Tinkicker tragen ihren oft zitierten Ruf als „Pink Sabbath“ nicht wie ein neckisches Etikett vor sich her, sondern wie ein ziemlich treffendes Klangversprechen: schwere Riffs, düstere Atmosphäre, progressive Schlenker und ein Hang zu großen, giftig schimmernden Emotionen. Dass die 2006 in Kopenhagen gegründete Band einst als erste dänische Formation von Rockkritiker Geoff Barton für eine Album-des-Jahres-Nominierung bei Classic Rock Magazine ins Gespräch gebracht wurde, passt da ins Bild. Mit „The Forbidden Fruit“ servieren Tinkicker nun eine kompakte EP, die Progressive Metal, Progressive Rock und Hard Rock mit Heavy Metal und Geschichten über Manipulation, familiäre Abgründe und seelische Vergiftung auflädt. Das klingt druckvoll, finster und erstaunlich zugänglich – also genau nach jener Art von Release, die man nicht nebenbei konsumiert, sondern bewusst inhaliert.
Verbotene Frucht mit Prog-Zahn
Was an „The Forbidden Fruit“ sofort hängenbleibt, ist das Gespür für Sounddesign, Arrangement und kompositorische Ökonomie. Tinkicker wollen hier nicht mit Gewalt beweisen, wie clever sie sind, sondern zeigen es einfach im Vorbeigehen. Der Mix hat Gewicht, ohne zuzuschmieren, die Gitarren drücken satt aus den Boxen, Bass und Schlagzeug schieben mit kontrollierter Wucht, und über allem thront Klaus Bastian mit einer tiefen, markanten Stimme, die in diesen düsteren, druckvollen Sound perfekt eingebettet ist. Gerade diese Stimme verleiht der EP ihre Gravitas: mal bedrohlich, mal angeschlagen, mal mit jener herrlich altmodischen Rockdramatik aufgeladen, die an große Heavy-Metal-Sänger vergangener Jahrzehnte erinnert, ohne je in Retro-Mummenschanz abzurutschen. Progressiv ist das hier durchaus, aber nie in jener verkopften Form, die Songs auf dem Seziertisch enden lässt.
Giftige Nähe in „He Said She Said“
„He Said She Said“ eröffnet die EP mit einer leicht psychedelischen Synthesizer-Aura, nur um kurz darauf in ein schweres, präzise austariertes Midtempo-Brett umzuschlagen. Das ist kein plumpes Auf-die-Zwölf, sondern ein Stück mit Zug, Haken und sauber gesetzten Spannungsmomenten. Die Drums von Klaus Herfort treiben, die Gitarren von Søren Lindberg und Kristian Møller arbeiten mit feinen Leads und scharf sitzenden Akzenten, und im Refrain bleibt sofort etwas hängen. Textlich zeichnet der Song das Psychogramm einer vergifteten Beziehung, in der Gerüchte, Besitzansprüche, Demütigung und eine perverse Restform von Bindung längst alles Menschliche unter sich begraben haben. Genau deshalb funktioniert der Song so stark: weil seine Eingängigkeit nicht freundlich wirkt, sondern wie ein Grinsen mit zu vielen Zähnen.
Frömmigkeit, Fassade und „Mother Valium“
Mit „Mother Valium“ kippt die Stimmung noch tiefer ins Beklemmende. Die Kombination aus akustischem Einstieg, unheimlich wirkenden Keyboardflächen und später nachdrücklichem Prog-Metal-Druck ist hervorragend gebaut, weil sie nicht auf billige Effekte setzt, sondern auf langsame Vergiftung. Klaus Bastian zeigt hier auch seine melodische Seite und trägt die Harmonien mit einer Ruhe, die das Stück nur noch unheimlicher macht. Wenn dann die Gitarren aufdrehen und die Soli aufleuchten, geschieht das nicht als Virtuosen-Show, sondern als dramaturgisch sauber gesetzte Eskalation. Inhaltlich seziert der Song eine Mutterfigur, bei der religiöse Fassade, Verdrängung, Schuld und familiärer Zerfall so ineinandergreifen, dass aus bürgerlicher Ordnung langsam ein seelischer Horrorfilm wird.
Stammbaum unter Strom: „Spitting Venom“
„Spitting Venom“ ist der Moment, in dem Tinkicker das Tempo anziehen und dabei trotzdem ihren Sinn für Struktur nicht verlieren. Der Song hat Biss, Groove und diese wunderbar ruppige Energie, die nach dunkler Heavy-Prog-Oper riecht, ohne ins Pathetische zu kippen. Synths setzen wieder gezielt düstere Schatten, die Gitarren sägen und glänzen zugleich, und die Rhythmusgruppe hält das Ganze mit Nachdruck zusammen. Kompositorisch ist das stark, weil die Band auch in verschachtelten Passagen nie den Faden verliert. Textlich geht es um die Verwüstungskraft narzisstischer Prägung, um väterliche Zurichtung, verinnerlichtes Gift und den mühsamen Versuch, einen zerstörerischen Kreislauf endlich zu durchbrechen. Das ist bitter, direkt und in seiner Zuspitzung fast körperlich spürbar.
Betäubung, Nachglühen und Bühnenstaub
„There’s Not Enough Drugs In The World“ trägt seinen schwarzen Humor schon im Titel, landet musikalisch aber nicht beim augenzwinkernden Zynismus, sondern bei einer schwermütigen, fast resignativen Größe. Das Stück pendelt zwischen ruhigen Passagen, akustischen Einsprengseln und schweren Wellen, die leicht doomig und stellenweise sogar stonerhaft ausfallen, ohne den Prog-Faden zu verlieren. Gerade hier zeigt sich erneut, wie stark Tinkicker komponieren können: Melodie und Gewicht stehen sich nie im Weg, sondern ziehen gemeinsam nach unten. Textlich beschreibt der Song den gescheiterten Versuch, Erinnerungen, Obsession und Verlust chemisch oder emotional wegzudrücken, obwohl längst klar ist, dass manche Wunden schlicht nicht verschwinden. Dass zum Schluss mit „Neon Lights And Transvestites (Live)“ noch ein Live-Bonustrack folgt, ist kein Muss, aber ein sinnvoller Zusatz, weil er die Bühnenwucht der Band hörbar macht und den Bogen zurück zu „The Playground At The Edge Of The Abyss“ schlägt.
Unsere Wertung:
➤ Songwriting: 10 von 10 Punkten
➤ Komposition: 9 von 10 Punkten
➤ Musikalische Fähigkeit: 10 von 10 Punkten
➤ Produktion: 9 von 10 Punkten
➤ Gesamtwertung: 9,5 von 10 Punkten
Unser Fazit:
Tinkicker servieren mit „The Forbidden Fruit“ eine verboten köstliche EP ab, die Druck, Dunkelheit und melodische Präzision bemerkenswert stilsicher zusammenführt. Wer auf schwere Riffs, kluges Arrangement, starke Kompositionen und eine tiefe Stimme steht, die sich wie selbstverständlich in einen düsteren Mix legt, bekommt hier einen kleinen, aber ziemlich giftigen Brocken serviert.
Trackliste
- He Said She Said
- Mother Valium
- Spitting Venom
- There’s Not Enough Drugs In The World
- Neon Lights And Transvestites (Live)
Credits
Interpret: Tinkicker
Titel: „The Forbidden Fruit“
Herkunft: Kopenhagen, Dänemark
Format: Digitale EP | Bandcamp-Download inkl. Bonusfeatures
VÖ: 27. März 2026
Genre: Progressive Metal | Progressive Rock | Hard Rock
Label: NRT-Records
Besetzung:
➤ Klaus Bastian – Gesang, Gitarre
➤ Søren Lindberg – Gitarre
➤ Kristian Møller – Gitarre
➤ Anders Oehlenschlæger – Bass
➤ Klaus Herfort – Schlagzeug
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