Neun Jahre ohne ein neues Studioalbum sind selbst für eine Band wie Europe eine ordentliche Ansage. Nun haben die schwedischen Hard-Rock-Veteranen mit „Come This Madness“ ihr zwölftes Studioalbum vorgelegt. Wer bei Europe ausschließlich an „The Final Countdown“ denkt, wird hier womöglich überrascht sein, denn die fünf Musiker setzen 2026 auf einen ausgesprochen kernigen Mix aus Hard Rock, Classic Rock und melodischem Rock, der hörbar von den großen Siebzigerjahre-Bands beeinflusst ist. Die ausladenden Melodien und charakteristischen Keyboards sind geblieben, allerdings stehen ihnen deutlich schwerere Gitarrenriffs, ein kraftvolles rhythmisches Fundament und eine moderne Produktion gegenüber. Herausgekommen ist ein Album, das seine Stärken vor allem in den ausgefeilten Arrangements, der instrumentalen Präzision und der bemerkenswert guten Form seiner Musiker besitzt.
Europe: Zwischen klassischem Hard Rock und moderner Klanggestaltung
Seit der Wiedervereinigung 2003 haben Europe ihre musikalische Ausrichtung konsequent erweitert. Die stärker blues- und siebzigerorientierten Veröffentlichungen der vergangenen zwei Jahrzehnte unterscheiden sich teilweise erheblich vom melodischen Stadionrock ihrer kommerziell erfolgreichsten Phase. „Come This Madness“ führt diese Entwicklung fort, lässt gleichzeitig aber mehr Platz für einprägsame Refrains und die markanten Keyboardmelodien von Mic Michaeli. Die Band bewegt sich damit ganz selbstverständlich zwischen der Wucht von Deep Purple, klassischem Melodic Rock und ihrem eigenen unverwechselbaren Stil.
Aufgenommen wurde das Album im RMV Studio in Stockholm. Produzent Tom Dalgety und Mixing-Engineer Mike Fraser sorgen für ein Klangbild, bei dem die verschiedenen Instrumente auch in den dichteren Passagen sauber voneinander getrennt bleiben. Die Gitarren dürfen ordentlich drücken, die Keyboards erhalten genug Raum für ihre melodischen Figuren und die Rhythmussektion besitzt einen satten, organischen Klang. Besonders angenehm ist, dass nicht alles auf maximale Lautstärke getrimmt wirkt. Die Musik kann atmen, ohne an Durchschlagskraft zu verlieren. Genau diese dynamische Gestaltung macht einen erheblichen Teil der Wirkung aus.
„One on One“, „The Cult of Ignorance“ und der Titeltrack: Druckvolle Gitarren, große Melodien
Mit „One on One“ beginnt das Album zunächst ausgesprochen weitläufig. Auf den orchestralen Auftakt folgt ein kraftvoller Hard-Rock-Song, dessen Gitarrenarbeit und rhythmische Gestaltung sofort erkennen lassen, in welcher musikalischen Verfassung sich die Schweden befinden. Das Fundament aus Bass und Drums sitzt satt und präzise, darüber entwickelt John Norum einen Gitarrensound mit ordentlich Biss. Sein Solo überzeugt durch eine Mischung aus technischer Fingerfertigkeit, sauberer Artikulation und einem ausgeprägten Gespür für Melodieführung. Auch Joey Tempest präsentiert sich gesanglich ausgesprochen souverän.
Noch eingängiger fällt „The Cult of Ignorance“ aus. Hier verbinden sich die prägnanten Keyboards mit einer rhythmisch treibenden Gitarrenfigur und einem Refrain, der unmittelbar hängen bleibt. Die markante Basslinie verleiht der Nummer zusätzlichen Schub. Dabei zeigt sich, wie gut Europe ihre Instrumente aufeinander abstimmen: Statt sämtliche musikalischen Ideen gleichzeitig in den Vordergrund zu drängen, wechseln sich Gitarren, Tasten und Gesang in der Führung ab. Der Titeltrack „Come This Madness“ geht anschließend eine Spur düsterer zu Werke. Schwere Riffs und ein kontrolliert eingesetzter Groove bestimmen das Geschehen, während die Keyboards für eine beinahe dramatische Atmosphäre sorgen. Inhaltlich passt diese angespannte musikalische Stimmung zu den gesellschaftskritischen Untertönen des Albums.
„This Time of Year“ und „In a Different World“: Europe beherrschen auch die leisen Töne
Dass die Schweden trotz aller Härte weiterhin ein ausgesprochen feines Gespür für emotionale Melodien besitzen, zeigt „This Time of Year“. Die Ballade setzt auf zurückhaltende Pianopassagen und eine langsam wachsende Intensität. Joey Tempest muss hier nicht mit stimmlicher Kraft protzen, sondern überzeugt besonders durch seine kontrollierte Phrasierung und die Art, wie er einzelne Zeilen ausformt. Wenn sich das Arrangement im Refrain öffnet, entfaltet die Komposition ihre eigentliche Stärke. Auch Norums Gitarrensolo ist nicht bloß eine technische Einlage, sondern fügt sich schlüssig in die emotionale Dramaturgie ein.
„In a Different World“ stellt anschließend wieder den Groove in den Vordergrund. Interessant ist hier vor allem die instrumentale Balance: Der Bass besitzt eine eigene Präsenz, das Schlagzeug bleibt druckvoll, und über allem liegen Gitarren und Keyboards, ohne sich gegenseitig den Platz streitig zu machen. Auf einer guten Anlage entsteht dadurch eine breite, gut gestaffelte Klangbühne im Hörraum. Gerade in solchen Momenten zahlt sich das sorgfältige Sounddesign aus, denn die musikalischen Feinheiten gehen trotz der kräftigen Produktion nicht im Gesamtklang unter.
„Scandinavian Eyes“ und „Takin’ It Back“: Spielfreude, Präzision und ordentlich Zug
Einen der stärksten Titel des Albums liefern Europe mit „Scandinavian Eyes“ ab. Der zunächst atmosphärische Einstieg weicht einem ausgesprochen kernigen Riff, und spätestens jetzt übernehmen John Levén am Bass sowie Ian Haugland an den Drums die rhythmische Kontrolle. Die beiden bilden ein kraftvolles Fundament, auf dem Norum seine Gitarrenarbeit entfalten kann. Gleichzeitig setzen Michaeli und Tempest eigene melodische Akzente. Der Wechsel zwischen den einzelnen Instrumentalpassagen gelingt sehr flüssig und lässt den Song trotz seiner zahlreichen Ideen angenehm geschlossen wirken.
Mit „Takin’ It Back“ folgt ein direkter, spielfreudiger Rocker, der vor allem durch das Zusammenspiel zwischen Gitarre und Orgel überzeugt. Norum demonstriert hier seine Fingerfertigkeit, ohne die Komposition mit unnötigen Griffbrettakrobatiken zu überladen. Schnelle Läufe, bluesige Wendungen und melodisch geführte Solopassagen greifen sauber ineinander. Die Präzision bei der Instrumentenführung ist bemerkenswert, wirkt aber nicht klinisch. Stattdessen besitzt das Stück genau jene lockere Dynamik, die gut eingespielten Hard-Rock-Bands so hervorragend steht.
Zwischen Gesellschaftskritik und schweren Riffs: Das letzte Albumdrittel
Mit dem gerade einmal anderthalb Minuten langen „In the Absence of Grace“ reduzieren Europe das Arrangement beinahe auf das Wesentliche. Die kurze, nachdenkliche Klaviernummer setzt einen deutlichen Kontrast zu den kraftvollen Rockstücken und unterstreicht die gesellschaftlichen Themen des Albums. Danach gewinnt „The Angels Must Have Flown“ wieder an Größe. Markante Keyboardflächen, ein gewichtiger Rhythmus und Tempests melodische Gesangslinien verbinden sich zu einem typischen, zugleich aber keineswegs antiquierten Europe-Sound.
Deutlich schwerer geht es bei „The Devil’s Back“ zur Sache. Das Gitarrenriff besitzt fast schon eine gewisse Schwere aus dem Grenzbereich zum Heavy Rock, während Bass und Schlagzeug die Nummer mit einer entschlossenen rhythmischen Präzision vorantreiben. Den Schlusspunkt setzt „Nothing Can Follow This“, das mit dynamischen Veränderungen und ausgedehnter Gitarrenarbeit noch einmal viel Raum einnimmt. Allerdings zeigt sich im hinteren Teil des Albums auch die kleine Schwäche dieser Veröffentlichung: Nicht jede Melodie besitzt dieselbe unmittelbare Wiedererkennbarkeit wie die stärksten Stücke der ersten Hälfte. Manche Arrangements sind musikalisch durchaus interessant, verlangen aber mehrere Durchläufe, bevor sie ihre volle Wirkung entfalten.
Musikalische Fähigkeiten und Sounddesign: Ein bestens eingespieltes Quintett
Instrumental lässt sich an „Come This Madness“ nur wenig aussetzen. John Norum spielt technisch anspruchsvoll und zugleich ausgesprochen songdienlich. Seine Soli leben nicht allein von Geschwindigkeit, sondern von sauber gesetzten Akzenten, präzisen Übergängen und einem guten Gefühl für den richtigen Ton. Mic Michaeli bringt mit Orgel, Piano und Synthesizern eine zusätzliche klangliche Ebene ein, die sich mit der Gitarrenarbeit hervorragend ergänzt. John Levén sorgt für einen präsenten und oft erstaunlich beweglichen Bass, während Ian Haugland mit druckvollem, differenziertem Schlagzeugspiel den nötigen Vortrieb liefert.
Auch Joey Tempest zeigt, dass eine ausdrucksstarke Rockstimme nicht allein von hohen Tönen lebt. Seine Stärke liegt in der kontrollierten Dynamik und einer bemerkenswert sicheren melodischen Führung. Produktionstechnisch überzeugt insbesondere die Transparenz des Arrangements: Die Instrumente verteilen sich nachvollziehbar über die Klangbühne, ohne dass die Musik an Wärme und Druck verliert. Tom Dalgety hat gemeinsam mit Mike Fraser ein modernes, gleichzeitig angenehm natürlich wirkendes Sounddesign geschaffen. Die Gastbeiträge von Tobias Forge und Mikael Åkerfeldt im Hintergrundgesang runden die Produktion ab, ohne den Charakter der Band zu verändern.
Unsere Wertung:
Unser Fazit:
Mit „Come This Madness“ liefern Europe ein starkes Hard-Rock-Album ab, das vor allem durch seine musikalische Vielseitigkeit und die hervorragende Arbeit der einzelnen Bandmitglieder überzeugt. Die Schweden kombinieren satte Gitarren, charakteristische Keyboards und eingängige Refrains mit einem bemerkenswert organischen Klangbild. Insbesondere „One on One“, „The Cult of Ignorance“, „Scandinavian Eyes“ und „Takin’ It Back“ zeigen die Band in ausgezeichneter Form. Die Ballade „This Time of Year“ sorgt außerdem für einen gelungenen emotionalen Gegenpol.
Ganz ohne Kritik kommt die Platte allerdings nicht davon. Die zweite Albumhälfte erreicht nicht in jeder Komposition die Eingängigkeit der ersten, und hier und da wäre eine etwas stärkere Zuspitzung der Refrains wünschenswert gewesen. Das schmälert die musikalische Qualität jedoch nur geringfügig. Gerade das Zusammenspiel zwischen den technisch versierten Musikern, die druckvolle und zugleich differenzierte Produktion sowie die stimmliche Leistung von Joey Tempest machen dieses Werk ausgesprochen hörenswert.
„Come This Madness“ ist ein kraftvolles, hervorragend produziertes Stück Hard Rock, das klassische Einflüsse mit zeitgemäßem Sounddesign verbindet. Europe spielen präzise, abwechslungsreich und mit einer Spielfreude, die dem Album sehr gut zu Gesicht steht. Dafür gibt es 8,5 von 10 Punkten.
Releaseinformationen
Interpret: Europe
Veröffentlichung: „Come This Madness“
Format: Studioalbum / 11 Titel / CD, Vinyl und digital
Veröffentlichungsdatum: 25. September 2026
Spielzeit: 41:19 Minuten
Genre: Hard Rock | Classic Rock | Melodic Rock
Label: Silver Lining Music / Hell & Back Recordings
Titelliste – Come This Madness
01. One on One – 03:41
02. The Cult of Ignorance – 03:31
03. Come This Madness – 04:02
04. This Time of Year – 04:05
05. In a Different World – 03:45
06. Scandinavian Eyes – 04:51
07. Takin’ It Back – 03:46
08. In the Absence of Grace – 01:28
09. The Angels Must Have Flown – 03:45
10. The Devil’s Back – 03:47
11. Nothing Can Follow This – 04:38
Besetzung und Produktion
Joey Tempest: Gesang
John Norum: Gitarre
John Levén: Bass
Mic Michaeli: Keyboards, Piano und Orgel
Ian Haugland: Schlagzeug
Produktion: Tom Dalgety
Mix: Mike Fraser
Aufnahme: RMV Studio, Stockholm
Gastmusiker: Tobias Forge (Ghost) und Mikael Åkerfeldt (Opeth), Hintergrundgesang
Über Europe
Europe ist eine 1983 in Schweden gegründete Hard-Rock-Band, die in den 1980er-Jahren insbesondere mit „The Final Countdown“, „Rock The Night“ und „Carrie“ internationale Erfolge feierte. Nach ihrer Wiedervereinigung 2003 wandte sich das Quintett verstärkt einem gitarrenbetonten, klassisch geprägten Hard Rock zu. „Come This Madness“ ist das zwölfte Studioalbum der Band und der erste Longplayer seit „Walk The Earth“ aus dem Jahr 2017.
Mehr zu Europe im Netz
Offizielle Website:
https://www.europetheband.com/
Europe bei Instagram:
https://www.instagram.com/officialeuropetheband/
„Come This Madness“ bei Spotify:
https://open.spotify.com/album/5uACCkmbaCuHqx6dzgHIxP

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