Vitrifier – Ioculator Mortis: Ein Deathcore Epos mit genialer Umsetzung und Humorvollem Gehalt! (Musikplaylist) [ Deathcore | Deathgrind | Gringcore ]

Man kann Deathgrind auf zwei Arten angehen. Entweder man versucht, mit möglichst grimmiger Stirnfalte die Apokalypse zu vertonen. Oder man schmeißt die Apokalypse in einen kaputten Einkaufswagen, lässt sie durch einen Horrorfilm rollen und gibt ihr unterwegs noch einen schlechten Internetwitz mit. Vitrifier entscheiden sich auf Ioculator Mortis ziemlich eindeutig für Variante zwei. Das zweite Album des kanadischen Duos aus Alberta, bestehend aus Steve Peck und Eric Siemens, wirkt wie ein groteskes Kurzfilmfestival für Leute, denen Misery Index, Dying Fetus, Whitechapel und infantiler Splatterhumor gleichzeitig zu wenig Entgleisung bieten. Der entscheidende Punkt: Hinter dem Quatsch steckt keine musikalische Ausrede, sondern verdammt viel Handwerk.

Hört hier das brachiale Werk Ioculator Mortis von Vitrifier

Der Wahnsinn hat Grind gelernt

Schon „Generic Metal Band“ zeigt, wie Vitrifier ticken. Der Song nimmt die peinlichen Seiten einer schlecht organisierten Metal-Band auseinander: miese Gagen, falsche Töne, ein Drummer neben der Spur, ein Sänger ohne Textsicherheit und ein Auftritt, bei dem vermutlich selbst der Soundmann innerlich kündigt. Das wäre als bloßer Sketch schnell erledigt. Hier wird daraus eine bissige Szene-Satire mit Blastbeats, Breaks und einem erstaunlich guten Gefühl für Timing. Danach zieht „Past The Gates“ die Tür zur Unterwelt auf. Die Nummer wirkt wie eine kurze Höllenwanderung durch Angst, Verdammnis und Orientierungslosigkeit. Gitarren und Bass arbeiten präzise, die Drums hetzen kompromisslos nach vorne, und die Vocals von Eric Siemens klingen, als hätte jemand einer dämonischen Kreatur ein Mikrofon gegeben und vergessen, sie wieder einzufangen.

Vitrifier – Copyright: Vitrifier
Gepostet auf Wunsch der Band selbst

Der große Reiz von Ioculator Mortis liegt im Gegensatz zwischen völlig überdrehten Ideen und ernstzunehmender Ausführung. „Trashing A Pet Store With A Fruit Bat“ hält den absurden Grundton früh hoch, während „Gorilla With An Anvil“ in kaum mehr als einer halben Minute ein komplettes Grindcore-Cartoonmassaker entwirft. Die Geschichte eines Schmieds, der schlechte Angebote nicht länger hinnimmt und seine Kundschaft mit einem Amboss belehrt, ist natürlich Unsinn mit Ansage. Aber der Song ist so knapp, so gezielt und so trocken auf den Punkt gebracht, dass der Witz musikalisch funktioniert. „Exploding Cars Taste Delicious“ dreht anschließend noch weiter auf: Ein monströses Wesen frisst sich durch Automarken, Straßenverkehr und Stahlblech, als hätte eine Kaiju-Fantasie zu viel schlechte Werbung verschluckt. Hinter dem grotesken Bild steckt eine Mischung aus Konsumparodie, Zerstörungslust und wunderbar dämlichem Kopfkino.

Schaue hier den Clip zu „Gorilla With An Anvil“ von Vitrifier

Popkultur im Fleischwolf

„Mr Bean Versus Adolf Hitler“ klingt bereits als Titel wie eine juristische Grauzone des guten Geschmacks. Inhaltlich verwandeln Vitrifier eine harmlose Comedy-Figur in eine groteske Kriegsmaschine, die sich durch eine völlig überzeichnete Rachefantasie bewegt. Subtil ist daran nichts. Subtilität wäre hier aber auch ungefähr so passend wie Harfenmusik im Schlachthaus. Musikalisch überzeugen die energischen Riffs, theatralischen Leads und progressiven rhythmischen Verschiebungen, die aus dem Irrsinn mehr machen als nur eine Pointe. „Forged In The Fires Of A Costco“ funktioniert ähnlich stark: Eine Hotdog-förmige Klinge, eine fast religiös überhöhte Supermarktmitgliedschaft und ein Krieg gegen hohe Preise werden zu einer Fantasy-Parodie, die erstaunlich episch aus den Boxen kommt. Der Song karikiert Konsumkult und heroische Metal-Mythen gleichermaßen, ohne dabei musikalisch ins Alberne abzurutschen.

Auch „Laptop In A Toilet“ zeigt, wie gut Vitrifier Alltagskatastrophen ins Monströse ziehen können. Aus einem technischen Missgeschick wird ein Nervenzusammenbruch mit Porzellan, Wasser, Elektronik und existenzieller Verzweiflung. „Yog Sothoth Gets Cancelled By Snowflakes On Twitter For Oversharing“ verlegt kosmischen Horror in die Mechanik sozialer Medien. Ein uraltes Wesen wird zum Influencer, verliert sich in digitaler Selbstinszenierung und scheitert an der eigenen Maßlosigkeit. Das ist albern, aber ziemlich treffend, weil der Song die Geschwindigkeit beschreibt, mit der Verehrung im Netz in Vernichtung kippen kann. „Bill Nye The Fight Club Guy“ mischt Wissenschaftsfernsehen mit nihilistischem Kellerprügeln und verwandelt Bildungsoptimismus in eine aggressive Prügelphantasie. „Dora The Deadite“ wiederum prallt mit Evil Dead-Anspielungen, Necronomicon-Spuk und kindlicher Abenteuerästhetik zusammen. Hier wird Popkultur nicht zitiert, sondern einmal durch den Schredder gejagt.

Dass die Band nicht nur platte Gags abfeuert, beweist „Drunk Driving In The Key Of D Minor“. Hinter dem albernen Titel steckt eine bitterböse Satire auf Selbstüberschätzung, Alkohol, Karaoke-Ego und die fatale Idee, musikalisches Talent könne Verantwortung ersetzen. „Swift Vengeance“ nimmt Fan-Kult und Popstar-Anbetung ins Visier und verwandelt Massenhysterie in eine okkulte Opferzeremonie. Die melodischen Leads geben dem Stück zusätzliche Tiefe und zeigen, dass Steve Peck nicht einfach Riffs stapelt, sondern Spannungsbögen bauen kann. „Streaming Hit“ klingt dagegen wie der Zusammenbruch eines frustrierten Durchschnittsmachos, der Jobverlust, Wut, Man-Cave-Mythologie und gesellschaftlichen Hass zu einer einzigen aggressiven Pose verrührt. Das ist hässlich, aber bewusst hässlich. Genau darin liegt die Stärke dieses Albums.

„Conan The Barbarian Punching Animals At The Petting Zoo“ dürfte jeden Humortest sprengen, den man freiwillig nicht bestehen möchte. Der Song inszeniert eine komplett überhöhte Barbarenfantasie im Zoo und macht daraus Cartoon-Gewalt in maximal geschmackloser Verkleidung. Wer hier Alltagsethik sucht, ist falsch abgebogen. Vitrifier arbeiten mit Übertreibung, nicht mit pädagogischer Empfehlung. „The Brown Willy Massacre“ reduziert diesen Ansatz noch weiter auf primitive Befehlslogik, Felsen, Verbotsschilder und absurde Gewaltfantasie. Spannender wird es bei „A Fan’s Open Love Letter To David Howard Thornton“. Die vermeintliche Liebeserklärung kippt Schritt für Schritt in Stalker-Horror. Bewunderung wird Besitzanspruch, Fandom wird Bedrohung, und die Musik baut den Druck kontrolliert auf, statt einfach nur Tempo zu bolzen.

Sounddesign zwischen Dreck und Präzision

Im letzten Drittel zeigt Ioculator Mortis noch einmal, dass Vitrifier ihre Platte nicht nur als Sammlung kurzer Extrem-Metal-Witze verstehen. „Krieg Feud“ beginnt mit einem düsteren Synthesizer-Flair, das an schmierige 80er-B-Movies erinnert, und entwickelt daraus ein Stück zwischen melancholischem Leadspiel, sattem Bassfundament und später wieder einsetzender Soundwand. Inhaltlich wird eine harmlose Gameshow zur Vision kulturellen Verfalls, in der billige Lacher, dreckige Antworten und kollektiver Hirnfraß zur persönlichen Hölle werden. Das Finale „Nightmare On Sesame Street 2: Elmo’s Revenge“ setzt dann alles auf Albtraumrot. Kinderfernsehen wird in Splatter-Horror verwandelt, Elmo tritt als dämonische Herrscherfigur auf, und die vertraute Welt der Sesamstraße landet in einer grotesken Folterfantasie. Geschmackssicher ist das nicht. Konsequenter allerdings kaum.

Produktionstechnisch sitzt Ioculator Mortis bemerkenswert fest im Sattel. Der Mix ist massiv, aber nicht undurchsichtig. Gitarren und Bass drücken tief, ohne die Konturen zu verschmieren. Die programmierten Drums agieren gnadenlos exakt, wirken aber nicht steril, weil die Songs genügend Schmutz, Reibung und plötzliche Richtungswechsel besitzen. Gerade das Sounddesign von Steve Peck gibt dem Album seine Körperlichkeit: Samples, Effekte und kurze atmosphärische Details erscheinen nicht als Dekoration, sondern als Teil des Gesamtwahns. Eric Siemens setzt darüber Vocals, die zwischen gutturalem Grollen, wütendem Ausbruch und grotesker Charakterzeichnung pendeln. Das Duo hat hörbar an Songwriting, Mix und Performance gearbeitet. Die Stücke sind kurz, aber nicht achtlos hingeworfen. Sie schlagen zu, stolpern absichtlich über die eigene Pointe und stehen im nächsten Moment wieder mit blutiger Lippe im Türrahmen.

Am Ende bleibt ein Album, das seine Lächerlichkeit ernst genug nimmt, um musikalisch zu funktionieren. Vitrifier liefern keinen Feingeist-Metal für Menschen, die beim ersten Blastbeat die Symbolik der Snare ausdiskutieren möchten. Sie liefern ein kompaktes, brutales, erstaunlich clever gebautes Deathgrind-Werk voller grotesker Ideen, Popkultur-Mutationen und handwerklicher Präzision. Dumm ist das nur an der Oberfläche. Darunter arbeitet eine Band, die sehr genau weiß, wann ein Song zuschlagen, grinsen, kotzen, wieder aufstehen und erneut zuschlagen muss.

Unsere Wertung:

➤ Songwriting: 8 von 10 Punkten
➤ Komposition: 8 von 10 Punkten
➤ Musikalische Fähigkeit: 9 von 10 Punkten
➤ Produktion: 8 von 10 Punkten

➤ Gesamtwertung: 8,25 von 10 Punkten

Unser Fazit:

Ioculator Mortis ist ein Album für Hörer, die extremen Metal mögen, aber bei Humor nicht sofort nach der Geschmacks-Polizei rufen. Vitrifier verbinden Deathgrind, Grindcore, Death Metal und Deathcore mit einer absurden Erzählfreude, die permanent zwischen Horrorfilm, Meme-Kultur, Splatter-Comedy und Szene-Satire pendelt. Entscheidend ist, dass die Musik diesen Irrsinn trägt. Die Songs sind scharf geschnitten, druckvoll produziert und kompositorisch stärker, als es Titel wie „Gorilla With An Anvil“, „Laptop In A Toilet“ oder „Nightmare On Sesame Street 2: Elmo’s Revenge“ zunächst vermuten lassen. Wer Misery Index, Whitechapel, Dying Fetus, Infant Annihilator oder die völlig enthemmte Seite des Grindcore schätzt, bekommt hier 36 Minuten kontrollierten Kontrollverlust. Ein Album, das nicht um Zustimmung bittet, sondern lachend die Tür eintritt.

Mehr zu Vitrifier im Netz

Vitrifier bei Facebook:
https://www.facebook.com/xvitrifierx

Vitrifier bei Bandcamp:
https://vitrifiergrind.bandcamp.com

Vitrifier bei Spotify anhören:
https://open.spotify.com/artist/6VTyivxRGFVF1F8TbBk8Ov

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