Vierzig Jahre Bandgeschichte könnte man mit einer luxuriösen Rückschau, unveröffentlichten Demoaufnahmen und einem Fotobuch feiern, das anschließend niemand aus seiner Schutzfolie nimmt. Mortal Terror wählen den deutlich praktischeren Weg und nennen ihr ld und hygienischer Gesamtzustand bereits geklärt. Die Kasseler Szeneveteranen servieren neun Stücke zwischen Teutonen-Thrash, Speed Metal, NWOBHM und punkigem Rock’n’Roll – ungeschliffen, angriffslustig und ohne erkennbare Ambitionen, den Algorithmus mit einer Powerballade zu besänftigen.
Das einminütige »Ghosts From The Past« öffnet die Tür zu einer Vergangenheit, in der Thrash Metal noch nicht als historisch wertvolles Kulturgut verwaltet wurde. Stimmen, Geräusche und düstere Atmosphäre führen direkt in »1986-6-6«, das Gründungsjahr und Satanismus-Folklore zu einer sechsminütigen Selbstverortung verbindet. Schweres Midtempo, wuchtige Riffs und gezielte Beschleunigungen zeigen sofort, dass Nostalgie hier nicht mit Stillstand verwechselt wird.
Erstmals ist das seit 2021 bestehende Line-up auf einem vollständigen Studioalbum zu hören. Sänger Jann „Der Praktikant“ Hoffmann rechtfertigt seine auffällig bescheidene Berufsbezeichnung mit bemerkenswert unbescheidenem Einsatz: Er schreit, keift, brüllt und wechselt gelegentlich in tiefere Regionen, ohne die Songs in eine Vorführung vokaler Spezialeffekte zu verwandeln. Gemeinsam mit Gitarrist Dirk Wieland, der ebenfalls Gesang beisteuert, entstehen wechselnde Stimmen und kleine Reibungen, die dem Material zusätzliche Bewegung verleihen.
Der Titel übernimmt die Qualitätskontrolle
Der Titelsong »Filthy Old Thrash« hält sich auffallend genau an die Packungsaufschrift. Galoppierende Gitarren, ruppige Akkorde und eine deutliche Punk-Attitüde schieben den Song nach vorne. Die Produktion setzt nicht auf chirurgische Präzision, sondern auf körperliche Wirkung: Gitarren dürfen röhren, das Schlagzeug klingt nach einem Instrument und nicht nach einer sorgfältig sortierten Sammlung identischer Computerimpulse.
Andreas Klein und Dirk Wieland bilden eine Gitarrenfraktion, die rohe Energie mit hörbarer Erfahrung verbindet. Zwischen den schnellen Passagen tauchen klassische Heavy-Metal-Harmonien, kurze melodische Linien und Soli auf, die ihre Aufgabe erledigen, ohne anschließend eine technische Leistungsbescheinigung einzufordern. Die Nähe zu deutschem Achtzigerjahre-Thrash ist deutlich, wird aber durch NWOBHM, Speed Metal und Rock’n’Roll so aufgebrochen, dass Mortal Terror nicht wie eine weitere Band aus dem Museumsshop von Sodom, Destruction und Kreator wirken.
»I Come For Everyone« verzichtet anschließend auf längere Vorwarnungen. Bassist Gerret „Roxx“ Geilich und Schlagzeuger Jürgen Grauer treiben das Stück mit hoher Geschwindigkeit an, während Hoffmann über dem Geschehen seine Stimmbänder in den regulären Verschleiß überführt. Der Song gehört zu den unmittelbarsten Nummern des Albums und dürfte live kaum komplizierte Erklärungen benötigen: einsetzen, beschleunigen, Moshpit beobachten.
Etwas schmutziger und rockiger fällt »Cold, Ugly And Rotten« aus. Hier rücken Motörhead, Punk und früher Crossover näher zusammen. Die Gitarren schieben weniger kontrolliert nach vorne, der Gesang wirkt besonders angefressen und der Refrain bleibt bereits nach dem ersten Durchlauf hängen. Die Band beweist damit, dass alter Thrash nicht zwangsläufig aus endlosen Achtelnoten bestehen muss, solange Rhythmus und Haltung stimmen.
Zwischen Vollgas und kontrolliertem Kontrollverlust
»Under Attack« setzt stärker auf klassischen Heavy Metal. Galoppierende Rhythmen und melodischere Gitarren führen den Song in Richtung NWOBHM, bevor die Band das Tempo erneut anzieht. Gerade diese Übergänge verhindern, dass »Filthy Old Thrash« zu einer 43-minütigen Dauerbeschleunigung ohne erkennbare Ausfahrt wird. Mortal Terror wissen, dass ein schnelles Riff überzeugender wirkt, wenn zuvor für wenige Sekunden nicht schnell gespielt wurde.
Das komplexer aufgebaute »Deadly Class« gehört zu den musikalisch stärksten Stücken. Mehrere Tempowechsel, kantige Rhythmusarbeit und variabler Gesang greifen ineinander, ohne den Song unnötig zu verknoten. Die Erfahrung der Musiker wird besonders dort hörbar, wo sie nicht demonstrativ ausgestellt wird: Kleine Breaks sitzen präzise, die Gitarren reagieren aufeinander und die Rhythmusgruppe hält selbst die hektischeren Passagen stabil.
Mit »Here Is Some Speed« liefert die Band anschließend genau das, was Menschen erwarten, die einen Song »Here Is Some Speed« nennen. Die Nummer schaltet früh in den höchsten Gang, enthält aber genügend melodische Zwischenräume, um nicht in gleichförmigem Rauschen zu enden. Besonders die Kombination aus treibendem Schlagzeug, scharfem Riffing und Hoffmanns wechselnden Stimmlagen macht das Stück zu einem der Höhepunkte.
Ganz ohne Längen bleibt das Album allerdings nicht. Mehrere Stücke überschreiten die Fünf-Minuten-Marke und tragen ihre zentralen Ideen gelegentlich eine Runde länger durch den Proberaum als notwendig. Die Riffs besitzen genug Kraft, um diese Passagen aufzufangen, doch ein etwas entschlossenerer Schnitt hätte die ohnehin direkte Wirkung noch verstärkt. Oldschool bedeutet schließlich nicht, dass jede Wiederholung unter Denkmalschutz gestellt werden muss.
Das abschließende »We Own This Night« fasst die Stärken noch einmal zusammen. Galoppierende Gitarren, punkige Rotzigkeit, melodische Einschübe und ein Refrain für verschwitzte Clubs führen das Album zu einem passenden Ende. Statt melancholisch auf vier Jahrzehnte Underground zurückzublicken, klingt die Band so, als wolle sie nach der Aufnahme unmittelbar die nächste Bühne zerlegen.
Kein Hochglanz sondern dreckiger Thrash – Das ist hammer!
Der bewusst rohe Klang unterstützt diese Haltung. »Filthy Old Thrash« wirkt nicht schlampig produziert, sondern setzt auf eine direkte, wenig geglättete Darstellung der Instrumente. Grauers Schlagzeug besitzt Druck, Geilichs Bass bleibt hörbar und die Gitarren behalten genügend Trennschärfe, damit die unterschiedlichen Riffs nicht zu einer einzigen Wand zusammenfallen.
Auch spielerisch befindet sich die Band in ausgezeichneter Verfassung. Das neue Line-up bringt frische Energie, ohne die gewachsene Identität von Mortal Terror umzubauen. Besonders Hoffmanns variabler Gesang und das Zusammenspiel der beiden Gitarren heben die Platte über reine Retro-Unterhaltung hinaus.
Natürlich erfindet dieses Album den Thrash Metal nicht neu. Es beantragt nicht einmal eine kleinere Renovierung. Seine Qualität liegt vielmehr darin, bekannte Mittel konzentriert, glaubwürdig und mit ausreichender Eigenständigkeit einzusetzen. Wer moderne Experimente, elektronische Zwischenspiele oder symphonische Gastauftritte sucht, wird hier ungefähr so fündig wie in einer Pommesbude auf der Suche nach einem veganen Degustationsmenü.
Unsere Wertung:
➤ Songwriting: 8 von 10 Punkten
➤ Komposition: 8 von 10 Punkten
➤ Musikalische Fähigkeit: 8,5 von 10 Punkten
➤ Produktion: 8 von 10 Punkten
➤ Gesamtwertung: 8 von 10 Punkten
Unser Fazit:
»Filthy Old Thrash« ist eine kraftvolle und angenehm ungeschliffene Jubiläumsplatte, auf der Mortal Terror Thrash, Speed Metal, NWOBHM und Punk zu einem eigenständigen Underground-Gebräu verbinden. Einige Stücke hätten etwas kürzer ausfallen dürfen, doch Spielfreude, starke Gitarrenarbeit und Jann Hoffmanns variabler Gesang sorgen dafür, dass die Band nach vier Jahrzehnten keineswegs eingerostet klingt.
Trackliste
- Ghosts From The Past
- 1986-6-6
- Filthy Old Thrash
- I Come For Everyone
- Cold, Ugly And Rotten
- Under Attack
- Deadly Class
- Here Is Some Speed
- We Own This Night
Credits
Interpret: Mortal Terror
Titel: Filthy Old Thrash
Format: Album | CD | Digital | Vinyl angekündigt
VÖ: 26. Juni 2026
Label: Eigenveröffentlichung
Laufzeit: rund 43 Minuten
Artwork: Badic Art
Genre: Old School Thrash Metal | Speed Metal | Heavy Metal
Besetzung
Jann „Der Praktikant“ Hoffmann – Gesang
Dirk Wieland – Gitarre und Gesang
Andreas Klein – Gitarre
Gerret „Roxx“ Geilich – Bass
Jürgen Grauer – Schlagzeug
Mehr zu Mortal Terror im Netz
Offizielle Website:
https://www.mortalterror.de/
Mortal Terror bei Facebook:
https://www.facebook.com/mortalterrormetal/
Mortal Terror bei Spotify:
https://open.spotify.com/artist/2vKhdUgvLriWy4cKh6EvWr
