Beim Lesen des Namens der jetzigen Combo muss man aufgrund des genialen parodistischen Charakters durchaus schmunzeln: Thin Lassie kommen aus Duisburg und klingen auf „Invaders From Venus“ so, als hätten ein paar Ruhrpott-Punks alte Science-Fiction-Heftchen, schmierige B-Movies und einen Stapel kaputtgeliebter Punkplatten gemeinsam in die Umlaufbahn geschossen. Das Quartett um Alex, Andy, Danu alias Wolle Pannek und Dirk Löber macht daraus zehn Minuten Space-Punk mit Schmutz unter den Fingernägeln, Humor in den Backen und genug Zug auf dem Kessel, damit das nicht als bloßer Nerd-Klamauk verpufft. Dass Danu bei Eisenpimmel und Dirk bei Vier Meter Hustensaft gelernt haben, hört man sofort: Die Riffs sitzen, die Rhythmusgruppe drückt, die Kompositionen kommen ohne Ballast aus und selbst die Keyboard-Einsätze wirken nicht wie Gag-Requisite, sondern wie bewusst gesetzte Farbflecken im richtigen Panel.
Space-Punk mit B-Movie-Biss
Eröffnet wird die Nummer mit „Scruffy Looking Nerf Herder“, einer herrlich schief grinsenden Verbeugung vor Han Solo. Inhaltlich wird der Typ nicht als geschniegelt-glatter Weltraumheld hingestellt, sondern als schmuddeliger Überlebenskünstler mit Talent, Arschtritt und Restcharme. Genau das passt auch musikalisch: mittleres Tempo, treibendes Riffing, ein Bass, der nicht bloß hinterherläuft, und ein Schlagzeug, das den Laden mit trockenem Druck zusammenhält. Das ist simpel, aber nicht dumm. Thin Lassie verstehen, dass gutes Punk-Songwriting nicht aus hundert Breaks besteht, sondern aus Timing, Zug und einer Hook, die hängenbleibt wie Kaugummi am Schuh. Darüber thront Alex mit diesem leicht nasalen Vortrag, der tatsächlich an die deutsche Stimme von Roger aus American Dad denken lässt. Das ist albern, pointiert und ziemlich brillant, weil es den Song genau zwischen Parodie und echter Zuneigung ausbalanciert.
Venus, Verschwörung und verdammt gute Hooks
Der Titelsong „Invaders From Venus“ legt dann mit Sirene, Leadriff und Vollgas los und zieht die Sci-Fi-Karte so hart, dass einem fast das Heft aus der Hand fällt. Irgendwo zwischen Mars Attacks!, alten Invasions-Comics und Ruhrgebietskeller entsteht hier ein Song, der Alienterror als Verwaltungsapparat denkt: Lager, Fabriken, Gedächtnislöschung, Manipulation per Droge und Glotze. Das ist schön überzeichnet und trifft gerade deshalb. Dazu kommen die herrlich bescheuerten Orgelklänge, die dem Stück noch mehr Comic-Schlagseite verpassen, ohne das Arrangement zu verkleistern. „The Lizard Men“ nimmt anschließend Querdenker-Sumpf, QAnon-Mumpitz und den ganzen reptiloiden Wahnsinn auseinander, nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Tempo, Chören und Pogo-Garantie. Die Band drischt hier nicht blind drauflos, sondern weiß ziemlich genau, wann die Komposition nach vorne knallen und wann sie den Chorus wie eine Kneipenschlägerei mit Melodie setzen muss.
Ruhrpott-Historie, Ex von Mars und Comic im Gepäck
Zum Schluss dreht „My Ex From Mars“ den Trennungsschmerz durch den billigen Weltraumprojektor und macht daraus einen kleinen Ohrwurm mit Oh-la-la-Chören, Synth-Futurismus und einem spritzigen Solo von Danu. Gerade hier zeigt sich, wie sauber das Sounddesign arbeitet: Die Gitarren haben Kante, die Keys setzen Akzente, und alles bleibt melodisch, ohne weich zu werden. Dirk Löber, der die Sache auch gemischt und gemastert hat, verpasst dem Material genau den richtigen Punch – roh genug für den Keller, klar genug für den Wiedererkennungswert. Dazu kommt die Laufbahn dieser Band: Thin Lassie stehen nicht erst seit gestern auf Bühnen, spielten früh im Revier, tauchten beim INDIE Fresse Festival auf, landeten auf dem Sounds Like Duisburg-Sampler, machten Station in KULT41 und haben schon im Don’t Panic mit Lion’s Law gespielt. Dass die aktuelle Ausgabe als CD mit Comic kommt, passt deshalb perfekt: Diese EP funktioniert sowieso wie ein kaputtes, sehr unterhaltsames Mini-Panel-Heft mit Punkschweiß am Rand.
Unsere Wertung:
➤ Songwriting: 9 von 10 Punkten
➤ Komposition: 7 von 10 Punkten
➤ Musikalische Fähigkeit: 8 von 10 Punkten
➤ Produktion: 8 von 10 Punkten
➤ Gesamtwertung: 8 von 10 Punkten
Unser Fazit:
Thin Lassie erfinden das Rad zwar nicht neu, aber sie schrauben ihm ein UFO-Fahrwerk, ein paar schmutzige Chöre und genug Witz an, damit man die Scheibe sofort noch mal laufen lässt. „Invaders From Venus“ ist kurz, eingängig, klug arrangiert und genau dreckig genug, um zwischen Comic, Punkrock und Spott sehr ordentlich zu funktionieren.
Trackliste
- Scruffy Looking Nerf Herder
- Invaders From Venus
- The Lizard Men
- My Ex From Mars
Credits
Interpret: Thin Lassie
Titel: „Invaders From Venus“
Herkunft: Duisburg, Deutschland
Format: EP / CD + Comic
VÖ: 20. März 2026 / Deluxe: Juni 2026
Genre: Space-Punk | Punk Rock | Pop Punk | Power Pop
Label: NRT-Records
Line-Up:
Gesang / Keyboard: Alex
Gitarre: Danu aka Wolle Pannek
Bass: Andy
Schlagzeug: Dirk Löber
Produktion: Thin Lassie
Mix & Mastering: Dirk Löber
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