Fury In The Slaughterhouse stellen sich mit »Changes« dem Wandel – und bleiben dabei unverkennbar sie selbst (Musikplaylist) [ Alternative Rock | Indie Rock | Pop Rock ]

Veränderungen sind eine feine Sache, solange am Ende bitte alles vertraut klingt. Das wissen nicht nur Parteien, Streamingdienste und Hersteller, die denselben Schokoriegel regelmäßig in einer kleineren Verpackung als aufregende Neuheit verkaufen. Auch Fury In The Slaughterhouse nennen ihr 15. Studioalbum selbstbewusst »Changes«, ohne deshalb gleich die Gitarren gegen modulare Synthesizer einzutauschen oder Kai Wingenfelder zum Autotune-Seminar anzumelden. Statt Revolution im Proberaum gibt es zwölf routiniert gebaute Rocknummern über Zusammenhalt, verlorene Jugend, gesellschaftliche Verantwortung und die beruhigende Erkenntnis, dass ein hymnischer Refrain auch nach fast 40 Jahren noch zuverlässig seinen Dienst verrichtet.

Hört die Songs und Schaut die Clips von „Changes

Der eröffnende Titelsong lässt sich zunächst Zeit. Akustische Gitarren, zurückhaltende Töne und Wingenfelders unverwechselbar spröde Stimme stellen eine nachdenkliche Bestandsaufnahme in Aussicht. Natürlich bleibt es nicht dabei. Nach und nach schiebt sich die gesamte Band ins Bild, das Schlagzeug gewinnt an Gewicht und der Refrain öffnet jene weitläufige Arena, in der Fury In The Slaughterhouse seit den frühen Neunzigern einen festen Parkplatz besitzen.

Der Song handelt von der Endlichkeit vertrauter Zustände und davon, dass selbst die schönsten Tänze irgendwann enden. Schwermut wird dabei nicht als regennasses Kunstprojekt inszeniert, sondern in einen warmen, erhebenden Rocksong überführt. Fury betrachten Veränderungen nicht als aufregenden Sprung ins Unbekannte, sondern als unvermeidlichen Teil des Lebens, den man am besten gemeinsam und mit ordentlich ausgeleuchtetem Refrain bewältigt.

Das anschließende »9 Lives« erhöht die Geschwindigkeit und liefert den offensichtlichen Konzertkandidaten. Schlagzeuger Rainer Schumann treibt das Stück trocken nach vorne, während die Gitarren von Thorsten Wingenfelder und Christof Stein-Schneider ihre bewährte Arbeitsteilung pflegen. Der eine lässt offene Akkorde und helle Einzeltöne durch das Arrangement klingeln, der andere legt das kräftigere Fundament darunter. Zwei unterschiedliche Bewegungen, die zusammen seit Jahrzehnten zuverlässig nach Fury klingen.

Inhaltlich feiert »9 Lives« die erstaunliche Widerstandskraft einer Band, die Trennung, Wiedervereinigung, wechselnde musikalische Moden und ungefähr sieben Generationen angeblicher Retter des Rock überstanden hat. Selbstbewusstsein wird dabei nicht mit Altersstarrsinn verwechselt. Der Song klingt lebendig und konzentriert, auch wenn sein Refrain so konsequent auf gemeinschaftliches Mitsingen ausgelegt ist, dass man im Studio vermutlich bereits die Größe der künftigen Festivalchöre berechnet hat.

Seht hier das offizielle Video zu »9 Lives«.

Das erste richtige Bandalbum nach 39 Jahren

»Changes« beendet die Comeback-Trilogie, die 2021 mit »Now« begann und zwei Jahre später durch das Nummer-eins-Album »Hope« fortgesetzt wurde. Diesmal entstanden die Stücke weitgehend gemeinsam in einem kleinen Studio auf der dänischen Insel Langeland. Die Band spricht deshalb von ihrem ersten wirklichen Gemeinschaftsalbum. Eine erstaunliche Aussage für sechs Musiker, die teilweise seit 1987 miteinander arbeiten, aber offenbar benötigten auch Fury In The Slaughterhouse einige Jahrzehnte, um die Gruppenarbeit ohne anschließenden Elternbrief zu bewältigen.

Die kollektive Herangehensweise ist hörbar. »Changes« wirkt weniger wie eine Sammlung einzelner Songwriterentwürfe, die nachträglich mit dem bekannten Bandlogo versehen wurden. Keyboard, Bass, Gitarren und Schlagzeug greifen organisch ineinander. Gero Drnek bleibt dabei nicht auf atmosphärische Hintergrundarbeit beschränkt, sondern bringt mit Keyboard, Gitarre und Mandoline zusätzliche Klangfarben ein. Bassist Christian Decker hält das Material zusammen, ohne sich mit unnötigen Zirkusnummern um Aufmerksamkeit zu bewerben.

»Youth Is Wasted On The Young« zählt zu den energischsten Stücken des Albums. Der Titel greift das alte Klischee auf, Jugend werde grundsätzlich an junge Menschen verschwendet, vermeidet jedoch die übliche Belehrung aus dem komfortablen Sessel der Lebenserfahrung. Stattdessen sucht der Song nach einer Verbindung zwischen jugendlicher Euphorie und jener Weisheit, die meistens erst eintrifft, wenn man sie für die wichtigsten Entscheidungen nicht mehr rechtzeitig einsetzen kann.

Musikalisch poltert die Nummer mit kräftigem Schlagzeug und einem beinahe punkigen Impuls voran. Wingenfelder singt nicht gegen eine jüngere Generation an, sondern über die Möglichkeit, voneinander zu lernen. Das klingt sympathisch und erstaunlich wenig nach einem Mann, der auf dem Nachbargrundstück jedes Skateboard persönlich beim Ordnungsamt meldet. Der Refrain bleibt direkt, einprägsam und angenehm kurz.

»Lost And Found« zieht anschließend deutlich weichere Schuhe an. Ein elektronisch gefärbter Einstieg, zurückgenommene Gitarren und eine melodische Popstruktur zeigen, dass die Band neben offenen Akkorden weiterhin den Weg zum Synthesizer kennt. Der Song gleitet geschmeidig durch seine knapp drei Minuten, besitzt aber auch etwas von einem sorgfältig produzierten Radiobeitrag, bei dem jedes emotionale Möbelstück exakt an der vorgesehenen Stelle steht.

Das ist angenehm, eingängig und professionell. Es ist allerdings auch so risikofrei, dass selbst die Studioversicherung beruhigt schlafen dürfte. Fury In The Slaughterhouse verstehen es hervorragend, große Gefühle in kompakte Formen zu gießen. Gelegentlich wünscht man sich dennoch, jemand würde die Form versehentlich etwas schief halten.

Revolution mit korrekter Bühnenbeleuchtung

Mit »Viva La Revolución« erinnern sich die Hannoveraner an alternative Jugendkultur, linke Freiräume und die gesellschaftliche Aufbruchsstimmung ihrer frühen Jahre. Das Stück trägt punkige Elemente, marschiert aber nicht mit erhobenem Zeigefinger durch die Fußgängerzone. Mandoline, Gitarren und ein beschwingter Rhythmus verleihen dem politischen Rückblick beinahe festlichen Charakter.

Die Revolution erscheint hier weniger als brennende Barrikade denn als freundliches Klassentreffen im autonomen Kulturzentrum. Man erinnert sich an gemeinsame Ideale, hebt das Glas und überprüft anschließend, wann die letzte Bahn fährt. Das könnte leicht peinlich wirken, entwickelt durch die glaubwürdige Haltung der Band aber einen gewissen Charme. Fury tun nicht so, als seien sie noch dieselben jungen Männer von damals. Sie behaupten lediglich, dass einige Überzeugungen ein längeres Haltbarkeitsdatum besitzen als die dazugehörigen Frisuren.

Seht hier das offizielle Lyric-Video zu »Viva La Revolución«.

»Believe« nimmt das Tempo vollständig heraus. Akustische Gitarren und dezente Begleitung rücken Wingenfelders Stimme in den Mittelpunkt. Der Song handelt vom Festhalten an einer Idee, obwohl die Wirklichkeit regelmäßig überzeugende Gegenargumente liefert. Dabei schimmert jener erwachsene Alternative Rock durch, mit dem sich R.E.M. einst zwischen College-Radio und Großarena bewegten.

Die Ballade funktioniert, weil sie nicht unter einer überdimensionierten Streicherabteilung begraben wird. Statt künstlich jedes Gefühl bis zur Stadiondecke aufzublasen, bleibt das Arrangement vergleichsweise zurückhaltend. »Believe« gehört dadurch zu den glaubwürdigeren Momenten des Albums. Die Band vertraut dem Song, ohne ihm zusätzlich ein Motivationsposter in die Hand zu drücken.

Mit »Fix This Crack« folgt eine Trennungsgeschichte für eine Gegenwart, in der selbst Sprachassistenten und digitale Dauerkommunikation keine menschliche Nähe ersetzen können. Der Erzähler redet nachts mit Alexa, während die eigentliche Gesprächspartnerin fehlt. Moderne Technik darf zwar das Licht einschalten, die Musik wechseln und ungefragt Einkaufslisten führen, gegen einen Riss im Herzen besitzt sie jedoch offenbar weiterhin kein passendes Softwareupdate.

Musikalisch bleibt der Song im mittleren Tempo und lebt von seinem klaren Aufbau sowie einer starken Hook. Die Melancholie wird nicht zum Selbstzweck, sondern trägt eine kleine, nachvollziehbare Geschichte. Gerade hier zeigt sich Wingenfelders Qualität als Sänger. Seine Stimme ist nicht makellos, aber sofort erkennbar. Sie klingt nach gelebter Erfahrung und besitzt jene spröde Wärme, die selbst glatte Arrangements menschlich hält.

Seht hier das offizielle Video zu »Fix This Crack«.

Früher war sogar die Jugend jünger

»When We Were Young« schaut erwartungsgemäß zurück. Es geht um das Gefühl, anders sein zu wollen, um jugendlichen Übermut und um Beziehungen, deren Bedeutung häufig erst verstanden wird, wenn sie längst Erinnerung geworden sind. Die Band kennt das Risiko solcher Rückblicke. Nostalgie kann schließlich schneller klebrig werden als verschüttete Limonade auf einer Ü-40-Party.

Doch der Song hält die Balance. Der Refrain ist groß, die Melodie unmittelbar und das Arrangement lässt genügend Bewegung zu, damit die Erinnerung nicht vollständig in Sepia erstarrt. Natürlich zielt die Nummer direkt auf Menschen, die ihre Jugend inzwischen in sorgfältig beschrifteten CD-Regalen verwalten. Das macht sie jedoch nicht automatisch unehrlich.

Für die auffälligste stilistische Abweichung sorgt »Years Of Thunder«. Mandoline, Chorgesang und ein tänzelnder Rhythmus führen den Song in Richtung Folk Rock und Irish Pub. Innerhalb weniger Sekunden entsteht das Bild erhobener Gläser, schwankender Schultern und eines Publikums, das den Text spätestens beim zweiten Refrain auch ohne genaue Kenntnis überzeugend mitsingt.

Die Nummer trägt ihre Geselligkeit mit solcher Entschlossenheit vor sich her, dass Widerstand zwecklos erscheint. Sie ist vielleicht nicht subtil, lockert die zweite Albumhälfte aber dringend auf. Nachdem mehrere Songs zuvor mit ernstem Blick über Jugend, Trennung und Glauben nachgedacht haben, darf die Mandoline endlich die Fenster öffnen.

»Sister Moon« schließt sie gleich wieder. Die zurückhaltende Ballade reduziert die Instrumentierung auf das Notwendige und überlässt Wingenfelder fast vollständig das Feld. Hoffnung und Melancholie liegen eng nebeneinander, ohne sich gegenseitig mit dramatischen Gesten zu überbieten. Der Song gehört zu den stillsten und stärksten Momenten der Platte, gerade weil die Band nicht versucht, jede Lücke mit zusätzlicher Bedeutung auszupolstern.

»Dream About You« bringt anschließend erneut Bewegung ins Album. Folkige Leichtigkeit, melodische Gitarren und ein unkomplizierter Refrain sorgen für angenehmen Fluss. Der Song wirkt weniger zwingend als »9 Lives« oder »Years Of Thunder«, erfüllt seine Aufgabe innerhalb der Dramaturgie aber zuverlässig. Nicht jedes Stück muss umgehend einen eigenen Gedenktag beantragen.

Das abschließende »Sorrowland« besitzt dagegen deutlich mehr Gewicht. Der bereits 2025 veröffentlichte Titel verbindet eine düstere gesellschaftliche Perspektive mit einem treibenden Rockarrangement. Die Gitarren greifen härter zu, der Refrain wirkt weniger versöhnlich und die Band warnt vor einer Zukunft, in der Gleichgültigkeit und politische Verhärtung ein Land der Trauer entstehen lassen könnten.

Als Abschluss ist das klug gewählt. Nach mehreren versöhnlichen Rückblicken endet »Changes« nicht mit allgemeinem Schulterklopfen, sondern mit einer Warnung. Hoffnung allein reicht nicht, wenn niemand bereit ist, daraus Konsequenzen zu ziehen. Damit schließt sich der Kreis zum Albumtitel: Veränderung wird nicht als dekoratives Motto verstanden, sondern als notwendige Reaktion auf Zustände, mit denen man sich nicht abfinden möchte.

Großer Klang, kleines Risiko

Produzent Vincent Sorg, der bereits »Now« und »Hope« betreute, verleiht dem Album einen breiten und druckvollen Klang. Das Schlagzeug steht kraftvoll im Raum, die Gitarren besitzen ausreichend Gewicht und selbst zurückgenommene Passagen wirken nie dünn. Jede Stimme, jede Mandoline und jedes Keyboarddetail sitzt an der vorgesehenen Stelle.

Genau darin liegt allerdings auch ein Teil des Problems. Die Produktion lässt kaum etwas zufällig oder gefährlich erscheinen. Selbst die punkigeren Momente tragen ordentlich gebundene Schnürsenkel. Wo frühere Fury-Alben bisweilen noch eigentümlich, sperrig oder leicht schräg wirkten, klingt »Changes« häufig nach dem bestmöglichen Ergebnis einer sehr professionellen Besprechung.

Das Album möchte Rockfans verschiedener Altersgruppen zusammenbringen, im Radio funktionieren und auf großen Open-Air-Bühnen unmittelbar zünden. Diese Ziele erreicht es. Dennoch fehlt gelegentlich jener kleine Störfall, der aus einem guten Song einen ungewöhnlichen machen könnte. Die Refrains öffnen sich zuverlässig, die Strophen führen sauber dorthin und die Bridges wissen genau, wann sie emotional werden müssen.

Wer Veränderung im Sinne einer stilistischen Neuerfindung erwartet, dürfte deshalb enttäuscht werden. Der Titel beschreibt eher die Themen, Arbeitsweise und zwischenmenschliche Entwicklung der Band als ihre musikalische Sprache. Fury In The Slaughterhouse bleiben Fury In The Slaughterhouse. Das kann man ihnen kaum vorwerfen. Man sollte es nur wissen, bevor man im letzten Drittel noch auf das Free-Jazz-Saxofon oder einen spontanen Grindcore-Ausbruch wartet.

Trotzdem besitzt »Changes« genügend Abwechslung. Zwischen dem treibenden »Youth Is Wasted On The Young«, dem poppigen »Lost And Found«, der intimen Ballade »Sister Moon«, dem Folk-Rocker »Years Of Thunder« und dem politisch aufgeladenen »Sorrowland« wechselt die Stimmung regelmäßig. Nur die übergeordnete Dramaturgie bleibt meist vorhersehbar.

Die knapp 39 Minuten vergehen dadurch schnell. Kein Song überschreitet die Vier-Minuten-Marke wesentlich, kein Arrangement zieht seine Botschaft länger als nötig in die Länge und selbst die ruhigeren Titel vermeiden übermäßigen Ballast. »Changes« ist ein konzentriertes, handwerklich starkes Rockalbum. Es ist jedoch keine späte Neuerfindung und auch kein Werk, das den bisherigen Katalog der Band vollständig neu gewichtet.

Unsere Wertung:

➤ Songwriting: 7,5 von 10 Punkten
➤ Komposition: 7,5 von 10 Punkten
➤ Musikalische Fähigkeit: 8,5 von 10 Punkten
➤ Produktion: 8 von 10 Punkten

➤ Gesamtwertung: 7,5 von 10 Punkten

Unser Fazit:

Fury In The Slaughterhouse liefern mit »Changes« ein souveränes, melodisches und hörbar gemeinschaftlich erarbeitetes Rockalbum ab. Die Band klingt eingespielt, Wingenfelders Stimme besitzt weiterhin hohen Wiedererkennungswert und die Kombination aus offenen Gitarrenakkorden, kräftigen Riffs, Keyboardfarben und einer stabilen Rhythmusgruppe funktioniert zuverlässig.

Zu den stärksten Momenten zählen das energische »9 Lives«, das verbindende »Youth Is Wasted On The Young«, der folkige Gassenhauer »Years Of Thunder«, die zurückhaltende Ballade »Sister Moon« und das gesellschaftlich beunruhigte »Sorrowland«. Diese Stücke zeigen, dass die Band auch nach fast vier Jahrzehnten nicht ausschließlich vom eigenen Archiv lebt.

Der Albumtitel verspricht allerdings größere Bewegung, als die Musik tatsächlich vollzieht. Viele Songs folgen vertrauten Strukturen, mehrere Refrains wurden offensichtlich bereits mit Blick auf große Konzertbühnen gebaut und Vincent Sorgs Produktion poliert manche Eigenheit sehr gründlich. So entsteht ein Album, das selten unangenehm auffällt, aber ebenso selten wirklich überrascht.

»Changes« übertrifft die großen Klassiker der Band nicht und versucht vernünftigerweise auch gar nicht erst, ihnen künstlich nachzustellen. Es ist das Werk erfahrener Musiker, die ihre gemeinsame Sprache gefunden haben und sie inzwischen beinahe akzentfrei sprechen. Das Ergebnis bietet Haltung, Melodie, Spielfreude und einige ausgezeichnete Songs. Für eine Revolution reicht es nicht. Für einen überzeugenden Abschluss der Comeback-Trilogie dagegen sehr wohl.

Mehr zu Fury In The Slaughterhouse im Netz

Offizielle Website:
https://www.fury.de/

Fury In The Slaughterhouse bei Facebook:
https://www.facebook.com/furyintheslaughterhouseofficial/

Fury In The Slaughterhouse bei Spotify:
https://open.spotify.com/artist/6eswqLpEm9AhDIguGzRswT

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