Manche Konflikte überstehen jede vermeintliche Lösung. Man möchte aufbrechen und hält doch am Vertrauten fest, sucht Nähe und geht auf Abstand, schaut nach vorn und bleibt an gestern hängen. „The Eternal Conflict“ lässt sich als Überschrift für diese hartnäckigen Widersprüche lesen. Erik Hansen wählt für sein erstes vollständiges Soloalbum jedenfalls einen Titel, der keine schnelle Versöhnung verspricht. Zwischen „Pieces of Yesterday“, „Fight to Live“ und „Lost and Lonely“ öffnet sich schon auf der Trackliste ein Spannungsfeld aus Erinnerung, Behauptungswillen und Einsamkeit. Dass am Ende „Shine“ steht, ermöglicht eine hoffnungsvolle Lesart: Vielleicht besteht die Kunst nicht darin, jeden inneren Streit zu gewinnen, sondern darin, sich von ihm nicht vollständig bestimmen zu lassen.
Eine Plattensammlung ist noch keine Persönlichkeit
Der Musiker aus Seattle bringt Erfahrungen mit Fallen Angels und Skelator mit. Seine Bezugspunkte reichen von Thin Lizzy und Black Sabbath über Soundgarden bis zu Tom Petty und den Beatles. Das beschreibt zunächst ein beträchtliches Spannungsfeld: Schwere, melodische Zugänglichkeit und die Lust an prägnanten Songs müssen sich miteinander verständigen. Eine solche Liste verdient für sich genommen noch keinen Applaus. Sie formuliert vielmehr einen Anspruch. Wer so unterschiedliche Traditionen aufruft, muss ihnen eine gemeinsame Richtung geben, sonst bleibt am Ende nur geschmackssicheres Sortieren.
Dabei ist die Veröffentlichung trotz des einzelnen Namens auf dem Cover als Bandarbeit angelegt. Carl Larsson spielt Bass, Robbie Houston Gitarre und Kip Rondorf Schlagzeug. Hansen und Larsson arbeiten bereits seit 2002 in unterschiedlichen Projekten zusammen. Ein Soloprojekt muss also keineswegs bedeuten, dass alle übrigen Beteiligten lediglich eine vorgegebene Figur ausmalen. Gerade im klassischen Gitarrenrock ist das eine wichtige Unterscheidung: Persönlichkeit entsteht auch durch die Art, wie Musiker einander Platz lassen.
Der Refrain darf mitreden
„Far Away“ eröffnet mit kräftigen Riffs, beweglichem Bass und einem energischen Gesang, dessen Melodien durch Harmonien gestützt werden. Bemerkenswert ist die zusätzliche Brücke vor dem letzten Refrain. Solche Eingriffe in den vertrauten Ablauf sind klein, aber sinnvoll: Ein Schlussrefrain gewinnt, wenn der Weg dorthin noch einmal Spannung aufbaut. Eingängigkeit muss deshalb kein Zeichen mangelnden Ehrgeizes sein. Entscheidend bleibt, ob ein Song seinen Refrain vorbereitet oder ihn bloß regelmäßig wieder anliefert.
Die eigentliche Bewährungsprobe eines solchen Albums liegt ohnehin zwischen seinen Höhepunkten. Ein starkes Eingangsstück kann Aufmerksamkeit kaufen, aber keine fünfzig Minuten rechtfertigen. Für ein längeres Format braucht es unterschiedliche Gewichtungen, Ruhepunkte und ein Gespür dafür, wann eine Idee ausgesprochen ist. Das ist kein Ruf nach einem Stilwechsel in jedem zweiten Song. Manchmal genügt bereits eine Verschiebung des Schwerpunkts, damit die vertrauten Mittel wieder etwas zu erzählen haben.
Schwere braucht ein Gegenüber
„Celestial“ markiert die dunklere Seite des Albums, an der sich die Schwere von Black Sabbath mit dem Alternative-Rock-Hintergrund von Soundgarden berührt. „Fight to Live“ setzt einen nachdenklicheren Akzent; „She Dances“ arbeitet im mittleren Tempo mit Melodie und Gesangsharmonien. Diese drei Ansätze umreißen eine interessante Stärke des Entwurfs: Härte muss sich hier mit anderen Ausdrucksformen arrangieren. Sie besitzt kein automatisches Vorrecht auf Bedeutung.
Der Albumtitel lässt sich vor diesem Hintergrund auch als ästhetische Frage lesen. Der ewige Konflikt wäre dann das Ringen zwischen Durchsetzungswillen und Offenheit, zwischen körperlichem Druck und dem Wunsch, einen zugänglichen Song zu schreiben. Das ist eine mögliche Lesart, keine Behauptung über ein erklärtes Konzept. Sie erscheint ergiebiger, als hinter jedem schweren Riff sofort eine existenzielle Offenbarung zu vermuten. Große Gefühle brauchen schließlich eine überzeugende Form, keine besonders große Verpackung.
Zwölf Songs und ein beträchtlicher Anspruch
Die Trackliste umfasst zwölf Stücke und knapp 52 Minuten. Auffällig ist die Verteilung: Die meisten Songs bleiben zwischen dreieinhalb und fünf Minuten, lediglich „Fight to Live“ und „She Dances“ überschreiten die Fünfminutenmarke. Letzteres ist mit 5:32 Minuten das längste Stück. Das spricht zunächst für ein Albumformat, das einzelnen Songs Raum zugesteht, ohne sich auf ausufernde Großformen zu verlassen. Zugleich ist die Gesamtlänge anspruchsvoll. Bei zwölf Titeln zählt die Auswahl mindestens ebenso sehr wie die Fähigkeit, weiteres Material beizusteuern.
Auch sprachlich bewegen sich Titel wie „Lost and Lonely“, „Dreaming in the Dark“ oder „In Your Eyes“ auf vertrautem Gelände. Das ist noch kein Urteil über die jeweiligen Texte. Als Überschriften bieten sie allerdings wenig Widerstand und kaum eine überraschende Perspektive. Der Name „The Eternal Conflict“ verspricht größere Reibung, als diese Wortwahl zunächst erkennen lässt. Darin liegt ein nachvollziehbarer Vorbehalt: Der Wille zur Verständlichkeit darf nicht dazu führen, dass jede Eigenheit vorsorglich geglättet wird.
Unsere Wertung:
Unser Fazit:
„The Eternal Conflict“ bietet einen plausiblen Ansatz für traditionsbewussten Rock: Erfahrung und ein breites musikalisches Interesse werden an überschaubaren Songformen erprobt. Die spannendste Frage bleibt dabei die nach dem Eigenprofil. Eine gute Band darf ihre Herkunft erkennen lassen; interessant wird sie dort, wo daraus mehr als eine Sammlung vertrauter Gesten entsteht. Erik Hansen verdient deshalb Aufmerksamkeit, ohne gleich zum Retter des Genres erklärt werden zu müssen. Für den nächsten Schritt wäre eine noch unverwechselbarere Sprache reizvoller als ein zusätzlicher Härtegrad. Rock braucht keine Bestandsgarantie. Er braucht Songs, wegen derer man wiederkommt.
Releaseinformationen
Interpret: Erik Hansen
Titel: The Eternal Conflict
Format: Album | Digital
Umfang: 12 Titel
Spielzeit: ca. 51:23 Minuten
Genre: Rock | Hard Rock | Alternative Rock
Herkunft: Seattle, Washington, USA
Titelliste
01. Far Away
02. Pieces of Yesterday
03. Celestial
04. Holding Out and On
05. Fight to Live
06. In Your Eyes
07. She Dances
08. Dreaming in the Dark
09. Lost and Lonely
10. More to Say
11. Seasons
12. Shine
Mitwirkende
Erik Hansen: Gesang, Gitarre
Robbie Houston: Gitarre
Carl Larsson: Bass
Kip Rondorf: Schlagzeug
Über Erik Hansen
Erik Hansen ist ein Rockmusiker aus Seattle. Zu seiner musikalischen Laufbahn gehören die Bands Fallen Angels und Skelator sowie die EP-Reihe „Seasons of the Wind“. „The Eternal Conflict“ ist sein erstes vollständiges Album unter eigenem Namen.
Mehr zu Erik Hansen im Netz
Offizielle Website:
https://www.erikhansenmusic.com/
Erik Hansen bei Instagram:
https://www.instagram.com/erikhansenmusic/
The Eternal Conflict bei Spotify:
https://open.spotify.com/album/3jmfP38HEVjEfLYGjIpogl
