Fort Capulet im Interview: Wie ein einstiger Außenseiter seine eigene musikalische Festung baut – Alles im großen Interview [ Alternative Rock ]

Fort Capulet ist vieles, aber sicher kein Projekt von der Stange. Nach Jahren in einer Punk-Band und einer bewussten Auszeit kehrt der Musiker mit einem Solo-Projekt zurück, das sich weigert, in eine Schublade zu passen: Rock, Grunge, Punk, Emo und ruhige Folk-Momente treffen aufeinander – immer mit einem klaren Fokus auf Ehrlichkeit und Authentizität. Als Multiinstrumentalist und Audio-Engineering-Student schreibt, spielt, mischt und mastert er seine Songs selbst.

Inhaltlich kreisen seine Stücke um Angst, Selbstzweifel, Isolation, Schlaflosigkeit, Liebe und den Schmerz schöner Erinnerungen – dazu kommen kritische Beobachtungen zu Social Media, KI und gesellschaftlicher Spaltung. Live hat er sich bereits auf einer UK-Tour mit Shows unter anderem in Glasgow, Edinburgh und London bewiesen. Wir haben mit Fort Capulet über den Schritt vom Band-Aus zum Solo-Debüt, den Druck und die Magie der Bühne und sein kommendes Album gesprochen.


Fort Capulet ist dein erstes Solo-Projekt nach vier Jahren in einer Punk-Band – was war der Auslöser zu sagen: „Jetzt mache ich mein eigenes Ding“ und wie hat sich dieser Schritt für dich angefühlt?

Nach der Auflösung meiner alten Band habe ich mich erst eine ganze Weile aus der Musik zurückgezogen, aber ich glaube tief im Inneren wusste ich immer, dass ich noch nicht ganz fertig damit war. Man könnte meinen, es wäre schwierig, nach einer so langen Zeit auf die Bühne zurückzukehren – aber ganz im Gegenteil, für mich war alles noch ganz vertraut. Als hätte ich mich selbst wiedergefunden. Das ist aber auch den Menschen um mich herum nicht ganz ungeschuldet; Tim, Tesch, Dana und Felizia, als ich verzweifelt nach dem Musiker in mir gesucht habe, habt ihr den Menschen dahinter gesehen und ohne euch würde Fort Capulet nicht existieren.

Du beschreibst deinen Sound als Mischung aus Rock, Grunge, Punk, Emo und ruhigen Folk-Momenten – „eine Schachtel Pralinen“. Wie würdest du jemandem, der dich noch nie gehört hat, in wenigen Sätzen erklären, was ihn musikalisch bei Fort Capulet erwartet?**

Ich fühle mich musikalisch manchmal wie ein schwarzes Schaf, das nirgendwo so richtig reinpasst (naja, nicht nur musikalisch). Deshalb habe ich beschlossen, mich nicht selbst in eine Schublade zu stecken, sondern einfach von allem etwas zu machen. Aber in jedem Fall ist mir Authenzität sehr wichtig und das darf auch gerne von meiner Musik erwartet werden!

Du bist Multi-Instrumentalist und studierst Audio Engineering, spielst alle Instrumente selbst und übernimmst auch Mixing und Mastering. Wie sieht ein typischer Entstehungsprozess eines Songs bei dir aus – vom ersten Riff bis zum finalen Master?

Ich glaube, einen fixen Ablauf gibt es da gar nicht. Manche Songs entstehen innerhalb von 30 Minuten, andere über einen Zeitraum von drei Monaten. Im Allgemeinen läuft es jedoch meistens so ab, dass ich abends „nur kurz eine Idee festhalten“ will und dann schimmern plötzlich die ersten Sonnenstrahlen in mein Studio.

In deinen Texten geht es viel um Themen wie Angst, verlassen zu werden, Selbstzweifel, Isolation, den Kampf mit dir selbst, Schlaflosigkeit, aber auch Liebe. Gibt es einen Song auf deinem Debüt-Album, der für dich persönlich emotional am schwersten zu singen ist – und warum?

Ja, den gibt es tatsächlich. Aber das ist überraschenderweise nicht der traurigste, sondern eher der glücklichste Song auf dem Album: Ich habe „East“ über einen ganz besonderen Tag geschrieben, einen ganz besonderen Sonnenuntergang, an einem ganz besonderen Strand mit einem ganz besonderen Menschen. Der Song soll daran erinnern, dass das Leben manchmal, ja ganz vielleicht, wenn die Sterne richtig stehen und die Gezeiten mitspielen, auch mal perfekt sein darf.

Aber diese Zeit kommt nicht wieder und manchmal schmerzen die schönen Erinnerungen mehr als die schlechten.

Du kritisierst in deinen Texten auch gesellschaftliche Entwicklungen: Social Media, KI, politische Spaltung. Wie stark beeinflusst dich diese gesellschaftliche Stimmung in deinem Alltag – und wie kanalisiert du das in deine Musik, ohne belehrend zu wirken?

Mir ist es wichtig, niemandem eine Meinung aufzudrängen. Politisch geht es einfach darum, mehr miteinander in den Dialog zu treten. Dass eine Gesellschaft nur funktioniert, wenn wir auch Leute ausreden lassen, deren Meinung wir vielleicht nicht teilen. Seinem Gegenüber den Mund zu verbieten, dann aber zu glauben es würde sich wie von Zauberhand etwas ändern, kann nicht der richtige Weg sein. Meine Mama hat immer gesagt: „Nur redenden Menschen kann geholfen werden.“

Und KI ist zwar sehr spannend und auch nützlich, aber sie wird völlig falsch eingesetzt! Wir verlernen Kreativität und ich befürchte, dieser Prozess entwickelt sich so schleichend, dass ihn viele gar nicht bemerken. KI soll ja nicht verboten werden, aber ihr Fokus muss sich ändern. Ich zitiere dazu die Autorin Joanna Maciejewska: „Ich möchte, dass KI meine Wäsche und meinen Abwasch erledigt, damit ich Kunst machen kann, und nicht, dass KI meine Kunst erledigt, damit ich meine Wäsche und meinen Abwasch machen kann.“

Du hast als Fort Capulet mehrere Shows in Großbritannien gespielt – Glasgow, Edinburgh, London, unter anderem im legendären Dingwalls. Was unterscheidet die britische Szene für dich am stärksten von der deutschen – auf und vor der Bühne?

Der schiere Stellenwert, den Musik im Alltag der Menschen hat, ist dadrüben ganz anders. In einer Location durfte ich sogar spielen, ohne vorab etwas von meiner Musik zu zeigen – man ist da einfach komplett offen. Hierzulande müssten erstmal Anträge gestellt und GEMA-Gebühren gezahlt werden und um Punkt 0 Uhr ist Schicht im Schacht.

Insbesondere Camden hat mich fasziniert. Dieser ganze Londoner Stadteil atmet einfach Musik, da schallt immer ein Beat durch die Gassen, alle laufen in ihren eigenen BPM, der Regent Canal plätschert im Takt vergessener Hymnen und das alles gipfelt im Dingwalls, wo Helden gefeiert und Legenden geboren wurden. Camden ist wie ein Auffangbecken für verlorene Seelen. Und das meine ich sehr positiv, denn ich bin definitiv eine davon.

Gerade die Gigs in Schottland wirkten sehr unterschiedlich: eine intime Show in Glasgow mit Minimal-Setup und dann gleich drei Konzerte an einem Abend in Edinburgh. Was hast du aus diesen sehr verschiedenen Situationen für dich als Live-Performer mitgenommen?

Ganz klar: Live-Musik kann harte Arbeit sein! In der dritten Location in Edinburgh war ich so dermaßen müde, dass ich sogar kostenlose Getränke abgelehnt habe, hauptsache ich komme schnell ins Bett. Das schlägt schon alles extrem auf die Nerven und auf den Körper, obwohl es nur eine kurze Tour war. Als ich zurückkam, lag ich erstmal zwei Wochen flach.

Du hast das Feedback bekommen, dass du bei deinen eigenen Songs weniger Selbstbewusstsein ausstrahlst als bei Covers. Wie gehst du mit solcher Kritik um – und arbeitest du aktuell konkret daran, diese „Lücke“ auf der Bühne zu schließen?

Ich denke, ich kann ziemlich gut mit Kritik umgehen und war daher sehr dankbar für dieses Feedback. Es ist schwer, auf einer Bühne Selbstbewusstsein auszustrahlen, aber trotzdem seine Gefühle zu zeigen und ich halte beides für gleichermaßen wichtig. Das ist schon ein ziemlicher Seiltanz, aber ich denke, das kann mit der Zeit nur besser werden.

Im Dingwalls hast du deine Piano-Ballade „For Ever And Us“ gespielt, einen sehr persönlichen Song, der dich extrem verletzlich zeigt – und genau der bekam den größten Applaus. Was hat dieser Moment in dir ausgelöst und hat er deine Sicht auf deine eigene Musik verändert?

Das war eine ganz spontane Entscheidung, den Song überhaupt zu spielen. Der stand nicht auf der Setlist. Aber es war der letzte Song auf dem letzten Konzert der Tour und ich hatte einfach noch was zu sagen. Ich konnte nicht nachhause gehen, ohne London zu erzählen, was Liebe ist. Musik ist dazu da, um geteilt zu werden und in diesen knapp vier Minuten ist die Grenze zwischen Bühne und Publikum für mich komplett verschwommen. Und es hat mich überwältigt, zu sehen, dass das Publikum in dem Moment genauso fühlte.

Im Frühjahr 2026 erscheint dein Debüt-Album über ein Indie-Label. Was dürfen wir inhaltlich und soundmäßig erwarten – und was hoffst du, wie sich Fort Capulet in den nächsten Jahren entwickeln wird, live wie im Studio?

Ich glaube, inhaltlich ist Ehrlichkeit für mich das wichtigste. Ich agiere zwar unter einem Künstlernamen, aber irgendwie zeige ich als Fort Capulet mehr von mir selbst als hinter meinem echten Namen. Das wird sich wie ein roter Faden durch das ganze Album ziehen. Und Live werde ich auf jeden Fall versuchen, mehr Gastmusiker einzubinden. Die Energie ist einfach eine ganz andere.

„Fort Capulet“ ist ein sehr bildstarker Name – was bedeutet er für dich persönlich und warum hast du dich genau dafür entschieden? Gibt es eine Geschichte oder Symbolik dahinter?

Ja. Gibt es 😉

Wenn man an „Fort“ denkt, hat man sofort eine Festung oder einen Schutzraum im Kopf. Siehst du Fort Capulet auch als eine Art emotionalen Zufluchtsort – für dich selbst oder für deine Hörer und Hörerinnen?

Wahnsinnig interessante Idee, da habe ich so noch gar nicht drüber nachgedacht! Ich lasse da ein wenig Spielraum für Interpretationen. Jeder darf selbst entscheiden, ob das Fort ein Schutzwall oder eine Kriegsfestung ist.

Hast du dir für Fort Capulet auch ein visuelles Konzept überlegt – z. B. Logo, Artwork, Bühnenästhetik – das zu diesem Namen passt? Wie wichtig ist dir die Bildsprache rund um deine Musik?

Bildsprache ist mir sehr wichtig! Aber ich glaube, eine wirkliche Ästhetik wird sich mit der Zeit selbst entwickeln. Bei manchen Songs sehe ich mich selbst in Lederjacke und Sonnenbrille da stehen, bei anderen eher im zerrissenem Cardigan. Ich lege mich da nicht fest, hauptsache authentisch!

Du warst schon oft in England und hast jetzt dort deine ersten Fort-Capulet-Gigs gespielt. Könntest du dir vorstellen, dass Fort Capulet langfristig eher eine „britisch geprägte“ Identität bekommt – oder ist dir wichtig, deine deutschen Wurzeln klar spürbar zu lassen?

Ich glaube, es steckt schon jetzt eine gewisse britische Identität dahinter. Aber glücklicherweise ist das ein extrem breites Spektrum und daher auch gut mit anderen Identitäten zu vereinbaren. Ich bin cool damit, wenn mich beide Länder als „ihren Spieler“ betrachten.

Gibt es noch etwas, was du unseren Lesern mitteilen möchtest?

Seid gut zu einander, seid gut zu euch selbst, seid gut zum Planeten und verbietet Wildtiere im Zirkus, das ist echt nicht cool.

Mit seinem kommenden Debüt-Album und den ersten Europa-Shows im Rücken wirkt Fort Capulet wie ein Künstler, der genau weiß, was er sagen will – auch wenn er sich weigert, sich auf ein Genre festzulegen. Wer sich auf seine Songs einlässt, bekommt keine glatte Fassade, sondern unverstellte Gefühle und eine Stimme, die bleiben will.

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