Man kann ein Album „Asche & Licht“ nennen und damit entweder tief in die Symbolkiste greifen – oder tatsächlich ein Werk schreiben, das zwischen verbrannter Erde und letzter Glut taumelt. Sterbenswille entscheiden sich glücklicherweise für Letzteres. Die Band aus dem bayerischen Altötting erzählt auf dieser Platte keine hübsch gerahmte Leidensgeschichte, sondern schmeißt ihre Themen direkt auf den kalten Boden: Verzweiflung, Selbstzerstörung, Depression, Bruchstücke einer beschädigten Innenwelt. Das klingt schwer nach Risiko, denn solche Begriffe können im Black Metal schnell nach Tagebuch mit Blastbeat riechen. Doch Sterbenswille umgehen den Kitsch, weil sie ihre Dunkelheit musikalisch ernst nehmen. „Asche & Licht“ ist unbequem, kantig, dynamisch und stärker komponiert, als es der erste finstere Blick vermuten lässt.
Keine Wellness im Nebelwald
„Verzweiflung“ eröffnet das Album mit der passenden Ansage: Hier wird nicht lange die Landschaft beschrieben, hier zieht sofort Wetter auf. Sterbenswille lassen den Song zwar atmosphärisch anlaufen, aber die Ruhe hält nur so lange, bis Gitarren und Drums die Tür eintreten. Das Ergebnis klingt nicht nach blindem Draufhalten, sondern nach sorgfältig gebauter Eskalation. Die Riffs flirren kalt, die Rhythmusgruppe schiebt mit Nachdruck, und G3ist klingt, als würde er seine Stimmbänder nicht benutzen, sondern auswringen. Genau diese Körperlichkeit tut dem Album gut. Es bleibt nicht bei hübscher Schwärze, es kratzt.
Der direkte Nachfolger „Selbstzerstörung“ hätte mit diesem Titel problemlos in die große Schublade der plakativen Metal-Begriffe fallen können. Tut er aber nicht. Der Song hält die Spannung zwischen kontrolliertem Aufbau und eruptiver Entladung erstaunlich konsequent. Besonders stark sind die Momente, in denen Sterbenswille kurz das Tempo herausnehmen und die Atmosphäre arbeiten lassen. Dann wirkt die Platte weniger wie ein reines Aggressionsventil, sondern wie ein Album, das seine eigenen Abgründe ausleuchtet. Das ist finster, ja. Aber finster mit Verstand.
Melodie mit offenen Kanten
Bei „Bruchstücke“ zeigen Sterbenswille, dass sie nicht nur Dampf auf dem Kessel haben, sondern auch ein gutes Gespür für Dramaturgie. Naturgeräusche, cleane Gitarren und chorartige Elemente wirken zunächst fast versöhnlich, bevor der Song seine Zähne zeigt. Der Wechsel zwischen fragilen Passagen und massiver Härte kommt nicht überraschend um der Überraschung willen, sondern ergibt Sinn. Genau hier liegt eine der klaren Stärken von „Asche & Licht“: Die Band denkt ihre Songs nicht als starre Genre-Übungen, sondern als Bewegungen. Mal kriechen sie, mal stürzen sie, mal schlagen sie zurück.
Das Sounddesign verdient in diesem Zusammenhang ein deutliches Lob. Die Produktion drückt, ohne alles plattzuwalzen. Die Gitarren behalten Schärfe, der Bass sorgt für körperlichen Untergrund, und die Drums klingen präsent, ohne klinisch zu wirken. Gerade im Post-Black-Metal lauert oft die Gefahr, dass alles in Hall, Nebel und Bedeutungsschwere absäuft. Sterbenswille halten dagegen. Sie lassen Raum, aber sie verlieren nicht den Zugriff. „Breath of Silence“ beweist das besonders gut: Das Instrumental ruht nicht nur zwischen zwei härteren Stücken, sondern gibt dem Album Struktur. Es ist der Moment, in dem die Wunde kurz nicht größer wird, aber weiterhin brennt.
Der Schmerz sitzt nicht im Beiheft
Mit „Depression“ steuern Sterbenswille das offensichtlichste, aber auch gefährlichste Thema der Platte an. So ein Titel kann schnell zu schwer auf dem Papier liegen und musikalisch trotzdem wenig sagen. Hier funktioniert er, weil die Band nicht versucht, Depression als edle Dunkelromantik zu verkaufen. Der Song klingt eng, drückend und zäh. Die Gitarrenlinien schneiden nicht heroisch durch die Nacht, sondern ziehen Schlieren. Die Drums geben keinen Ausweg vor, sondern treiben weiter in den Tunnel hinein. G3ist verleiht dem Stück eine vokale Unmittelbarkeit, die man nicht schön finden muss, die aber sitzt.
Der Titeltrack „Zwischen Asche & Licht“ bringt die Platte dann inhaltlich und musikalisch auf den Punkt. Der Song stellt keine einfache Gegenüberstellung von Dunkelheit und Hoffnung auf, sondern lässt beides ineinanderlaufen. Gerade deshalb wirkt er glaubwürdig. Die gesprochenen Passagen setzen einen reizvollen Akzent, die Gitarrenflächen bauen Druck auf, und die Komposition vermeidet die große Erlösungsnummer. Das Licht auf diesem Album ist keine Stadionlampe, sondern eher ein schwacher Schein unter einer Kellertür. Reicht trotzdem, um den Song zu einem der wichtigsten Momente der Platte zu machen.
Am Ende bleibt Glut
„Asche“ fährt anschließend vieles zurück. Feuerknistern, akustische Gitarren, Stille: Das kann in falschen Händen schnell nach Ambient-Pflichtübung klingen. Bei Sterbenswille funktioniert es, weil der Track nicht dekoriert, sondern nachwirkt. Er bildet den Moment nach dem Zusammenbruch, in dem noch nichts besser ist, aber immerhin die Geräusche leiser werden. Der Abschluss „Dunkelheit“ mit Liz von Roxton setzt dann einen starken Schlusspunkt. Der Gastgesang bringt eine zusätzliche Farbe ins Bild, ohne die Grundstimmung weichzuspülen. Gerade diese weibliche Stimme im Kontrast zu den harschen Vocals öffnet den Song, macht ihn größer und emotional greifbarer.
Musikalisch überzeugt „Asche & Licht“ vor allem dadurch, dass Sterbenswille Härte, Melancholie und kompositorisches Handwerk nicht gegeneinander ausspielen. Die Band beherrscht die harschen Momente ebenso wie die ruhigeren Übergänge. Die Songs wirken durchdacht, ohne akademisch zu werden. Die Produktion gibt dem Material genug Wucht, lässt aber die atmosphärischen Details stehen. Wer bei modernem deutschsprachigem Black Metal nur noch gepflegte Verzweiflung nach Schema erwartet, bekommt hier zumindest einen kräftigen Rempler gegen die Erwartungshaltung.
Unsere Wertung:
➤ Songwriting: 8,5 von 10 Punkten
➤ Komposition: 9 von 10 Punkten
➤ Musikalische Fähigkeit: 8,5 von 10 Punkten
➤ Produktion: 8,5 von 10 Punkten
➤ Gesamtwertung: 8,6 von 10 Punkten
Unser Fazit:
„Asche & Licht“ ist ein starkes Album, weil Sterbenswille ihre großen Themen nicht nur behaupten, sondern in Klang übersetzen. Die Platte ist düster, aber nicht hohl; emotional, aber nicht weinerlich; hart, aber nicht stumpf. Besonders das Zusammenspiel aus aggressivem Black Metal, atmosphärischer Weite und postmetallischer Dynamik funktioniert überzeugend. Einzelne Übergänge könnten noch gnadenloser zugespitzt sein, doch im Gesamtbild liefern Sterbenswille ein Werk ab, das deutlich über Genre-Durchschnitt spielt. Für Hörer von Der Weg einer Freiheit, Harakiri For The Sky, Ellende oder Groza ist „Asche & Licht“ nicht nur naheliegend, sondern ziemlich zwingend. Eine Platte, die nicht tröstet, aber wach hält.
Trackliste
- Verzweiflung
- Selbstzerstörung
- Bruchstücke
- Breath of Silence
- Depression
- Zwischen Asche & Licht
- Asche
- Dunkelheit feat. Liz von Roxton
Credits
Interpret: Sterbenswille
Titel: „Asche & Licht“
Herkunft: Altötting, Bayern, Deutschland
Format: Album
VÖ: 15. Mai 2026
Genre: Post-Black-Metal | Black Metal | Atmospheric Black Metal
Label: Independent
Besetzung:
G3ist – Vocals
Lukai – Guitar
Rooster – Bass
Andy – Drums
Liz von Roxton – Gastgesang auf Dunkelheit
Mehr zu Sterbenswille im Netz
Sterbenswille bei Instagram:
https://www.instagram.com/sterbenswille_official/
Sterbenswille bei Bandcamp:
https://sterbenswille.bandcamp.com
Sterbenswille bei Spotify anhören:
https://open.spotify.com/artist/0FSd3y2oR5x1T65jb7c0j9

![Conway Chicago – Emotionaler Aufbruch im Video zu „Still Dreaming“ (Musikvideo) [ Alternative Rock | Dream Pop ]](https://sonicrealms.de/wp-content/uploads/2025/05/Conway-Chicago-Still-Dreaming-Artwork-1-Mai-2025.jpeg)