Gwen: Zwischen Hochgefühl und Abgrund – „A Cure That Will Save the Both of Us“ (Musikplaylist) [ Indie Rock | Alternative Rock | Art Rock ]

Gwen kommen aus Manhattan und bringen auf ihrem Debüt „A Cure That Will Save the Both of Us“ etwas zusammen, das sich durch Studiotechnik allein kaum herstellen lässt: musikalische Harmonie, fantastische Fingerfertigkeit und ein Gespür für Arrangements, in denen die einzelnen Ideen miteinander arbeiten. Zwischen Indie Rock, akustischer Intimität und dem Experimentierwillen des Art Rock entsteht handgemachte Musik mit Persönlichkeit. Eine Entdeckung für Puristen, die beim Zuhören gerne etwas genauer hinsehen.

Hört hier die offizielle Art-Track-Playlist zu „A Cure That Will Save the Both of Us“ von Gwen.

Vier Musiker, ein gemeinsames Gefühl

„Ein Heilmittel, das uns beide retten wird“: Schon der Albumtitel lässt sich als ziemlich großes Versprechen lesen. Interessant ist dabei vor allem das kleine Wort „beide“. Rettung wird hier sprachlich zu einer gemeinsamen Angelegenheit. Für die musikalische Qualität dieser Platte liefert das eine passende Lesart: Ihr Reiz liegt im Miteinander. Die Harmonie entsteht aus dem Verständnis dafür, wie eine einzelne Idee im Zusammenhang wirkt. Virtuosität darf dabei gerne auffallen. Sie muss allerdings etwas zum Ausdruck beitragen. Genau diese Verbindung aus Können und musikalischem Einfühlungsvermögen macht Gwen so reizvoll.

Caetano Morales übernimmt Gesang und Gitarre, Nic Talorico die Leadgitarre, Alex Beck sitzt am Schlagzeug und Julian Schessel spielt Bass und verantwortet Aufnahme und Produktion. Die fantastische Fingerfertigkeit verdient ausdrücklich ein Lob. Noch spannender ist jedoch der Umgang mit ihr. Gute Arrangements brauchen Entscheidungen: Welche Idee trägt? Welche braucht Unterstützung? Wann ist genug gesagt? Die handgemachte Kunst dieser Band liegt für mich genau in diesem Verhältnis zwischen spielerischem Vermögen und gemeinsamer Gestaltung. Hier möchte man sich mit der Musik beschäftigen, statt sie nach dem ersten Eindruck bereits vollständig abgehakt zu haben.

Ein guter Einstieg ist „Cigarette“. Akustische Gitarren und sparsam eingesetztes Schlagzeug geben dem Gesang viel Platz. Das Stück lebt von seiner persönlichen Ansprache und einer Produktion, die ihre Oberflächen nicht auf Hochglanz poliert. Gerade diese Überschaubarkeit passt zum Song: Die musikalische Aussage bleibt greifbar. Wer an handgemachter Musik besonders die Nähe zwischen Ausdruck und Ausführung schätzt, findet hier einen überzeugenden Zugang zu Gwen.

Seht hier das offizielle Musikvideo zu „Cigarette“ von Gwen.

Fingerfertigkeit mit Gefühl

Das Wort „Puristen“ passt deshalb durchaus, sofern damit die Freude am Musizieren gemeint ist. Als Forderung nach einem Verbot elektronischer Mittel wäre es bei dieser Band fehl am Platz: Gwen beziehen Produktion und Elektronik ausdrücklich in ihr Selbstverständnis ein. Handgemacht beschreibt hier eine Haltung zum musikalischen Material. Entscheidend bleibt, was die Musiker aus ihren Möglichkeiten entwickeln. Ein überzeugendes Arrangement darf technisch aufwendig sein und trotzdem unmittelbar wirken. Ebenso kann eine zurückhaltende Passage viel Können verlangen. Die Qualität bemisst sich am Ergebnis, nicht an der Zahl der beteiligten Geräte.

„Athena“ öffnet eine andere Perspektive. Ein gleichmäßiger Midtempo-Puls und helle Gitarrenarpeggien geben dem Stück seinen hypnotischen Charakter. Die aufgebrochenen Akkorde lenken die Aufmerksamkeit auf die Bewegung innerhalb der Begleitung. Damit bekommt das Zusammenspiel eine andere Wirkung als bei „Cigarette“: weniger unmittelbare Nähe, stärkeres Versinken in einem musikalischen Verlauf. Die beiden Songs machen neugierig aufeinander, weil sie unterschiedliche Zugänge zur Band eröffnen.

Seht hier das offizielle Musikvideo zu „Athena“ von Gwen.

Auch die Dimensionen verdienen Aufmerksamkeit. „Five Miles West“ bleibt unter drei Minuten, während „Athena“ und „Helmet Song Pt. II“ jeweils die Acht-Minuten-Marke überschreiten. Selbst das als „Interlude“ bezeichnete Stück beansprucht mehr als sieben Minuten. Da muss man über die bescheidene Bezeichnung schon ein wenig schmunzeln. Ein kleines Zwischenspiel stellt man sich gemeinhin anders vor. Diese Spannweite zeigt jedenfalls, dass Gwen ihr Debüt nicht auf ein einheitliches Songformat zuschneiden. Für ein erstes Album ist das eine selbstbewusste Entscheidung, die vom Publikum entsprechend Aufmerksamkeit verlangt.

Ein Album darf Zeit beanspruchen

Gut eine Stunde Spielzeit ist eine Ansage. Wer Musik bevorzugt in kleinen Portionen hört, wird sich auf diese Ausführlichkeit einstellen müssen. Länge allein ist selbstverständlich kein Qualitätsmerkmal; auch handwerkliches Können entbindet eine Band nicht davon, ihre Ideen auf den Punkt zu bringen. Gerade deshalb überzeugt als Maßstab hier die Harmonie der Arrangements. Sie gibt der Fingerfertigkeit einen Sinn und macht aus einzelnen Leistungen eine gemeinsame musikalische Aussage. Das ist die eigentliche Stärke, die bei dieser Platte hängen bleibt.

Mit „The High“ am Anfang und „The Low“ am Ende stehen zudem zwei gegensätzliche Begriffe über dem Verlauf. Man kann darin einen gedanklichen Bogen zwischen Hochgefühl und Tiefpunkt sehen, ohne jedem Stück vorschnell eine feste Rolle in einer erfundenen Geschichte zuzuschreiben. Der Titel des Albums bekommt dadurch eine schöne offene Frage mit: Was könnte dieses Heilmittel eigentlich sein? Für den Hörer liegt eine mögliche Antwort im gemeinsamen Musizieren selbst. In der Fähigkeit, verschiedene Stimmen zusammenzubringen und aus ihren Eigenheiten etwas Stimmiges entstehen zu lassen.

Unsere Wertung:

Wertung
Songwriting
10/10
Komposition
9/10
Produktion
6,5/10
Musikalische Fähigkeit
10/10
Gesamtwertung8,9von 10 PunktenØ aus vier Kriterien

Unser Fazit:

„A Cure That Will Save the Both of Us“ ist eine Empfehlung für alle, die handgemachte Musik auch wegen ihrer Gestaltung lieben. Gwen verbinden fantastische Fingerfertigkeit mit jener Harmonie, durch die ein Arrangement als Ganzes überzeugt. Das verdient Aufmerksamkeit und gerne auch etwas mehr Zeit. Puristen finden hier reichlich Anlass, sich an musikalischem Können zu erfreuen; neugierige Hörer bekommen mit „Cigarette“ und „Athena“ zwei unterschiedliche Einstiegsmöglichkeiten. Ein Debüt, bei dem das Lob für das Handwerk zugleich ein Lob für die Kunst des Zusammenspielens ist.

Mehr zu Gwen im Netz

Gwen bei Linktree:
https://linktr.ee/GwenBand

Gwen bei Spotify:
https://open.spotify.com/artist/4xEwkhZFsmRXmgztMHFTN6

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