Louder machen auf „Devil’s Night“ exakt das, was der Bandname androht: Sie drehen auf. Nicht elegant, nicht clever-verstellt, nicht mit diesem unangenehmen Retro-Feinschliff, bei dem jede Ecke so lange abgeschliffen wird, bis nur noch Instagram-Vinylromantik übrig bleibt. Die Kolumbianer aus Medellín klingen, als hätten sie ihre Platte in einer Garage zwischen Bierdosen, alten Motörhead-Postern und einem Verstärker aufgenommen, der nur zwei Einstellungen kennt: kaputt und lauter. Acht Songs lang serviert das Trio Speed Metal, Heavy Metal und frühen Thrash Metal mit rohem Charme, viel Schweiß und einer bemerkenswerten Allergie gegen Zurückhaltung. „Devil’s Night“ will nicht schön sein. Es will zubeißen. Und meistens tut es das ziemlich überzeugend.
Dreck unter den Fingernägeln
„Speed Junkie“ eröffnet die Platte nicht, der Song tritt sie ein. Das Riff stolpert nicht lange über Einladungsfloskeln, sondern schiebt sofort nach vorne, während Nekrö am Schlagzeug den Puls auf Fluchtgeschwindigkeit prügelt. Hellgröwler klingt am Mikrofon, als hätte er seine Stimmbänder in Rostwasser eingelegt, und genau das passt zu dieser Musik besser als jeder sauber trainierte Metal-Sirenenalarm. Hier soll nichts glänzen. Hier soll es qualmen. Deathströker am Bass gibt dem Ganzen genug Unterboden, damit die Songs nicht nur scheppern, sondern auch drücken. Das ist nicht filigran, aber Filigranität wäre bei Louder ungefähr so passend wie eine Weinverkostung auf dem Parkplatz vor einer Abrissparty.
„Satan’s Bitch“ macht anschließend klar, dass Louder lyrisch keinen Literaturpreis anpeilen. Hölle, Sex, Nacht, Dreck, Rock’n’Roll: Der Baukasten ist alt, abgegriffen und riecht nach Lederjacke. Aber genau hier liegt der Punkt. Die Band tut nicht so, als hätte sie gerade den dunklen Existenzialismus erfunden. Sie nimmt die alten Speed-Metal-Tropen, kippt Benzin drüber und hält ein Feuerzeug dran. Der Refrain ist stumpf im besten Sinne, die Gitarren sägen ordentlich, und die Produktion lässt genug Schmutz stehen, um nicht wie ein nachträglich desinfiziertes Nostalgieprodukt zu wirken.
Wenn die Klischees zurückbeißen
„Hellish Rock’n’Roll“ trägt seine Absicht schon im Titel auf der Stirn. Das Ding groovt, rumpelt und schiebt mit jener Mischung aus Motörhead-Bauchgefühl und Speed-Metal-Hektik, die immer dann funktioniert, wenn eine Band nicht zu lange darüber nachdenkt. Louder sind am stärksten, wenn sie nicht versuchen, größer zu wirken, als sie sind. Keine Pseudo-Epik, keine modernistische Nebelmaschine, keine zehn Layer, wo ein dreckiges Riff reicht. Die Songs sind kurz genug, um nicht auszuleiern, und laut genug, um kleine kompositorische Grobheiten einfach zu überfahren.
„Louder Than Hell“ ist dann natürlich ein Statement mit Vorschlaghammer-Subtilität. Ein Song, der ungefähr so diplomatisch ist wie ein Stiefeltritt gegen eine Kellertür. Muss man mögen. Wer seine Metal-Hymnen gern elegant auskomponiert bekommt, dürfte hier die Augen verdrehen. Wer dagegen bei alten Razor, Living Death oder frühem Speed-/Thrash-Gerumpel sofort die Faust hebt, bekommt genau den richtigen Dreck ins Gesicht. Kompositorisch ist das nicht raffiniert, aber effektiv. Und Effektivität schlägt hier jede Schöngeistigkeit.
Das Video zu „Devil’s Night“ legt noch eine Schippe geschmacklichen Grenzverkehr obendrauf. Darin taucht Richard Ramirez auf, der als Night Stalker bekannte Serienmörder. Das ist als Horror- und Crime-Schockbild natürlich ein Griff in eine sehr dunkle Kiste. Geschmackssicher? Diskutabel. Wirkungsvoll? Leider ja. Der Clip nutzt Ramirez nicht gerade mit Samthandschuhen, sondern als hässlichen Schatten im ohnehin rußigen Kosmos der Band. Man kann das für plump halten, man kann es problematisch finden, aber es passt zur unangenehmen Straßenhorror-Ästhetik von Louder. Entscheidend ist: Der Song selbst braucht diese Referenz nicht als Krücke. Er hat genug Biss, um auch ohne Serienkiller-Folie zu funktionieren.
Keine Schönheit, aber Charakter
„Dirty Rocker“ ist der Moment, in dem Louder kurz vom Vollgasstreifen auf die dreckige Landstraße wechseln. Der Song rollt stärker, groovt mehr und zeigt, dass die Band nicht nur mit Tempo um sich werfen kann. Hier sitzt der Rock’n’Roll-Puls am besten. Die Nummer klingt wie ein verschwitzter Club um zwei Uhr morgens, wenn der Boden klebt und niemand mehr versucht, cool auszusehen. Gerade solche Tracks geben „Devil’s Night“ mehr Profil, weil sie den Speed-Metal-Dauerangriff etwas auflockern, ohne die Grundhaltung zu verraten.
„Heavy Metal Nights“ ist dagegen reine Szenenromantik, aber immerhin keine mit Duftkerze. Der Song feiert die Nacht, die Lautstärke und den alten Zusammenhalt vor der Bühne mit einer Direktheit, die fast schon entwaffnend ist. Natürlich kennt man diese Motive. Natürlich wurde das alles schon hundertmal besungen. Aber Louder haben genug Energie, damit es nicht nach Karaoke im Kuttenmuseum klingt. Die Gitarrenarbeit ist roh, aber griffig, die Drums setzen die richtigen Tritte, und der Refrain macht genau das, was er soll: hängen bleiben, auch wenn man ihn vielleicht gar nicht eingeladen hat.
Der Teufel trägt keine Politur
„Metallic Overdose“ übertreibt den Selbstrausch dann so konsequent, dass man fast wieder Respekt davor haben muss. Subtil ist hier gar nichts. Die Band stapelt Metal-Vokabular, als gäbe es Rabatt auf Nietenarmbänder, und ballert sich durch eine Nummer, die bei falscher Produktion völlig lächerlich klingen könnte. Weil „Devil’s Night“ aber nicht steril, sondern angenehm ruppig produziert ist, bleibt das Ganze glaubwürdig. Das Sounddesign ist kein audiophiler Traum, sondern ein funktionierender Schlagring: nicht hübsch, aber zweckmäßig.
Der abschließende Titeltrack „Devil’s Night“ bringt schließlich die beste Mischung aus Atmosphäre, Dreck und Druck. Hier dürfen Louder ein wenig länger ausholen, ohne sich zu verheben. Das Stück wirkt dunkler, zäher und etwas dramatischer als die meisten Vorgänger. Nicht komplex im progressiven Sinne, aber mit genug Aufbau, um als Finale zu tragen. Hellgröwler krächzt sich durch die Nacht, die Gitarren schlagen Funken, und die Rhythmusgruppe hält den Wagen knapp vor dem Graben. Mehr braucht dieser Sound nicht. Mehr würde ihm vermutlich sogar schaden.
Unsere Wertung:
➤ Songwriting: 8 von 10 Punkten
➤ Komposition: 7,5 von 10 Punkten
➤ Musikalische Fähigkeit: 8 von 10 Punkten
➤ Produktion: 7,5 von 10 Punkten
➤ Gesamtwertung: 7,75 von 10 Punkten
Unser Fazit:
„Devil’s Night“ ist kein Album für Leute, die ihren Speed Metal gern sortiert, glatt und mit akademischem Beipackzettel serviert bekommen. Louder liefern ein Debüt, das manchmal mit der Stirn durch die Wand will und nicht immer prüft, ob daneben vielleicht eine Tür offensteht. Aber genau dieser Mangel an Höflichkeit macht den Reiz aus. Die Songs haben Dreck, Tempo, Charakter und genug eingängige Momente, um nicht im bloßen Underground-Gepolter zu versacken. Mehr Abwechslung und ein paar noch zwingendere Refrains hätten der Platte gutgetan, doch wenn Louder treffen, dann mit voller Kante. „Devil’s Night“ ist laut, ruppig, manchmal geschmacklich hart am Rand und gerade deshalb eine verdammt unterhaltsame Visitenkarte für Fans von Speed Metal, Heavy Metal und frühem Thrash Metal.
Trackliste
- Speed Junkie
- Satan’s Bitch
- Hellish Rock’n’Roll
- Louder Than Hell
- Dirty Rocker
- Heavy Metal Nights
- Metallic Overdose
- Devil’s Night
Credits
Interpret: Louder
Titel: „Devil’s Night“
Herkunft: Medellín, Kolumbien
Format: Album | CD | Digital
VÖ: 14. Mai 2026
Genre: Speed Metal | Heavy Metal | Thrash Metal
Label: Fighter Records
Besetzung:
Juan Camilo Camargo aka Hellgröwler – Vocals, Guitars
Stiven Arias aka Deathströker – Bass
José Manuel Cárdenas aka Nekrö – Drums, Backing Vocals
Mehr zu Louder im Netz
Louder bei Facebook:
https://www.facebook.com/LouderSpeedMetal
Louder bei Bandcamp:
https://fighter-records.bandcamp.com/album/devils-night
Louder digital anhören:
https://music.imusician.pro/a/cdP1fum2
