Beirut bekommt in diesem Stück einen eigenen Körper. Die Stadt erwacht, bewegt sich und wird zur Tanzpartnerin einer Sängerin, die sich in ihrem nächtlichen Rhythmus wiedererkennt. Mit „Beirut Be Leyl“ verbinden Shereen Suleiman und JOOL dunkle Elektronik, Livepercussion und arabischen Gesang zu einer ausgedehnten Begegnung zwischen Mensch, Maschine und Metropole. Ihre erste gemeinsame Originalkomposition handelt von Zugehörigkeit, von der Lust am Wachbleiben und von einer Freiheit, die sich im gemeinsamen Tanzen für einige Stunden verwirklichen lässt.
Zwei musikalische Wege, ein gemeinsamer Puls
Shereen Suleiman bringt einen Hintergrund zwischen Theater, Film und Radio mit. In ihrer Sendung TRACK auf Radio Grenouille beschäftigt sie sich mit der alternativen Musik der arabischen Welt. Ihre eigene Arbeit führte sie über die erste Solosingle „Ghareeb“ zur Zusammenarbeit mit dem Pianisten Marc Ernest bei „Fik“. Persönliche Ansprache und die Verbindung verschiedener Ausdrucksformen gehören damit längst zu ihrem künstlerischen Werkzeug.
Julian Naaman, der als JOOL produziert und auflegt, kommt aus der elektronischen Undergroundszene Beiruts. Als DJ und Percussionist verbindet er die Arbeit an Maschinen mit einem unmittelbaren Zugang zum Rhythmus; zu seinen Stationen gehört eine Residency im Club B018. Für „Beirut Be Leyl“ entwickelten beide das Material gemeinsam. Dieser Austausch ist die interessante Voraussetzung des Stücks: Gesang, elektronische Produktion und Percussion wachsen aus derselben Idee.
Elektronisches Gewicht und persönliche Nähe
Die musikalische Anlage lebt vom Verhältnis zwischen körperlichem Druck und persönlicher Ansprache. JOOLs elektronische Strukturen und die Livepercussion geben dem Stück sein rhythmisches Zentrum. Shereen Suleimans Stimme bringt eine Erzählerin in diesen Raum, deren Beziehung zur Stadt den Tanzimpuls mit Bedeutung auflädt. So treffen die gemeinschaftliche Erfahrung eines Clubabends und eine sehr individuelle Liebeserklärung aufeinander.
Die ausgedehnte Form lässt dem Groove Zeit, eine hypnotische Wirkung zu entwickeln. Das Stück verlangt Aufmerksamkeit für das Verweilen, für die beharrliche Rückkehr zu seinem nächtlichen Thema. Darin steckt ein reizvoller Anspruch: Eine Musik über das gemeinsame Wachbleiben nimmt sich selbst die Zeit, die sie ihrem Publikum abverlangt.
Beirut als Tanzpartnerin
Der stärkste Einfall des Textes ist die Beziehung zwischen Sängerin und Stadt. Beirut erscheint als handelndes Gegenüber: Die Metropole lebt, tanzt und teilt den nächtlichen Bewegungsdrang der Erzählerin. Daraus entsteht eine Nähe, die über die übliche Begeisterung für einen Lieblingsort hinausgeht. Wer mit einer Stadt tanzt, gehört für diesen Moment zu ihr; ihr Rhythmus wird zum eigenen.
Bemerkenswert ist dabei der Wechsel zwischen der eigenen Stadt und der Stadt des angesprochenen Gegenübers. Die persönliche Bindung öffnet sich nach außen. Aus der Selbstbeschreibung einer Nachtschwärmerin wird eine Einladung, diese Erfahrung zu teilen. Die wiederkehrenden Aufforderungen zum Tanzen, Singen und Wachbleiben übersetzen Zugehörigkeit in etwas, das sich gemeinsam tun lässt. Der Text schafft Gemeinschaft durch direkte Ansprache.
Wenn aus Dunkelheit ein Möglichkeitsraum wird
Im weiteren Verlauf gewinnt die Nacht eine zusätzliche Bedeutung. Die Frage nach der Angst vor ihr führt zu den Träumen, die in der Dunkelheit entstehen. Damit verschiebt sich der Blick: Die Nacht bietet Raum für Wünsche und Vorstellungen, die das eigene Leben über seine gegenwärtigen Grenzen hinausdenken. Das Wachbleiben lässt sich in diesem Zusammenhang als Bild für Aufmerksamkeit, Offenheit und Selbstbehauptung lesen.
Vor dem in den Begleitinformationen beschriebenen Hintergrund von Konflikten, Krisen und wiederholten Erschütterungen bekommt diese Einladung gesellschaftliches Gewicht. Der Club wird für die Dauer einer Nacht zu einem Ort, an dem Menschen Nähe und Bewegungsfreiheit erfahren können. Darin lässt sich die Widerstandskraft erkennen, von der das Projekt erzählt: im fortgesetzten Zusammenkommen, im Musikmachen und im Anspruch auf Lebensfreude. Der Text selbst hält diese Gedanken bewusst offen; seine Bilder von Nacht, Tanz und Traum tragen auch eine sehr persönliche Lesart.
Die Wiederholung als Stärke und Reibungspunkt
Die vorliegende englische Textfassung arbeitet mit einem kleinen Wortschatz und zahlreichen Wiederholungen. Stadt, Nacht, Bewegung, Gesang und Traum kehren in wechselnden Verbindungen zurück. So entsteht eine mantraartige Struktur, deren Beharrlichkeit gut zum Gedanken eines gemeinsamen Tanzes passt. Eine Einladung gewinnt durch ihre Wiederkehr an Nachdruck; irgendwann soll aus dem Zuhören eine Beteiligung werden.
Genau hier liegt allerdings auch der mögliche Ermüdungspunkt. Die Grundidee ist früh verständlich, und der Text erweitert sie anschließend nur in kleinen Schritten. Konkrete Straßenszenen, einzelne Begegnungen oder überraschende Beobachtungen bleiben weitgehend ausgespart. Beirut besitzt als angesprochenes Gegenüber viel Nähe, als geschilderter Ort vergleichsweise wenige Konturen. Wer erzählerische Entwicklung sucht, dürfte sich an diesem Kreisen reiben. Seine Stärke entfaltet der Text dort, wo die Wiederholung selbst zum Ausdruck von Verbundenheit wird.
Das Video: Ein Nachtleben mit Gedächtnis
Das Konzept des Musikvideos ergänzt diese persönliche Perspektive um eine historische. Aktuelle Aufnahmen mit Shereen Suleiman und JOOL aus dem B018 werden mit Archivmaterial aus unterschiedlichen Phasen des Beiruter Nachtlebens verbunden. Zwischen den Generationen entsteht damit eine Verbindung über Gesichter, Körper und die gemeinsame Bewegung zur Musik.
Diese Gegenüberstellung gibt dem Grundgedanken des Songs eine zeitliche Dimension. Jeder neue Clubabend steht auch in einer Geschichte früherer Nächte, früherer Begegnungen und früherer Freiräume. Die Archivbilder lassen sich deshalb als kulturelles Gedächtnis lesen. Zur persönlichen Bindung der Sängerin tritt die Erinnerung an eine städtische Praxis, die Menschen über Generationen miteinander verbindet.
Unser Fazit:
„Beirut Be Leyl“ besitzt einen schlüssigen Kern: Die Stadt wird zum Gegenüber, der Tanz zur gemeinsamen Sprache und die Nacht zum Raum für Möglichkeiten. Shereen Suleiman und JOOL verbinden diese Idee mit einem musikalischen Ansatz, der elektronische Körperlichkeit und persönliche Ansprache zusammenführt. Das Videokonzept erweitert die Gegenwart um die Erinnerung an frühere Generationen und gibt dem Projekt zusätzliche Tiefe.
Die konsequente Wiederholung fordert Geduld; textlich hätte eine größere Zahl konkreter Beobachtungen das Stadtporträt bereichern können. Besonders reizvoll bleibt die Verschiebung vom persönlichen Nachtleben zur geteilten Erfahrung. Eine Liebeserklärung an Beirut, die ihre eindringlichste Idee im gemeinsamen Tanzen findet.
Releaseinformationen
Künstler: Shereen Suleiman & JOOL (Julian Naaman)
Titel: „Beirut Be Leyl“
Englischer Titel: „Beirut by Night“
Format: Single / Musikvideo
Genre: Electronica | Arabic Alternative
Gesangssprache: Arabisch
Mitwirkende und Entstehung
Shereen Suleiman: Gesang
JOOL / Julian Naaman: Elektronische Produktion und Percussion
Entstehung: Gemeinsam entwickelte Originalkomposition
Über die Künstler
Shereen Suleiman ist eine libanesische Sängerin, Komponistin und multidisziplinäre Künstlerin mit Verbindungen nach Frankreich. Ihre Arbeit umfasst Musik, Theater, Film und Radio. JOOL ist das musikalische Projekt des libanesischen Produzenten, DJs und Percussionisten Julian Naaman. Beide verbindet ihre Beziehung zu Beirut und dessen Musikkultur.
Mehr zu Shereen Suleiman im Netz
Shereen Suleiman bei Instagram:
https://www.instagram.com/shereen_suleiman
TRACK auf Radio Grenouille:
Zur Sendung und zum Archiv
