Elektronische Musik kann manchmal klingen, als hätte jemand versehentlich einen Kühlschrank mit WLAN-Anschluss in ein Tonstudio gestellt. Bei Chent passiert ungefähr das Gegenteil. Der aus Norwegen stammende Produzent, Sounddesigner und selbsternannte Zeitreisende aus dem Jahr 7777 schickt auf »4D« zwölf Tracks durch ein Universum aus Progressive House, Acid-Basslines, analogen Synthesizern, 8-Bit-Flächen und eigenwilligem Humor. Der Albumtitel wirkt dabei nicht wie ein technisches Versprechen, sondern wie eine ziemlich passende Beschreibung: Diese Musik bewegt sich nicht nur nach vorne, sondern auch seitwärts, rückwärts und gelegentlich durch eine Wand.
Schon der eröffnende Track »Cookie Cutter« zeigt, dass Chent zwar ein hörbares Faible für Club-Strukturen besitzt, sich aber nicht damit begnügt, brav den üblichen Bauplan aus Kick, Bass und vorhersehbarem Drop abzuarbeiten. Der Song wirkt wie eine Art Türöffner in sein eigenes kleines Klanglabor: trocken pulsierende Beats, glitzernde Synth-Flächen, verspielte Details und ein Bassfundament, das eher schiebt als prahlt. Das ist tanzbar, aber nicht beliebig. Genau darin liegt ein großer Teil der Stärke dieses Albums.
Mit »Year Of The Horse« folgt ein Stück, das man durchaus als augenzwinkernde Gegenbewegung zu den üblichen Drachenjahr-Mythen lesen darf. Musikalisch arbeitet Chent hier mit gediegenen Beats, leuchtenden Synthesizern und einem angenehm feuchten Klangbild, das den Track nicht überlädt, sondern permanent in Bewegung hält. Die Nummer läuft im mittleren Tempo, vermeidet aufdringliche Effekte und gewinnt gerade durch ihre schimmernde Oberfläche an Reiz. Hier hört man sehr früh, dass »4D« kein Album für sterile Preset-Ästhetik ist.
Analoge Wärme trifft digitales Grinsen
»Fanbase« beginnt mit einem Klang, der beinahe ethnisch anmutet, bevor eine satte Bassdrum das Stück zuverlässig auf die Tanzfläche zurückholt. Der Track besitzt einen trockenen Groove, arbeitet mit klaren Wiedererkennungswerten und zeigt, wie gut Chent seine Liebe zu analoger Wärme mit digitaler Verspieltheit verbinden kann. Das Arrangement wirkt nie überfrachtet, bleibt aber detailreich genug, um auch abseits der reinen Club-Funktion zu funktionieren.
In »Question« kommt mit Veektoriya eine Stimme ins Spiel, die dem Album eine andere Farbe gibt. Der Song baut auf satten, leicht säuerlichen Basslinien, hellen Synthesizerflächen und einer deutlich melodischeren Grundhaltung auf. Der Gesang von Veektoriya bringt eine soulful wirkende Direktheit in das Stück und sorgt dafür, dass »Question« zu den unmittelbarsten Momenten des Albums zählt. Zwischen House-Groove, Pop-Sensibilität und surrealem Sounddesign entsteht hier ein kleiner Ohrwurm mit echtem Hit-Potenzial.
»Ear Music« trägt seinen Titel nicht gerade bescheiden, löst das Versprechen aber erstaunlich charmant ein. Mächtiger Groove, leicht verschobene Synth-Bewegungen und 8-Bit-artige Leads treffen auf ein fließendes Arrangement, das sich schnell im Gedächtnis festsetzt. Gerade hier wird dieser typische Chent-Signature-Sound greifbar: ein bisschen Retro-Spielhalle, ein bisschen futuristischer Kellerclub, ein bisschen kaputter Roboter mit erstaunlich gutem Taktgefühl.
Mit »Lille Kattepus (Remix)« wird es dann noch eigensinniger. Das Stück, gemeinsam mit RexxEA, nimmt eine kinderliedartige Grundidee und setzt sie auf ein Fundament aus tiefen Basssynthesizern, treibenden Drumbeats und verspielten elektronischen Linien. Das Ergebnis ist ohrwurmtauglich, tanzbar und angenehm schräg. Wo andere Produzenten aus einer solchen Vorlage vermutlich eine reine Kuriosität gemacht hätten, baut Chent daraus ein funktionierendes Klangspektakel zwischen Humor, Club und liebevoller Irritation.
Bass, Bauplan, Paralleluniversum
»The House Wins« ist mit knapp über zwei Minuten einer der kürzesten Tracks des Albums und funktioniert fast wie ein komprimierter Kommentar zu Chents musikalischem Selbstverständnis. Der Titel sagt bereits, wohin die Reise geht: House gewinnt. Allerdings gewinnt House hier nicht durch glatte Perfektion, sondern durch Druck, Charakter und eine gewisse sympathische Frechheit. Der Beat sitzt kompakt, die Synthesizer setzen kurze Akzente und der Track verschwindet wieder, bevor er sich selbst erklären muss.
»Wherehouse« spielt anschließend nicht nur mit dem Wort, sondern auch mit dem Raumgefühl. Sechs Minuten lang darf sich Chent stärker ausbreiten, Schichten aufbauen und den Groove langsam verschieben. Die Nummer wirkt wie ein nächtlicher Gang durch ein Lagerhaus, in dem an jeder Ecke ein anderes Kabel blinkt. Der Bass bleibt körperlich, die Flächen öffnen sich zunehmend und das Arrangement bekommt eine hypnotische Wirkung, ohne in monotone Endlosschleifen zu kippen.
»Vivid« macht seinem Namen alle Ehre. Der Track leuchtet heller, wirkt zugänglicher und besitzt eine melodische Klarheit, die dem Album an dieser Stelle gut bekommt. Zwischen schwebenden Synth-Linien, sauber gesetzten Drums und einem angenehm runden Bass entsteht ein Stück, das weniger auf Exzentrik setzt, dafür aber die kompositorische Seite von Chent stark hervorhebt. »Vivid« zeigt, dass sein Sounddesign nicht nur durch schräge Ideen, sondern auch durch gutes Timing funktioniert.
Mit »Rocket Chip« wird es ausladender. Über sieben Minuten hinweg entwickelt Chent eine Nummer, die tatsächlich etwas von einem kleinen elektronischen Startvorgang besitzt. Der Track arbeitet mit Wiederholung, Verdichtung und langsam wachsenden Spannungsfeldern. Die Basslinien drücken, die Synthesizer blinken wie Kontrolllampen auf einem Ra Basslinien drückenumschiff aus zweiter Hand, und trotzdem bleibt die Nummer erstaunlich kontrolliert. Gerade in solchen längeren Momenten zeigt sich, dass Chent nicht einfach nur Sounds stapelt, sondern Dramaturgie denkt.
Wenn der Synthesizer plötzlich Charakter zeigt
»Kjøtt Up« ist mit über acht Minuten der längste Track auf »4D« und bringt mit Åsta Kristin einen weiteren Gast ins Spiel. Die Nummer arbeitet geduldiger, fast cineastischer, und lässt dem Klang mehr Raum. Tiefe Bassbewegungen, gleitende Synth-Texturen und eine leicht entrückte Atmosphäre sorgen dafür, dass der Track weniger wie ein klassischer Club-Banger wirkt, sondern eher wie ein elektronischer Trip mit offenem Ziel. Das Stück hätte kürzer sein können, verliert aber gerade durch seine ausgedehnte Form nicht den Reiz.
Das abschließende »Complex« fasst viele Qualitäten des Albums noch einmal zusammen. Der Titel passt, ohne dass der Song unnötig verkopft wäre. Chent arbeitet mit rhythmischen Verschiebungen, markanten Synthesizerlinien und einem Bassfundament, das noch einmal deutlich macht, worum es auf »4D« im Kern geht: elektronische Musik mit Druck, Persönlichkeit und einem sehr eigenen Sinn für Form. Der Abschluss wirkt nicht wie ein endgültiger Punkt, sondern eher wie ein Portal zum nächsten seltsamen Raum.
Produktionstechnisch lebt »4D« vor allem von seiner Klangidentität. Die Bässe sind satt, aber nicht matschig. Die Drums wirken präzise, ohne steril zu erscheinen. Die Synthesizer dürfen glänzen, fiepen, blubbern und gelegentlich so tun, als hätten sie gerade eine sehr persönliche Meinung zur Gegenwart entwickelt. Dass Chent hörbar aus der Welt von Electronica, Techno, Progressive House und analoger Synthesizer-Kultur kommt, macht das Album dabei besonders interessant. Es geht nicht um glatte Genre-Erfüllung, sondern um Charakter.
Natürlich ist »4D« kein Album, das jede Hörgewohnheit freundlich an der Tür abholt. Manche Stücke setzen stärker auf Sounddesign als auf klassische Hook-Strukturen, einzelne Passagen könnten für rein poporientierte Ohren etwas verschroben wirken, und die bewusst nerdige Ästhetik ist sicherlich nicht für Menschen gemacht, die elektronische Musik ausschließlich als Hintergrundbeschallung beim Fitnessstudio-Probetraining begreifen. Doch genau diese Eigenwilligkeit ist hier kein Makel, sondern der Motor.
Am Ende gewinnt Chent nicht durch stromlinienförmige Perfektion, sondern durch Wiedererkennbarkeit. »4D« klingt nach einem Künstler, der seine Einflüsse kennt, aber nicht in ihnen wohnen bleibt. Daft Punk, deadmau5, Fatboy Slim, Acid-House-Basslinien, DIY-Synthesizer-Geist und 8-Bit-Nostalgie mögen irgendwo im Hintergrund mitlaufen. Entscheidend ist aber, dass daraus kein Fremdkörper-Mosaik entsteht, sondern ein schlüssiges Album mit eigener Handschrift.
Unsere Wertung:
➤ Songwriting: 8 von 10 Punkten
➤ Komposition: 8,5 von 10 Punkten
➤ Musikalische Fähigkeit: 8,5 von 10 Punkten
➤ Produktion: 9 von 10 Punkten
➤ Gesamtwertung: 8,5 von 10 Punkten
Unser Fazit:
Chent liefert mit »4D« ein elektronisches Album ab, das seine Stärken vor allem aus Sounddesign, Bassarbeit, analoger Wärme und einer eigenwilligen künstlerischen Identität zieht. Die zwölf Songs bewegen sich zwischen Progressive House, House, Electronica, Acid-Anklängen, 8-Bit-Spielereien und futuristischer Klangmalerei, ohne dabei beliebig zu wirken.
Besonders »Question«, »Ear Music«, »Lille Kattepus (Remix)«, »Wherehouse«, »Rocket Chip« und »Kjøtt Up« zeigen, wie vielseitig Chent seine elektronischen Bausteine zusammensetzt. Nicht jeder Track zielt auf den schnellen Refrain oder den unmittelbaren Club-Moment, doch gerade dadurch bekommt das Album Tiefe und Persönlichkeit.
Wer elektronische Musik nur dann spannend findet, wenn sie exakt nach Festival-Drop, Hookline und Streaming-Schablone funktioniert, wird mit »4D« vermutlich ein paar Umwege gehen müssen. Wer aber warme Synthesizer, eigenständiges Sounddesign, satte Basslines und einen Künstler mit klar erkennbarer Handschrift schätzt, bekommt hier ein Album, das tatsächlich nach eigener Dimension klingt. »4D« ist verspielt, druckvoll, manchmal seltsam und gerade deshalb ziemlich stark.
Trackliste
- Cookie Cutter – 03:20
- Year Of The Horse – 03:14
- Fanbase – 03:45
- Question feat. Veektoriya – 02:16
- Ear Music – 03:15
- Lille Kattepus (Remix) feat. RexxEA – 03:16
- The House Wins – 02:03
- Wherehouse – 06:00
- Vivid – 03:09
- Rocket Chip – 07:05
- Kjøtt Up feat. Åsta Kristin – 08:03
- Complex – 04:21
Credits
Interpret: Chent
Titel: 4D
Format: Album | Digital
VÖ: 26. Juni 2026
Label: Saus Records
Laufzeit: 49:47 Minuten
Genre: Progressive House | House | Electronica | Acid House | Electronic
Beteiligte
Chent – Musik, Produktion, Sounddesign
Veektoriya – Gastbeitrag auf »Question«
RexxEA – Gastbeitrag auf »Lille Kattepus (Remix)«
Åsta Kristin – Gastbeitrag auf »Kjøtt Up«
Mehr zu Chent im Netz
Offizielle Website / Comicbook:
https://chentsaus.wixsite.com/chent
Chent bei Facebook:
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»4D« bei Spotify:
https://open.spotify.com/album/6CCzC5D3JnBVevpcUTceyC
