiterhin bewegliche Band, deren neue Besetzung erkennbare Möglichkeiten eröffnet. „Your Ghost Again“, „Snakes For Dinner“ und „Golden Spires“ verbinden Druck, melodische Kontur und rhythmische Raffinesse besonders überzeugend. Die stärkere Rolle der Keyboards erweitert das Ausdrucksspektrum, während Johnston seinen Platz mit technischer Klasse und melodischem Gespür ausfüllt. Hinds’ unverwechselbarer Eigensinn bleibt dennoch spürbar abwesend. Einige vorhersehbare Steigerungen und die dichte Produktion verhindern, dass alle zwölf Titel dieselbe Wirkung entfalten. Die Platte verdient Aufmerksamkeit für ihre gelungenen Songs und das Potenzial ihres neuen Zusammenspiels. Ein weiterer unumstrittener Klassiker steht damit nicht automatisch im Regal. Wohl aber ein starkes, stellenweise hervorragendes Album, das den nächsten Schritt dieser Band interessant macht. Entscheidend wird sein, wie konsequent Mastodon die hier geöffneten Möglichkeiten künftig weiterverfolgen.

Mehr zu Mastodon im Netz

Offizielle Website von Mastodon:
https://www.mastodonrocks.com/

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„Marrow Deep“ bei Spotify:
https://open.spotify.com/album/0vg1J7pmgC1X7ZeGllEQGz

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