72 Rats – Wenn alles in Flammen aufgeht, bleibt der Wille zum Weitermachen: „it all burns down someday“ im Review (Musikplaylist) [ Post-Punk | New Wave | Indie Rock ]

Der Weltuntergang ist auch keine Ausrede, auf dem Sofa sitzen zu bleiben. Zumindest nicht für 72 Rats. Auf „it all burns down someday“ lässt der Musiker Graham Bremner sechs Songs lang den Alltag gegen die eigenen Reserven antreten. Freundschaften, Arbeit, Verantwortung, innere Müdigkeit: Was nach einer wenig einladenden Bestandsaufnahme klingt, erhält zwischen Post-Punk, New Wave und Indie Rock eine erstaunlich bewegliche musikalische Gestalt. Der Titel prophezeit den endgültigen Zusammenbruch, die Songs fragen lieber, was man bis dahin mit seiner Zeit anfängt. Seit dem 2. Oktober 2026 ist die Veröffentlichung auf Bandcamp und als physischer Tonträger erhältlich; am 9. Oktober folgt der Start auf den Streamingdiensten.

Spotify-Künstlerplayer: Die sechs neuen Stücke erscheinen dort laut offizieller Ankündigung am 9. Oktober. Das komplette Album kann bereits auf Bandcamp angehört werden.

72 Rats: Der Weltuntergang hat einen ziemlich guten Rhythmus

Als musikalische Wegweiser nennt Bremner Talking Heads, Joy Division, R.E.M., The Replacements und Sonic Youth. Diese Namen ohne größere Reibungsverluste unter einen Hut zu bekommen, dürfte selbst für den geduldigsten Plattensammler eine Herausforderung darstellen. Auf der einen Seite stehen die nervösen Rhythmen und schrägen Einfälle der frühen New Wave, auf der anderen die melancholische Strenge des Post-Punk. Dazwischen drängen sich amerikanischer College Rock, ausgefranste Gitarren und ein ausgeprägtes Interesse an Melodien.

72 Rats verorten sich in diesem Spannungsfeld, ohne die düsteren Elemente zum alleinigen Programm zu erklären. Graham Bremner übernimmt auf der Aufnahme Gesang, Gitarren und Bass, Epaminondas Trimis Schlagzeug und Percussion. Auf drei Titeln ergänzt Seth Ahnert das Geschehen um Keyboards. Statt eines üppig besetzten Ensembles steht also ein überschaubarer Kern hinter den sechs Kompositionen. Musikalisch setzt das Projekt auf einen unmittelbaren, gitarrenbetonten Zugriff, der sich ebenso auf die Tradition des Indie Rock wie auf die rhythmischen Eigenheiten des Post-Punk beruft.

Der Vorgänger „nothing left to lose“ erschien 2024 und schaffte es nach Angaben der Band bis auf Platz 162 der amerikanischen College-Radio-Charts. Die neue Veröffentlichung will weniger durch Größe beeindrucken als durch ihren inneren Zusammenhang. Sechs Lieder in gut 23 Minuten: Die Sache ist überschaubar, und genau darin liegt eine Chance. Es bleibt kaum Zeit für Leerlauf, aber auch wenig Platz, um schwächere Ideen hinter einem groß angelegten Konzept zu verstecken.

„Mellow Dramatic“ und „Time Goes By“: Raus aus dem eigenen Kopf

Den Anfang macht „Mellow Dramatic“, ein Song über Menschen, die einander auch dann zuhören, wenn es nichts Neues und schon gar keine schnelle Lösung gibt. Freunde lassen sich ihre Probleme erzählen, geben Ratschläge und machen trotzdem noch Witze. Kein besonders glamouröses Motiv, aber für den Auftakt ausgesprochen passend. Die Gitarren werden in veröffentlichten Hörbeschreibungen als drängend, die Basslinie als griffig und das Schlagzeug als lebendig charakterisiert. Der Kontrast zur eigentlich ziemlich nachdenklichen Grundidee ist gewollt: Das Leben muss nicht erst gut laufen, damit ein gemeinsamer Abend etwas wert ist.

Darauf folgt „Time Goes By“ mit einer Aufforderung, die man vermutlich niemandem vorlesen sollte, der gerade seinen dritten Arbeitstag mit Überstunden beendet hat: Geh raus, triff Leute, erlebe etwas. Die Zeit vergeht schließlich auch dann, wenn du dich vor ihr versteckst. Das ist sympathisch gemeint, gerät in seiner Direktheit aber beinahe zur Lebenshilfe. Musikalisch wird die Nummer als besonders rhythmusbetont und melodisch zugänglich beschrieben; die beschwingte Oberfläche soll den leicht belehrenden Unterton abfedern. Genau hier zeigt sich bereits Bremners größte Stärke und sein auffälligstes Problem: Er hat klare Gedanken, formuliert sie jedoch bisweilen so deutlich, dass für Zwischentöne kaum noch Platz bleibt.

Interessanterweise nimmt er seine eigene Aufforderung schon im nächsten Stück wieder auseinander. Wer immerzu aktiv sein soll, braucht schließlich auch die Kraft dafür. Und was, wenn die längst verbraucht ist?

Erschöpfung statt Selbstoptimierung: „I’m Too Tired“ und „Hidden“

„I’m Too Tired“ ist die notwendige Ernüchterung nach zwei Songs voller menschlicher Nähe und guter Vorsätze. Bremner betrachtet das schlechte Gewissen eines Menschen, der eigentlich allen Grund zur Zufriedenheit haben müsste und trotzdem kaum noch Energie aufbringt. Andere wirken erfolgreicher, geordneter, souveräner. Nur weiß niemand, was hinter deren Wohnungstüren los ist. Das Stück vermeidet immerhin die bequeme Behauptung, man müsse sich bloß zusammenreißen. In veröffentlichten Besprechungen werden eine markante Gitarrenfigur, sich verdichtende Klangschichten und ein spannungsreicher Aufbau hervorgehoben. Die ergänzenden Keyboards geben der Nummer zusätzlichen Spielraum.

Am stärksten ist das Konzept dort, wo der Anspruch, jederzeit funktionieren zu müssen, eine konkrete Gestalt erhält. „Hidden“ zeichnet das Bild eines unfreiwilligen Superhelden. Jemand erledigt die Arbeit, findet Lösungen und rettet andere aus Schwierigkeiten. Was diese Person selbst braucht, interessiert offenbar niemanden. Die Metapher ist nicht subtil, dafür aber wirkungsvoll. Sie passt zum Gefühl, dass Zuverlässigkeit schnell in eine Verpflichtung umschlägt, aus der man kaum noch herauskommt.

Auch musikalisch scheint die Nummer die Spannweite des Projekts deutlicher auszureizen. Beschrieben werden ein zunächst zurückhaltender Gitarreneinstieg, anschließend kräftiger verzerrte Passagen sowie verfremdete Gesangsspuren. Das verspricht zumindest mehr Charakter als eine durchgehend gleichförmige Indie-Rock-Begleitung. „Hidden“ trifft seinen Punkt außerdem besser als das etwas plakative „Time Goes By“: Hier steckt im Text ein echter Widerspruch, kein bloßer Appell. Derjenige, auf den sich alle verlassen, ist womöglich der Einsamste im Raum.

„Pull Me Back“ und „Ready To Roll“: Keine Erlösung auf Knopfdruck

Nach all dem Aufladen fremder Sorgen führt „Pull Me Back“ zu einer erfreulich unspektakulären Erkenntnis: Man darf andere auch einmal um Unterstützung bitten. Bremner formuliert diese Bitte unmittelbar. Wer bis hierhin eine komplizierte innere Wendung erwartet hat, wird mit einer denkbar schlichten Botschaft konfrontiert. Dafür soll der Song musikalisch beweglicher ausfallen, mit präsenteren Keyboardlinien und wechselnden Texturen. Er ist als Wendepunkt platziert, nicht als Wunderheilung. Das leuchtet ein, auch wenn die Dramaturgie einer Selbsthilfeerzählung gefährlich nahekommt.

Dass „Ready To Roll“ daraus keinen überdimensionierten Siegeszug macht, ist die klügste Entscheidung dieser kurzen Platte. Der Erzähler ist immer noch erschöpft. Die Probleme sind nicht verschwunden, und eine umfassende Erklärung für das Leben hat er auch nicht gefunden. Trotzdem geht es weiter. In den verfügbaren musikalischen Beschreibungen rückt hier ein stärker verzerrter Bass mit druckvoller Rhythmusgruppe in den Vordergrund. Die eher raue Rockausrichtung scheint zu diesem Finale besser zu passen als jede übertriebene Klangveredelung.

Das sorgt für einen Abschluss, der sich mit dem Titel des Albums versöhnen lässt. Alles brennt irgendwann nieder? Mag sein. Bis dahin gibt es allerdings noch Menschen, mit denen man reden, und Dinge, die man ausprobieren kann. Bremner nimmt dieser Erkenntnis den philosophischen Pomp und schiebt sie zurück in den Alltag. Gerade dadurch wirkt sie überzeugender.

Wie viel Post-Punk steckt wirklich in „it all burns down someday“?

Mit dem Etikett Post-Punk/New Wave lässt sich heute einiges verkaufen, das bei näherem Hinsehen vor allem Alternative Rock mit ein paar kantigeren Gitarren ist. Bei 72 Rats sollte man deshalb nicht automatisch eine Platte erwarten, die sich an der frostigen Reduktion von Joy Division orientiert. Die beschriebenen Arrangements mit eingängigen Refrains, treibenden Rockrhythmen und stellenweise dichter verzerrten Gitarren wirken mindestens ebenso stark dem amerikanischen Indie Rock verpflichtet.

Das muss keineswegs gegen die Musik sprechen. Es relativiert lediglich die Erwartung an die Genrebezeichnung. Positiv fällt bei der veröffentlichten Konzeption die bewusste Verbindung aus nervöser Energie, melodischer Verständlichkeit und einem durchdachten Ablauf auf. Problematischer erscheint die Neigung, bereits in den Texten auszuformulieren, was die Musik eigentlich selbst transportieren könnte. Besonders „Time Goes By“ formuliert seine Haltung so direkt, dass sie streckenweise wie eine wohlmeinende Erinnerung auf dem Kühlschrank klingt. „Hidden“ und „I’m Too Tired“ versprechen hingegen Reibung, Widersprüche und eine größere emotionale Fallhöhe.

Aufgenommen wurde das Material in den Reas4 Studios und im Rats Nest in Woodinville, Washington. Für die Produktion waren Bremner und Trimis verantwortlich, Michael Springer übernahm Mix und Mastering. Auf Basis der vorliegenden Veröffentlichungsangaben und musikalischen Beschreibungen lässt sich die Absicht erkennen: keine aufgeblasene Klangkulisse, sondern Musik, die nach einer Band mit eigener Handschrift klingen soll. Eine abschließende Beurteilung der tatsächlichen Klangbalance setzt freilich einen vollständigen Hördurchgang voraus.

Unsere Wertung:

Wertung
Songwriting
7,5/10
Komposition
7,5/10
Produktion
7,5/10
Musikalische Fähigkeit
8/10
Gesamtwertung7,6von 10 PunktenØ aus vier Kriterien

Unser Fazit:

„it all burns down someday“ hat eine klare Vorstellung davon, wovon es erzählen möchte. 72 Rats fassen die Erfahrung, gebraucht und gleichzeitig übersehen zu werden, in sechs zusammenhängende Songs. Die Dramaturgie ist nachvollziehbar, die musikalische Ausrichtung zwischen rhythmischem Post-Punk, New-Wave-Anleihen und amerikanischem Indie Rock grundsätzlich reizvoll. Vor allem die dunkleren Themen von „I’m Too Tired“ und „Hidden“ geben dem Album ein eigenes Profil.

Ganz ohne Schwächen bleibt die Sache nicht. Bremner formuliert seine Gedanken häufig bis zum letzten Punkt aus und vertraut wenig auf Andeutungen. Mancher Refrain dürfte von einem Hauch Mehrdeutigkeit profitieren, und die Genrevorbilder versprechen stellenweise mehr stilistische Radikalität, als die zugängliche Grundausrichtung erwarten lässt. Dafür widersteht das Projekt im Finale der Versuchung, seine erschöpften Figuren mit einem billigen Motivationsspruch abzuspeisen.

Eine sympathisch widerspenstige Veröffentlichung über begrenzte Kräfte, menschliche Verbindungen und die ziemlich unromantische Kunst des Weitermachens. Wer Post-Punk nur als dunkles Stilmittel versteht, mag hier gelegentlich die Stirn runzeln. Freunde gitarrenorientierter Indie-Musik mit nachdenklichem Kern sollten dagegen ruhig ein Ohr riskieren.

Mehr zu 72 Rats im Netz

Offizielle Webseite:
https://72rats.com/

72 Rats bei Facebook:
https://www.facebook.com/72Rats

Album bei Bandcamp:
https://72rats.bandcamp.com/album/it-all-burns-down-someday

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