ÖTTE: Manege Frei für den Prolog „Rockin‘ Clown!“ aus Neuss (Musikvideo) [ Art Rock | Heavy Rock | Rock ’n‘ Roll ]

Deutschrock hat ein Imageproblem. Zu oft klingt das Genre nach Lederweste, Stammtischgekräle und kalkulierter Pose. ÖTTE macht es auf »Prolog« Gottseidank komplizierter. Die vier Songs der EP bedienen zwar durchaus klassische Rock-Reflexe, schielen aber nicht nach bierseliger Mitgröhlware. Stattdessen hört man einem Musiker zu, der schon seit den Achtzigern im Geschäft ist, mit der ÖTTEBAND Erfolge feierte, Soloalben veröffentlichte, mit »Mayday« sogar beim Deutschen Rock & Pop Preis abräumte und nun offenbar keine Lust mehr hat, irgendwem etwas zu beweisen. »Prolog« ist damit weniger Alterswerk als Standortbestimmung: vier Songs zwischen Heavy Rock, Punk-Anflug, Theaterblut und Balladenschmerz. Nicht immer subtil. Aber ziemlich wach.

Hört und seht hier die YouTube-Playlist zu »Prolog« von ÖTTE.

Der Zirkus brennt wieder

»Rockin’ Clown (Gimme All Your Lovin’)« eröffnet die EP mit breitem Grinsen und schwerem Schuhwerk. Der Song stapft nicht einfach los, er stellt sich in den Raum. Michael Hahn liefert am Schlagzeug keinen sterilen Klicktrack-Unterbau, sondern arbeitet mit Druck, Toms und kleinen Verschiebungen, die dem Stück Leben geben. Rene Radke macht am Bass das, was Bassisten in solchen Songs machen sollten: Er hält nicht nur den Boden fest, sondern schiebt die Nummer aktiv nach vorne. Darüber legt Frank Bothur Gitarren, die zwischen Hardrock-Kante und bluesiger Erdung pendeln. Das riecht nicht nach Garage, sondern nach Leuten, die wissen, wie man ein Riff nicht totpoliert.

Im Zentrum steht natürlich Chris Ötte. Sein Bariton klingt wie eine Stimme, die schon zu viele Nächte, Bühnen und Rückschläge gesehen hat, um noch künstlich jugendlich wirken zu wollen. Genau das macht den Reiz aus. Der Clown des Songs ist keine lustige Jahrmarktfigur, sondern ein Bühnenarbeiter mit offenen Rechnungen. Er bringt anderen den Rock ’n’ Roll zurück, lässt sie kurz aus dem Alltag kippen und versteckt dabei den eigenen Schmerz hinter der Show. Das ist nicht neu, aber wirksam. Vor allem, weil ÖTTE daraus kein Jammerdrama macht, sondern einen kompakten Rocksong mit Selbstironie, Druck und Pathos-Dosierung.

Berlin als offene Bühne

»Theater In Berlin« zieht danach das Tempo an und wirkt wie der kleine, rotzige Bruder des Openers. Punk ’n’ Roll, ja. Aber keiner, der sich auf drei Akkorde und Attitüde ausruht. Die Rhythmusgruppe hält das Ding in Bewegung, die Gitarren setzen knappe Haken, und der Song bekommt einen angenehm nervösen Puls. ÖTTE singt nicht über Berlin, als hätte er einen Reiseführer vertont. Die Stadt erscheint hier als kaputte Kulisse: hell, laut, verführerisch, schmutzig, überdreht.

Der Text arbeitet mit Großstadtbildern, ohne in Postkartenromantik zu kippen. Liebe kostet, Hoffnung bleibt trotzdem im Spiel, und irgendwo zwischen Dreck, Licht und Überforderung steht diese Stadt wie ein übernächtigter Hauptdarsteller auf wackligen Beinen. Das kann schnell peinlich werden. Wird es hier aber nicht, weil »Theater In Berlin« seine Dramatik mit Tempo abfedert. Statt Betroffenheitsballade gibt es eine Nummer, die rennt, während sie blutet. Gute Entscheidung.

Der hässliche Blick zurück

Mit »Seelenfresser« betritt die EP ihren dunkelsten Raum. Synthesizer und Effekte öffnen den Song fast horrorartig, bevor Gitarren, Bass und Doublebass-Drums die Tür eintreten. Hier rückt ÖTTE am deutlichsten in Richtung Metal. Nicht im Sinne von Genre-Kostüm, sondern über Atmosphäre, Gewicht und Aggression. Der Vers hält die Spannung zunächst enger, der Refrain bricht dann deutlich massiver auf. Das Stück weiß, wann es drohen und wann es zuschlagen muss.

Inhaltlich zerlegt »Seelenfresser« toxische Nähe, Manipulation und die Spuren, die solche Begegnungen hinterlassen. Der Song klingt wie eine verspätete Antwort auf jemanden, der zu lange Macht über das Innenleben eines anderen hatte. Interessant ist dabei die Wendung: Aus dem Angegriffenen wird kein Heiliger. Die Nummer lässt auch Rache, Spott und Gegenvergiftung zu. Genau dadurch gewinnt sie an Schärfe. Hier geht es nicht um moralisch saubere Selbstheilung, sondern um den Moment, in dem jemand genug hat. Musikalisch ist das der stärkste Ausbruch der EP.

Asche, Schnee und Erinnerung

»Kalter Morgen« macht anschließend das Licht aus, aber nicht den Vorhang zu. Die Ballade beginnt mit einem verfremdeten Klavier, das tatsächlich so klingt, als käme es aus einer alten Aufnahme, bevor sich der Song in einen größeren, klareren Klangraum bewegt. Streicher, akustische Gitarren und melodische E-Gitarrenlinien sorgen für eine Melancholie, die nicht billig nach Trauerkarte klingt. Das ist wichtig, denn der Text hat Gewicht.

Der Song denkt über Erinnerung, Gewalt, Überleben und das langsame Verschwinden von Geschichte nach. Schnee, Asche, Staub, Blei: Das sind keine dekorativen Bilder, sondern Bestandteile einer kalten Rückschau. ÖTTE singt das mit genug Pathos, um die Szene groß zu machen, aber nicht so dick, dass sie unter Kitsch zusammenbricht. Nach dem Zorn von »Seelenfresser« wirkt »Kalter Morgen« wie ein ernüchterter Blick auf das, was bleibt, wenn der Lärm vorbei ist. Der Song ist vielleicht der traditionellste Moment der EP, aber auch der verletzlichste.

Nicht cool, aber glaubwürdig

Das Spannende an »Prolog« ist nicht, dass ÖTTE irgendeinen Zeitgeist besonders elegant umarmt. Tut er nicht. Diese EP will nicht hip sein, nicht ironisch distanziert, nicht urban veredelt. Sie steht eher breitbeinig im eigenen Kosmos und nimmt in Kauf, dass manche Formulierung, manche Geste und mancher dramatische Moment größer ausfallen, als es der Indie-Geschmackspolizei lieb wäre. Aber genau darin liegt auch ihre Stärke. ÖTTE spielt nicht den abgeklärten Beobachter. Er meint das ernst.

Produktion und Arrangement sitzen überwiegend solide, auch wenn man sich an manchen Stellen noch etwas mehr Luft, Kante oder Mut zur Hässlichkeit wünschen könnte. Gerade bei einem Song wie »Seelenfresser« dürfte der Sound noch fieser zupacken. Trotzdem funktioniert die EP als Gesamtpaket, weil sie vier unterschiedliche Facetten zeigt, ohne auseinanderzufallen: Rockshow, Großstadtpuls, dunkle Abrechnung, erinnerungsschwere Ballade. Als Vorbote auf »Rockin’ Clown« erfüllt »Prolog« damit genau seinen Zweck. Es macht neugierig, ohne alles vorwegzunehmen.

Unsere Wertung:

➤ Songwriting: 8 von 10 Punkten
➤ Komposition: 8 von 10 Punkten
➤ Musikalische Fähigkeit: 8 von 10 Punkten
➤ Produktion: 7,5 von 10 Punkten

➤ Gesamtwertung: 8 von 10 Punkten

Unser Fazit:

»Prolog« ist keine Revolution und auch kein Versuch, Deutschrock neu zu erfinden. Gut so. ÖTTE konzentriert sich auf das, was er kann: Geschichten mit Druck, Stimme und dramatischem Instinkt erzählen. Die EP hat Muskeln, Narben und ein paar Theatervorhänge zu viel, aber sie besitzt Charakter. »Rockin’ Clown (Gimme All Your Lovin’)« eröffnet mit schwerem Groove, »Theater In Berlin« bringt Bewegung, »Seelenfresser« liefert die harte Kante, und »Kalter Morgen« setzt den melancholischen Schlussstrich. Wer klinische Coolness sucht, ist hier falsch. Wer Rockmusik mit Haltung, Pathos und brauchbarem Punch will, darf bleiben.

Mehr zu ÖTTE im Netz

ÖTTE – Offizielle Webseite:
https://oette.jimdoweb.com/

ÖTTE bei Instagram:
https://www.instagram.com/chrisoette/

ÖTTE bei Spotify anhören:
https://open.spotify.com/artist/2MKGP2k1VmWiyRFKirwtMp

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