The Beatroot Road mit „Humanimal“: Ein wild pulsierender Grenzgang zwischen Mensch, Rhythmus und Reibung (Musikvideos) [ World-Fusion | Alternative ]

Es gibt Alben, die sich Vielfalt groß aufs Banner schreiben und am Ende doch nur wie eine nervöse Playlist mit Identitätsproblemen klingen. Und es gibt „Humanimal“ von The Beatroot Road. Dieses Album ist nicht deshalb spannend, weil hier viele Einflüsse zusammenkommen, sondern weil sie tatsächlich etwas miteinander anfangen. Was Mark Russell, Hazel Fairbairn und ihre internationale Runde aus Mitstreitern hier aufziehen, ist kein dekoratives Weltmusik-Patchwork für den gepflegten Kulturblick von oben herab, sondern eine Platte mit Puls, Schweiß, Haltung und erstaunlich viel Seele. „Humanimal“ ist rhythmisch erdig, melodisch offen, kompositorisch mutig und im besten Sinne schwer festzunageln. Mal drängt sich das Album Richtung Club, mal Richtung Folk, mal in dunklere Alternative-Ecken, dann wieder in etwas, das sich am ehesten als postgenreale Abenteuerlust beschreiben lässt. Das Entscheidende ist aber: Trotz aller Beweglichkeit klingt diese Platte nie beliebig. Sie hat einen Kern, einen Körper, einen Charakter. Und genau das macht sie so stark.

Schaut hier den Clip „Dance Sinners Dance“

Wenn aus globaler Kollaboration tatsächlich ein echtes Album wird

Schon der Opener „Humanimal“ macht ziemlich klar, dass The Beatroot Road nicht daran interessiert sind, dem Hörer einen bequemen Genre-Stuhl hinzustellen, auf dem er sich entspannt zurücklehnt. Der Song arbeitet mit Groove, Reibung und einem leicht unberechenbaren Spannungsaufbau. Bodhrán, Bass, Fiddle, Percussion und Tastenflächen stehen hier nicht brav nebeneinander, sondern schieben sich gegenseitig an, setzen Akzente, reißen Räume auf. Das Sounddesign ist fein genug gearbeitet, um Tiefe zu erzeugen, bleibt aber immer in Bewegung. Nichts klingt geschniegelt, nichts glattgebügelt. Gerade das gibt dem Ganzen diese unmittelbare Körperlichkeit, die man bei vielen stilistisch ambitionierten Projekten schmerzlich vermisst.

„Underground Roots“ gräbt sich danach noch tiefer in dieses Prinzip ein. Der Song besitzt Wärme, Zug und eine angenehme rhythmische Sturheit, die ihn fast hypnotisch wirken lässt. Hier hört man besonders deutlich, wie stark das Arrangement auf diesem Album funktioniert. Statt möglichst viele kulturelle Verweise wie bunte Sticker aufzukleben, wird aus den Einflüssen tatsächlich Musik gemacht. „Arlington“ legt den Fokus dann stärker auf Atmosphäre und emotionale Weite. Das ist nicht bloß hübsch, sondern klug gebaut. Die Komposition entwickelt eine melancholische Sogwirkung, ohne in Pathos zu kippen. Gerade solche Momente zeigen, wie souverän The Beatroot Road mit Dynamik umgehen. Diese Platte weiß genau, wann sie drücken, wann sie schweben und wann sie einfach nur Raum lassen muss.

Schaut hier den Clip zu „Humanimal“

Zwischen Menschlichkeit, Kontrollverlust und einem Tanz gegen den Einheitsbrei

Richtig reizvoll wird „Humanimal“ dort, wo das Album seine emotionale Spannbreite ausspielt. „Milte Hi Ankhen“ wirkt offen, verbindend und in seiner Mischung aus verschiedenen Klangsprachen erstaunlich organisch. Das Stück hat etwas Suchendes, aber nichts Beliebiges. Es klingt nach Begegnung, nicht nach Kalkül. „Morbid Love“ setzt dem dann eine kantigere, unruhigere Energie entgegen. Der Song hat Biss, eine nervöse Wildheit und genau jene leicht angeknackste Spannung, die ihn interessant macht. Hier wird nicht geschniegelt performt, hier wird gelebt, gerieben, ausgetragen. Die Instrumentierung bleibt dicht, aber nie überladen. Vor allem die rhythmische Arbeit und die klug gesetzten Brüche im Arrangement sorgen dafür, dass der Track nicht einfach nur läuft, sondern drängt.

Mit „Confusion Inland“ folgt einer der eindrucksvollsten Momente des Albums. Der Song trägt etwas Verlorenes in sich, ohne sich in wehleidiger Selbstbespiegelung zu suhlen. Statt großer Gesten setzt The Beatroot Road hier auf Atmosphäre, Textur und Bewegung im Kleinen. Genau das macht den Track so stark. Die Komposition tastet sich voran, wirkt verletzlich, aber nie schwach. Das Sounddesign arbeitet mit Tiefe, Hall, Zwischentönen und genau jener Form von kontrollierter Offenheit, die Gefühle nicht erklärt, sondern hörbar macht.

Und dann kommt „Dance Sinners Dance“, dieser herrlich aufmüpfige, drängende, kreative Tritt in die Bequemlichkeitszone. Der Song funktioniert an der Oberfläche sofort, weil der Groove sitzt und die Energie direkt überspringt. Gleichzeitig steckt mehr dahinter als bloße Tanzflächenkompatibilität. Hier wird Originalität verteidigt, Bewegung als Ausdruck von Freiheit begriffen und die sterile Gleichförmigkeit moderner Massenware ziemlich elegant abgekanzelt. Das ist mitreißend, klug und musikalisch so pointiert umgesetzt, dass der Song weit mehr ist als ein bloßer Appell mit Beat.

Schaut hier den Clip zu „Confusion Inland“

Keine stilistische Reizüberflutung, sondern ein Werk mit Spannungsbogen, Haltung und erstaunlich viel Substanz

Was dieses Album über die gesamte Laufzeit trägt, ist seine Kohärenz. „Sombre Reptiles“ bringt eine düstere, latent schleichende Eleganz ins Spiel, während „Laugh in the West“ wieder stärker nach vorne geht und mit Groove, Farbe und sozialer Beobachtung arbeitet. Zum Schluss öffnet „Payday“ das Album noch einmal in Richtung Sinnsuche und Existenzfrage, ohne dabei aufgesetzt bedeutungsschwer zu werden. Genau hier zeigt sich die eigentliche Stärke von „Humanimal“: Diese Platte will etwas sagen, aber sie tut es musikalisch. Nicht mit der Holzhammerthese, sondern mit Komposition, Rhythmus, Reibung und Atmosphäre.

Dass all das trotz internationaler Besetzung, stilistischer Offenheit und großer thematischer Spannweite so geschlossen wirkt, ist auch ein Verdienst der Produktion von Mark Russell. Die wiederkehrenden rhythmischen und klanglichen Klammern geben dem Album Kontur, ohne die einzelnen Stücke zu normieren. Das Ergebnis ist kein Showcase für bloße Vielseitigkeit, sondern ein Album mit echter Handschrift. „Humanimal“ lebt, stolpert, tanzt, denkt und kratzt. Genau so sollte Musik klingen, wenn sie nicht bloß gefallen, sondern etwas in Bewegung setzen will.

Unsere Wertung:

➤ Songwriting: 8,5 von 10 Punkten
➤ Komposition: 9 von 10 Punkten
➤ Musikalische Fähigkeit: 9 von 10 Punkten
➤ Produktion: 8,5 von 10 Punkten

➤ Gesamtwertung: 8,5 von 10 Punkten

Unser Fazit:

„Humanimal“ von The Beatroot Road ist ein Album für Hörer, die Musik nicht nach Schubladen, sondern nach Wirkung beurteilen. Diese Platte ist mutig, durchdacht, hervorragend arrangiert und in ihrer Mischung aus Menschlichkeit, Rhythmus und Experimentierfreude bemerkenswert geschlossen. Wo andere Projekte an ihrer eigenen stilistischen Offenheit scheitern, entsteht hier ein Werk mit Profil, Energie und echtem emotionalem Kern. Kein weltmusikalisches Schaufensterstück, kein verkopftes Kunstobjekt, sondern eine lebendige, fordernde und gleichzeitig zugängliche Veröffentlichung, die zeigt, wie viel Kraft in echter künstlerischer Neugier stecken kann.

The Beatroot Road - Humanimal Cover

Mehr zu The Beatroot Road im Netz

The Beatroot Road – Die offizielle Webseite:
https://www.thebeatrootroad.ca

The Beatroot Road bei Facebook:
https://www.facebook.com/TheBeatrootRoad/

The Beatroot Road bei Spotify anhören:
https://open.spotify.com/artist/2igBGRo0CgkQaQmR6nrk9b

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