LVSA – „Afterlight“: Unter all dem Neon schlägt ein echtes Herz [Synth Pop | Synthwave | Electronic Pop]

Neon. Nasser Asphalt. Ein Sportwagen fährt nachts in eine Richtung, die niemand genau kennt. Synthwave hat seine Bildsprache inzwischen so gründlich durchdekliniert, dass bei neuen Veröffentlichungen manchmal nur noch die Wahl zwischen Magenta und Türkis bleibt. LVSA kennt dieses Inventar ebenfalls, benutzt es auf der am 27. März 2026 erschienenen Debüt-EP „Afterlight“ aber nicht als Ersatz für Gefühle. Die britischstämmige und heute in Colorado ansässige Produzentin, Songwriterin und Schlagzeugerin Louisa Amott baut aus fünf Titeln und gut 23 Minuten eine nächtliche Dramaturgie: Drei instrumentale Fahrten treffen auf zwei gesungene emotionale Fixpunkte. Der Blick geht zurück in die Achtziger und Neunziger, der entscheidende Impuls kommt jedoch aus dem Hier und Jetzt – und vor allem aus einem Rhythmusgefühl, das nicht aus einem Preset stammt.

Hört hier kostenlos die EP „Afterlight“ von LVSA.

Synthwave hat ein Kulissenproblem

„Getaway“ eröffnet die EP ohne Gesang, aber keineswegs ohne Erzähler. Ein unruhiger Sequencer gibt den Takt vor, breite Synthesizerflächen ziehen vorbei und die tiefen Frequenzen brummen, als hätte irgendwo außerhalb des Bildes bereits die Verfolgungsjagd begonnen. Das Stück versteht Bewegung nicht als bloßes Tempo. Immer wieder nimmt LVSA Druck heraus, öffnet kurze nachdenkliche Passagen und beschleunigt anschließend erneut. Dadurch entsteht tatsächlich eine kleine Filmszene im Kopf, statt lediglich ein weiterer Retro-Loop. Mit 5:32 Minuten fällt der Auftakt für seine überschaubare Zahl an Motiven zwar recht großzügig aus; seine sauber gesetzten Spannungswechsel tragen ihn jedoch fast bis zur Ziellinie.

Das Titelstück „Afterlight“ war der Ausgangspunkt des gesamten Soloprojekts und bringt erstmals eine Stimme ins nächtliche Panorama. Unter der Gesangslinie arbeiten pulsierende Sechzehntel, ein voluminöses Bassfundament und jene weiten Flächen, mit denen sich Synth-Pop seit Jahrzehnten gern den Horizont vergrößert. Entscheidend ist, dass LVSA die emotionale Aussage nicht mit Produktionsmasse erschlägt. Der Gesang bleibt Teil des Arrangements, während sich das Stück vom kontrollierten Beginn zu einem offenen, beinahe euphorischen Refrain aufrichtet. Jesse Molloy, bekannt durch seine Arbeit mit The Midnight und Panic! At The Disco, setzt mit dem Saxofon keinen grellen Achtziger-Aufkleber auf den Song. Sein Spiel wirkt vielmehr wie die Antwort, welche die Stimme selbst nicht mehr geben kann.

„Hold The Lane“ könnte im Schatten der beiden Singles leicht als verbindendes Instrumentalstück durchrutschen, entwickelt sich aber zum heimlichen Kraftzentrum der EP. Komprimierte Handclaps, warme Synthesizer und ein satt geschichteter Tieftonbereich schieben das Stück voran, während die einzelnen Abschnitte anschwellen, zusammenfallen und in veränderter Gestalt zurückkehren. Hier zahlt sich Amotts Vergangenheit als professionelle Schlagzeugerin besonders aus. Ein Teil der Rhythmen wurde zunächst live eingespielt und anschließend als elektronisches Kit neu programmiert. Das klingt nach einem umständlichen Weg, erklärt jedoch, warum die präzise Rasterarbeit trotzdem atmet. Die Maschine hält die Spur, der Mensch sitzt am Steuer.

Mit „Acropolis, Pt. II“ kippt die Beleuchtung zunächst ins Dunklere. Tiefere Klangfarben und eine beharrliche Vorwärtsbewegung erzeugen mehr Bedrohung als die vorherigen Titel, bevor aufsteigende Sequenzen den Raum allmählich wieder aufhellen. Das mit 3:48 Minuten kürzeste Stück ist zugleich das konzentrierteste. Wo „Getaway“ gelegentlich noch eine zusätzliche Runde dreht, setzt „Acropolis, Pt. II“ seine Ideen, zieht die Spannung an und verschwindet rechtzeitig. Als Übergang zum Finale erfüllt es eine wichtige dramaturgische Aufgabe; als eigenständige Komposition bleibt es dennoch stark genug, um nicht wie ein bloßes Zwischenstück zu wirken.

Hört hier „In Another Life“ von LVSA feat. The Bad Dreamers.

Am Ende wartet mit „In Another Life“ der unmittelbarste Popsong der EP. LVSA und The Bad Dreamers teilen sich Songwriting und Produktion, und diese Zusammenarbeit macht sich in einer Melodie bemerkbar, die schneller zupackt als alles zuvor. Helle Akkorde und ein großer Refrain stehen im reizvollen Widerspruch zu einer Geschichte über Trennung, notwendige Grenzen und die schmerzhafte Vorstellung, dass es in einem anderen Leben vielleicht funktioniert hätte. Noch einmal greift Molloy zum Saxofon, diesmal ausführlicher und freier. Der Ausklang wirkt nicht wie ein obligatorisches Gastsolo, sondern wie das Nachbeben eines Gesprächs, das längst beendet ist. So bekommt die EP ihren stärksten Ohrwurm und zugleich ihren emotionalen Schlussakkord.

Der Rhythmus kommt aus den Armen, nicht aus dem Raster

„Afterlight“ ist weniger eine klassische Synth-Pop-EP als ein kurzer Soundtrack mit zwei ausformulierten Songs. Das kann zunächst unausgewogen wirken: Auf einen langen instrumentalen Auftakt folgt das Titelstück, danach schiebt LVSA erneut zwei Kompositionen ohne Gesang zwischen sich und das Finale. Gerade diese Abfolge erzeugt aber den inneren Film. „Getaway“ setzt die Bewegung in Gang, „Afterlight“ benennt den emotionalen Konflikt, „Hold The Lane“ und „Acropolis, Pt. II“ treiben ihn durch wechselnde Zustände, bevor „In Another Life“ die Geschichte in Worte fasst. Die Dramaturgie ist nicht kompliziert, aber schlüssiger, als es eine lose Sammlung von fünf Retro-Nummern wäre.

Amotts größter Vorteil ist ihre Herkunft vom Schlagzeug. Arpeggiatoren, Hardware- und Software-Synthesizer liefern Farbe und Raum, doch die Musik wird von Dynamik zusammengehalten. Übergänge entstehen nicht einfach dadurch, dass die nächste Spur dazugeschaltet wird. Die Rhythmen verdichten sich, lassen Luft herein und ändern das Gewicht einer Passage. LVSA selbst beschreibt Gefühl und Groove als entscheidende Prüfkriterien: Bringt ein Stück sie zum Tanzen oder zum Weinen, dürfte es auf dem richtigen Weg sein. Diese etwas schlichte Formel passt erstaunlich gut zu einer EP, deren stärkste Momente genau zwischen Bewegung und Melancholie liegen.

Ganz entkommt „Afterlight“ den vertrauten Genre-Requisiten trotzdem nicht. Schimmernde Flächen, rasende Sequenzen, große elektronische Drums und Saxofon sind im Synthwave längst keine überraschenden Gäste mehr. Wenn ein Motiv schwächer ausfällt oder ein Instrumental seine Laufzeit etwas auskostet, übernimmt deshalb gelegentlich die Stilvorlage das Kommando. Die EP entwickelt ihre eigene Handschrift weniger über neue Klangfarben als über das ungewöhnlich körperliche Verständnis von elektronischem Rhythmus. Genau dort sollte LVSA künftig weitergraben, denn der lebendige Puls unterscheidet diese Musik deutlicher von der Konkurrenz als jede noch so makellos polierte Neonfläche.

Für den glänzenden, breiten Abschluss sorgt Sefi Carmel, der alle fünf Stücke gemischt und gemastert hat. Bässe besitzen Druck, ohne die Synthesizer zuzuschütten, und selbst in den dichter gestapelten Momenten bleiben die Ebenen gut voneinander getrennt. Die Produktion ist professionell und international konkurrenzfähig, vielleicht sogar einen Hauch zu sauber. Etwas mehr Reibung hätte besonders den Instrumentalstücken zusätzliche Persönlichkeit gegeben. Dafür trägt der transparente Mix Molloys Saxofon und die Gesangspassagen mit einer Selbstverständlichkeit, an der viele unabhängig produzierte Debüts scheitern.

Unsere Wertung:

➤ Songwriting: 8,5 von 10 Punkten
➤ Komposition: 8,5 von 10 Punkten
➤ Musikalische Fähigkeit: 9 von 10 Punkten
➤ Produktion und Sounddesign: 9 von 10 Punkten

➤ Gesamtwertung: 8,8 von 10 Punkten

Unser Fazit:

„Afterlight“ erfindet Synthwave nicht neu – zum Glück versucht die EP auch gar nicht erst, uns das einzureden. LVSA setzt auf bekannte Achtziger- und Neunzigerfarben, füllt sie jedoch mit einem ausgeprägten Gespür für Bewegung, Dynamik und emotionalen Aufbau. „Hold The Lane“ bildet das rhythmische Kraftzentrum, das kompakte „Acropolis, Pt. II“ den dramaturgischen Wendepunkt und „In Another Life“ den großen, bittersüßen Pop-Abschluss. Manche instrumentale Passage dürfte früher auf den Punkt kommen, und der makellose Hochglanz schleift gelegentlich genau jene Ecken ab, aus denen eine unverwechselbare Handschrift wachsen könnte. Dagegen stehen starke Arrangements, ein druckvoller Mix und eine Musikerin, die elektronische Musik nicht wie ein Rechenblatt behandelt. Unter all dem Neon schlägt ein echtes Herz – vor allem aber sitzt dort eine Schlagzeugerin mit verdammt gutem Timing.

Mehr zu LVSA im Netz

LVSA bei SoundBetter:
https://soundbetter.com/profiles/696091-lvsa

„Afterlight“ bei Spotify:
https://open.spotify.com/album/1u121iAi41NZrsGs8E7fKx

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