Bellstar lassen auf „Before a Fall“ die Schatten tanzen (Musikplaylist) [ Alternative Rock | Psychedelic Rock | Indie Rock ]

Es gibt Alben, die nach zehn Sekunden auf den Tisch hauen, dreimal „Hook!“ rufen und anschließend darauf warten, dass irgendein Algorithmus Beifall klatscht. Bellstar haben für derartige Eile offenbar wenig übrig. »Before a Fall« betritt den Raum nicht mit dem Vorschlaghammer, sondern schiebt langsam die Vorhänge zu. Dahinter warten gedämpfte Gitarren, schleichende Rhythmen, psychedelische Schatten und eine Stimme, die selbst dann noch nach einer durchwachten Nacht klingt, wenn die Melodie gerade etwas Licht hereinlässt. Das Ergebnis ist Alternative Rock für Menschen, die einem Song länger zuhören können als bis zum ersten Refrain. Eine beinahe subversive Idee im Jahr 2026.

Hört hier das vollständige Album »Before a Fall« von Bellstar.

Schon »The River Flows« macht klar, dass der Albumtitel nicht zufällig nach drohendem Kontrollverlust klingt. Ein federnder Rhythmus bewegt sich unter dunklen Gitarren entlang, während die Melodie gleichzeitig vorwärtsdrängt und in Gedanken woanders zu sein scheint. Das Stück trägt ein wenig Wüstenrock im Gepäck, hat aber keine Lust, deshalb sofort die Sonnenbrille aufzusetzen und den Motor einer rostigen Karre anzuwerfen. Bellstar interessieren sich stärker für die Temperatur im Innenraum. Die Gitarren erzeugen Gewicht, ohne sich in Lautstärke aufzublasen, und die Stimme bleibt angenehm nah am Ohr.

Direkt danach verlangsamt »Mercury’s Possession« den Puls. Der Song hängt irgendwo zwischen psychedelischer Ballade, spätem 60er-Jahre-Nebel und Indie Rock, der seine Möbel absichtlich nicht gerade hinstellt. Besonders die instrumentalen Passagen profitieren davon, dass Bellstar nicht jede Lücke mit einer weiteren Gitarrenspur zukleistern. Klänge dürfen stehen bleiben, ausfransen und verschwinden. Das klingt weniger nach sauber ausgeleuchtetem Studio als nach einem Raum, in dem noch jemand sitzt, obwohl die Party längst vorbei ist.

Wüstenstaub hinter schweren Vorhängen

»Against the Wall« erhöht anschließend den Druck, ohne daraus gleich eine sportliche Disziplin zu machen. Die Dynamik wächst schrittweise, die Gitarren rücken näher heran, und der Refrain öffnet den Song gerade weit genug, um nicht in der eigenen Melancholie zu ersticken. Das ist eine der auffälligsten Eigenschaften von »Before a Fall«: Die Stücke wirken dunkel, aber nicht hoffnungslos. Hinter der nächsten Ecke wartet vielleicht keine Erlösung, immerhin jedoch ein weiterer Akkord.

Mit »You Get to Stay« zeigen Bellstar, dass Zurückhaltung nicht automatisch bedeutet, das Songwriting auf Zimmerlautstärke zu reduzieren. Das Arrangement bleibt übersichtlich, wodurch die emotionale Schwere umso deutlicher hervortritt. Statt jeden Gedanken mit orchestraler Wichtigkeit zu unterstreichen, lässt die Band Melodie und Stimme arbeiten. Das wirkt aufrichtig und angenehm unaufgeregt. Andere Gruppen würden an dieser Stelle vermutlich noch Streicher bestellen und den Chor der örtlichen Musikschule dazubuchen.

Klavier statt Rockpflichtprogramm

Spätestens »Too Hard« räumt dann endgültig mit der Vorstellung auf, Bellstar müssten sich auf einen festen Gitarrensound festlegen. Ein zurückhaltendes Klavier führt durch eine Ballade, die Verwundbarkeit nicht mit übertriebenem Pathos verwechselt. Der Song bewegt sich langsam, besitzt aber genügend melodische Substanz, um nicht einfach auf der Stelle zu stehen. Die Stimme darf hier besonders viel tragen und tut das mit einer Wärme, die den grundsätzlich trüben Charakter der Platte immer wieder vor dem Absturz in gepflegte Selbstbemitleidung bewahrt.

»Waiting to Breathe« breitet sich anschließend über mehr als vier Minuten aus und gehört zu den atmosphärisch stärksten Momenten des Albums. Gitarren, Rhythmusgruppe und Gesang drängen nicht gleichzeitig nach vorne, sondern wechseln sich mit dem Aufbau der Spannung ab. Dadurch entsteht eine Weite, die der Titel beinahe körperlich spürbar macht. Die Luft wird knapp, aber die Band hält den entscheidenden Moment lange genug zurück. Ein wenig mehr Eskalation im letzten Drittel hätte zwar nicht geschadet, doch gerade die Verweigerung des erwartbaren großen Knalls passt zum Charakter dieser Musik.

Ein Kinderlied verirrt sich in den falschen Flur

Mit »All the Pretty Little Horses« greift die Band ein traditionelles amerikanisches Wiegenlied auf. Erwartungsgemäß wird daraus keine freundliche Einschlafhilfe mit Plüschdecke und Nachtlicht. Bellstar stellen die Melodie in einen deutlich düstereren Zusammenhang. Die Kürze des Stücks verhindert dabei, dass aus der unheimlichen Atmosphäre bloße Effekthascherei wird. Es bleibt ein knappes, seltsam entrücktes Zwischenkapitel, das den zweiten Teil des Albums vorbereitet und noch eine Weile im Kopf herumspukt.

»Animals in the City« bringt akustische Gitarren und einen etwas helleren Ton ins Spiel, ohne das bisherige Klangbild komplett umzudekorieren. Der Song besitzt mehr Bewegung und eine unterschwellige Aufsässigkeit, die dem Album an dieser Stelle guttut. Wo manche Stücke zuvor sehr kontrolliert und nach innen gekehrt agierten, lässt »Animals in the City« die Schultern etwas lockerer. Die Stadt bleibt vermutlich ein unangenehmer Ort, aber wenigstens kann man dort noch gemeinsam Lärm machen.

Schönes Zwielicht mit kleinen Längen

»Nothing Disappears« zieht sich wieder in einen intimeren Raum zurück. Der Song wirkt wie eine nur teilweise erinnerte Unterhaltung, bei der die entscheidenden Sätze längst gefallen sind. Die warme, leicht erschöpfte Stimme bildet erneut den Mittelpunkt, während die Instrumentierung eher Spuren legt als fertige Antworten liefert. Genau darin liegt die Stärke von Bellstar: Die Band erklärt ihre Stimmungen nicht, sondern lässt sie im Raum stehen. Man muss schon selbst hineinlaufen.

Ganz ohne Schwächen kommt »Before a Fall« allerdings nicht davon. Das konsequent gedämpfte Tempo und die Vorliebe für ähnliche Klangfarben sorgen im Mittelteil gelegentlich dafür, dass einzelne Songs ineinanderlaufen. Wer auf markante Refrains, abrupte Richtungswechsel oder einen gelegentlichen Tritt gegen die Studiotür wartet, muss Geduld mitbringen. Ein oder zwei weniger höflich arrangierte Ausbrüche hätten das Album kontrastreicher gemacht. Bellstar beherrschen das Zwielicht so gut, dass sie manchmal vergessen, wie wirkungsvoll eine plötzlich eingeschaltete Deckenlampe sein kann.

Der abschließende Song »Blindsided« sammelt dennoch vieles ein, was die Platte zuvor ausgelegt hat: schwebende Melodien, zurückgenommene Intensität, warme Vocals und eine Instrumentierung, die ihren Nachhall wichtiger nimmt als den unmittelbaren Effekt. Als Finale funktioniert das Stück deshalb ausgezeichnet. Es liefert keine große Auflösung, sondern lässt die emotionale Tür einen Spalt offen. Der Fall aus dem Albumtitel findet vielleicht statt. Zu sehen bekommt man ihn allerdings nicht. Man hört nur noch, wie irgendwo etwas aufschlägt.

Unsere Wertung:

➤ Songwriting: 8 von 10 Punkten
➤ Komposition: 8 von 10 Punkten
➤ Musikalische Fähigkeit: 8 von 10 Punkten
➤ Produktion: 8,5 von 10 Punkten

➤ Gesamtwertung: 8 von 10 Punkten

Unser Fazit:

»Before a Fall« ist kein Album für den schnellen musikalischen Vorbeischluck. Bellstar setzen auf Atmosphäre, sorgfältig aufgebaute Arrangements und Songs, die ihre Wirkung lieber langsam entfalten, als den Hörer mit einem übergroßen Refrain anzuspringen. Zwischen psychedelischem Rock, Alternative, Folk-Anklängen und melancholischen Pianopassagen entsteht eine stimmige, warme und häufig faszinierende Platte. Das gleichmäßige Tempo sorgt gelegentlich für kleinere Längen, doch die dichte Produktion, die ausdrucksstarke Stimme und das sichere Gespür für Melodien halten das Album zusammen. Bellstar fallen auf »Before a Fall« nicht. Sie stehen erstaunlich ruhig am Abgrund und schauen hinunter.

Mehr zu Bellstar im Netz

Bellstar bei YouTube:
https://www.youtube.com/@bellstartheband

»Before a Fall« bei Spotify:
https://open.spotify.com/album/1w5DSpwfYoO60zDyTiySQ0

»Before a Fall« bei Apple Music:
https://music.apple.com/us/album/before-a-fall/1889638466

Nach oben scrollen