Vier Meter Hustensaft: Düsseldorfpunks mit neuer EP „Dreckige Kohle“ und Rückenwind – warum sie jetzt erst recht weitermachen (Interview) [ Deutschpunk | Punkrock | Punk ]

Vier Meter Hustensaft machen keine halben Sachen: Punk, Punkt – schnell, direkt und mit klarer Haltung. Nach dem Erfolg ihrer letzten EP „Kein Vergeben, Kein Vergessen“ hat sich die Band neu aufgestellt. Wir haben uns mit Mastermind Philipp Altenhofen auf ein Interview getroffen: Im Gespräch geht’s um die neue EP „Dreckige Kohle“, den frischen Druck nach der Umbesetzung, Live-Energie ohne Tough-Guy-Gehabe und warum ihre Wut nicht nur laut, sondern auch konsequent ist.

Schaut die Clips und hört die Songs von Vier Meter Hustensaft – Dreckige Kohle

Philipp, wenn man euren Sound in eine Schublade packen müsste: Wo verortest du Vier Meter Hustensaft zwischen Streetpunk, Hardcore-Punk und Punk’n’Roll – und welche Einordnung nervt dich am meisten?

Wir machen Punk. Punkt. Genres interessieren mich nicht. Wir machen Musik mit Haltung. 

„Dreckige Kohle“ wirkt in Teilen deutlich kompromissloser und schneller: Habt ihr nach der Umbesetzung bewusst an der Härteschraube gedreht oder ist das einfach euer neues Normal?

Das ist Zufall. Wer weiß, vielleicht haben wir nur die schnellsten Songs vorab veröffentlicht und der Rest des Albums besteht aus Balladen 😉 Spoiler: Wird nicht so sein 😉

Wie wichtig sind euch Gitarrensounds im Punk-Kontext: lieber dreckig und roh oder mit maximalem Druck und Klarheit, damit es live und im Stream durchschlägt?

Gar nicht wichtig, auch eher Zufall. Wenns gerade beim Songwriting entsteht und passt, dann gerne, aber wir schreiben auch Songs ohne Soli.

Welche nicht-offensichtlichen Einflüsse stecken in eurem aktuellen Material – auch jenseits von Punk (Hardcore, Metal, Rock’n’Roll)?

Kann ich pauschal gar nicht sagen. Dadurch dass jeder von uns aber recht vielseitig und auch unterschiedlich beim individuellen Musikgeschmack ist, kann sich da immer mal was unerwartetes einschleichen.

Seit Thiemo als zweite Gitarre dabei ist: Arbeitet ihr eher klassisch mit Rhythmus/Lead-Rollen oder als zwei gleichberechtigte Gitarren, die sich gegenseitig antreiben?

Wir arbeiten gleichberechtigt. Wir versuchen uns da gegenseitig zuzuarbeiten, sodass der Song rund ist. Wer da was spielt ergibt sich wärend des Songwritings.

Wie entstehen eure Riffs heute: im Proberaum-Jam, am Rechner zu Hause, oder aus Textideen heraus?

Alles davon. Meistens kommt die Grundidee irgendwo zuhause, entweder beim rumdaddeln oder auch beim Text-schreiben.
Die Feinheiten entstehen aber dann im Proberaum.

„Der Allergrößte“ kratzt stellenweise an Hardcore-Tempo: Könntest du dir vorstellen, künftig noch härter zu werden – oder ist Punk für euch gerade deshalb Punk, weil er nicht „zu technisch“ werden muss?

Alles kann, nichts muss 

Was war beim Recording der EP die größte Herausforderung: Geschwindigkeit sauber halten, Gesang gegen die Wände durchsetzen, oder den richtigen Grad an Dreck im Sound treffen?

Ehrlich gesagt sind wir da mittlerweile gut eingespielt.  Die Aufnahmen sind in der Regel schnell im Kasten, weil wir vorher lange genug an den Songs tüfteln. Mixing ist dann das Aufwändigste. 

Du singst und spielst Gitarre: Was kostet dich live mehr Energie – die Stimme zu kontrollieren oder gleichzeitig als Frontperson präsent zu sein?

An der Frontsau muss ich noch arbeiten, den Rest habe ich in der Zwischenzeit ganz gut im Griff 😊

Wie habt ihr die Gesangsrollen zwischen dir und Thiemo so definiert, dass es nicht wie ein Kompromiss klingt, sondern wie ein Statement?

Nicht wirklich. Das ergibt sich durch das Songwriting. Wenn Ich den Text singe schauen wir wie Thiemo unterstützen kann, andersherum genau so.

Nach dem Ausstieg von Yvonne Wagner und später auch Andreas Wagner: Gab es einen Moment, in dem ihr als Band ernsthaft überlegt habt, aufzuhören – und was war letztlich der entscheidende Grund weiterzumachen?

Nach Yvonnes Ausstieg war da definitiv ein toter Punkt.  Wir hatten aber kurz Zeit später einen Gig zugesagt und wir haben dann entschieden das durchzuziehen, zum Glück.

Andi war länger mit sich am Kämpfen, als er den Entschluss gefasst hat, hat er aber auch darauf gepocht, dass wir weiter machen.

Der entscheidende Grund ist ja recht offensichtlich. Wir sind eine Band. Jeder hat sein Herzblut hineingesteckt, Besetzungswechsel sind immer scheiße, aber dennoch bleiben dann immer noch ¾ die seit Jahren die Energie in die Band stecken. Warum sollte man dann aufhören?

Gerade weil „Kein Vergeben, Kein Vergessen“ den nächsten Schritt gebracht hat und ihr deutlich mehr Rückenwind hattet: Warum sind Yvonne und Andreas trotzdem ausgestiegen – lag es eher an Erwartungsdruck, persönlichen Prioritäten, interner Dynamik oder schlicht am Bandalltag?

Persönliche Prioritäten.
Aber wir sind immer noch in Kontakt, also kein böses Blut.

ibt es Songs, die live deutlich härter wirken als auf Platte – und woran liegt das: Tempo, Publikum, Aggression, Ansagen?

Schwer zu sagen, da ich mich selbst noch nie von außen erlebt habe 😀

Aber ich denke schon dass einige Songs aufgrund der Livedynamik härter wirken können.

Euer Live-Video aus der Börse Wuppertal zeigt viel unmittelbare Energie: Was muss ein Raum mitbringen, damit ihr wirklich „zündet“?

Der Sound ist einfach wichtig. Wenn der Monitorsound schlecht ist, dann lenkt das ab. Wenn wir auf der Bühne einen guten Sound haben, dann machts einfach viel mehr Spaß.

Welche Art Publikum bringt euch am meisten auf Betriebstemperatur: Pogo-orientierte Punkcrowd, Hardcore-Pit, oder diese Mischform, wo alles egal ist außer Intensität?

Macht schon Spaß wenn die Leute abgehen, solange alle ihren Spaß haben und auf andere geachtet wird.

Wie wichtig ist euch Eskalation vor der Bühne – und ab welchem Punkt kippt es für euch von „wild“ zu „unnötig“?

Auf die tough-guys hab ich persönlich kein Bock. Gewalt hat auf Konzerten nix zu suchen. Schubsen und im Kreislaufen oder wild rumspringen ist alles geil, aber nur solange alle Spaß haben.

Bei „Kein Vergeben, Kein Vergessen“ habt ihr offensiv gegen Homophobie, Boomer-Faschos und Querhupen ausgeteilt – und das Ding war gefühlt permanent ausverkauft: Wie hat sich dieser Erfolg für dich persönlich angefühlt (Stolz, Überraschung, Druck) und was hat er in der Band verändert?

Klar sind wir da stolz drauf. Die Streamingzahlen und auch die YOUTUBE aufrufe sind völlig surreal. verändert hat sich dadurch aber nix, außer dass wir uns sicher sind, dass das was wir machen, bzw. wie wir es machen funktioniert.

Ihr seid thematisch klar positioniert: Wie stellt ihr sicher, dass eure Texte nicht zur bloßen Parole werden, sondern als Songs funktionieren, die man wieder hören will?

Sicherstellen ist ein interessantes Wort. Also wir arbeiten recht lang an den Songs. Wir sind auch sehr selbstkritisch und hinterfragen unsere eigenen Texte auch immer und versuchen auch gerne verschiedene Ebenen einzubauen. Aber grundsätzlich wüsste ich jetzt auch nicht, was gegen ne Parole spricht. Sowas wie „Merz halt dein dummes Maul“ wäre auch nicht der schlechteste Text 

Wenn ihr auf die aktuelle politische Stimmung schaut: Was macht euch gerade am meisten wütend – und was macht euch eher entschlossen als frustriert?

Der offensichtliche Rechtsruck ist eine Katastrophe, vor allem wie die Regierung damit umgeht (also nicht). Es wird immer mehr nach unten getreten, statt sich darum zu kümmern, dass unser Sozialstaat auch wirklich ein Sozialstaat ist. All das bewegt und motiviert uns.

Ihr seit seid 1,5 Jahren bei dem Label NRT-Records: Was hat sich für euch durch die Zusammenarbeit konkret verändert – Reichweite, Produktionsstandard, Timing, oder einfach Verlässlichkeit?

Reichweite und Promo definitiv, die Produktionsmöglichkeiten (CDs, Shirts etc.) auf jeden Fall auch, vor allem aber nimmt Philipp von NRT uns extrem viel Arbeit in vielen Bereichen ab, sodass wir uns viel mehr auf Musik machen konzentrieren können.

Wie sehr wollt ihr euch 2026 als Band weiterentwickeln: mehr Releases in kürzeren Abständen, ein größeres Album-Statement, oder erst einmal maximal viele Shows, um das Line-up zu festigen?

Wir schreiben gerade am 2ten Album und wollen das, natürlich in der jetzigen Besetzung, auch noch in diesem Jahr raushauen. Shows sind auch in Planung, Fokus liegt aber aktuell mehr auf dem Album.

Welche drei Songs (gern gemischt aus alten und neuen Releases) würdest du jemandem geben, der euch noch nicht kennt, aber auf schnelle, harte, ehrliche Gitarrenmusik steht – und warum genau diese?

  1. Niemals mehr Faschismus  – erster Song, bis heute auch in der Setlist
  2. Kein Vergeben   – Titeltrack der letzten EP, in deutlich besserer Qualität als die ersten Veröffentlichungen.
  3. Die gesamt aktuelle EP, weil neue Besetzung und dadurch anderer Sound und sehr vielseitig 😉

Gibt es irgendwas, was du unseren Lesern mit auf den Weg geben möchtest?

Bleibt stabil, kümmert euch um andere, versucht das Beste für euch aus eurem Leben zu machen und niemals die Hoffnung aufgeben.
Danke!

Vier Meter Hustensaft bleiben auf Kurs: Songs mit Haltung, ohne Genre-Geplänkel, dafür mit Blick nach vorn – neues Album in Arbeit, Shows in Planung und die klare Ansage, dass Eskalation Spaß machen darf, aber niemals auf Kosten anderer. Oder wie sie es selbst sagen würden: Bleibt stabil.

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