Thin Lassie – „Invaders From Venus – Deluxe“: Intergalaktischer Klamauk als Metapher für gekonnte Gesellschaftskritik (Musikplaylist) [ Punkrock | Punk | Space Punk ]

30. Oktober, einen Tag vor Halloween – und da kommen immer so merkwürdige Gestalten zum Vorschein. Während anderswo Vampire ihre Umhänge bügeln und Zombies die Nachbarschaft belästigen, landen in Duisburg kurzerhand die Außerirdischen. Thin Lassie schicken ihre EP „Invaders From Venus“ als überarbeitete, neu gemasterte Deluxe Edition zurück auf die Erde – samt dem neuen Bonustrack „Suburban Boy“. Das Quartett aus dem Ruhrgebiet klingt, als hätten die Ramones, abgegriffene Science-Fiction-Heftchen und eine Horde durchgeknallter Comic-Aliens gemeinsam den Proberaum gekapert. Was nach reinem Klamauk riecht, entpuppt sich als vergnüglicher Space Punk mit musikalischem Können und geschickt verpackter Gesellschaftskritik. Zwischen bissigen Riffs, irrwitzigen Keyboards und herrlich schrägen Geschichten beweisen die vier Musiker, dass Unterhaltung und Haltung keineswegs Gegensätze sein müssen.

Thin Lassie – „Invaders From Venus – Deluxe“: Die EP im Audiovisualizer

Psychoaktiver Space Punk: Eine Band, die ihre Pointen beherrscht

Was Thin Lassie von der üblichen Spaßkapelle unterscheidet, ist das Gespür für musikalische Substanz. Wolle Pannek, auch als Danu bekannt, schüttelt kernige Riffs und prägnante Gitarrenfiguren aus dem Ärmel, ohne jeden Takt mit technischer Selbstdarstellung vollzustopfen. Andy Steel lässt den Bass nicht bloß mitlaufen, sondern schiebt die Nummern mit markanten Linien nach vorn. An den Drums hält Dirk Löber das Geschehen mit Nachdruck und punktgenauem Timing zusammen, während Alex Horschig mit seinem eigenwilligen Gesang und den ebenso eigensinnigen Keyboards für den unverwechselbaren Comic-Touch sorgt.

Gerade diese Balance ist eine Stärke: Die Band albert nicht einfach über ein paar Akkorde hinweg, sondern baut ihre Witze in stimmige Arrangements ein. Da darf die Orgel wie aus einem windschiefen Raumschiff tönen, solange der Refrain sitzt und die Rhythmussektion ordentlich anschiebt. So verbindet das Quartett Fantasy, schräge Science-Fiction und Gesellschaftskritik auf eine Art, die zugleich herrlich bescheuert und erstaunlich klug ist.

„Scruffy Looking Nerf Herder“: Han Solo mit Schrammen im Lack

Den Auftakt übernimmt „Scruffy Looking Nerf Herder“, eine liebevolle Verbeugung vor dem wohl charmantesten Schrotthaufen-Piloten der Filmgeschichte. Der hier besungene Weltraumheld ist kein glattgebügeltes Idol, sondern ein schlitzohriger Überlebenskünstler mit Dreck an den Stiefeln und reichlich Restcharme. Musikalisch passt das hervorragend: Ein griffiges Riff, ein beweglicher Bass und die trocken nach vorne marschierenden Drums sorgen dafür, dass der Song auch ohne seine Star-Wars-Anspielung funktioniert.

Alex Horschigs leicht näselnder, kauziger Vortrag setzt dem Ganzen die Narrenkappe auf. Dabei sitzt die Pointe gerade deshalb, weil die Band das musikalische Fundament ernst nimmt. Die Nummer hat Groove, Melodie und ein Gespür für die richtige Länge – Punkrock muss schließlich kein ausufernder Konzeptvortrag sein, nur weil die Handlung im Weltall spielt.

„Invaders From Venus“: Hinter der Alien-Invasion steckt mehr als ein Witz

Im Titelstück „Invaders From Venus“ gehen Sirene, Gitarren und Keyboards auf Kollisionskurs. Was nach einem ausgelassenen Science-Fiction-Hörspiel aus der Resterampe beginnt, entpuppt sich als satirischer Blick auf Kontrolle und Manipulation. Die außerirdischen Invasoren setzen nicht allein auf Laserstrahlen: Lager, Fabriken, Gedächtnislöschung und mediale Verdummung gehören ebenfalls zu ihrem Arsenal. Die überzogene Geschichte ist witzig, ihre gesellschaftlichen Anspielungen sind es deutlich weniger.

Dazu liefern Thin Lassie einen Refrain mit Widerhaken, energisches Riffing und herrlich überdrehte Orgelfiguren. Die Arrangements funktionieren trotz aller Späße bemerkenswert geschlossen. Passend zum Konzept gibt es die Nummer außerdem als Music Comic zu sehen: eine audiovisuelle Verlängerung jener schrägen Bilderwelt, die der Song ohnehin schon im Kopf entstehen lässt.

Thin Lassie – „Invaders From Venus“ (The Music Comic)

„The Lizard Men“ und „My Ex From Mars“: Von Verschwörern und kosmischem Liebeskummer

„The Lizard Men“ nimmt sich mit ordentlich Tempo den reptiloiden Verschwörungsmythen und dem dazugehörigen Querdenker-Unsinn an. Während der Text die Absurdität solcher Erzählungen offenlegt, verteilen die Musiker schnelle Gitarrenstöße, treibende Drums und mitreißende Chöre. Statt einer trockenen Standpauke gibt es einen Pogo-tauglichen Kommentar, der seine Zielscheibe mit Humor trifft.

Bei „My Ex From Mars“ darf es anschließend romantisch werden – jedenfalls so romantisch, wie eine gescheiterte Beziehung unter galaktischen Vorzeichen eben ausfallen kann. Oh-la-la-Chöre, verspielte Synthesizerfarben und eine flüssige Gitarrenarbeit verwandeln den interplanetaren Trennungsschmerz in einen mitreißenden Ohrwurm. Besonders schön ist, wie natürlich sich die Keys in das Gitarrenfundament einfügen, ohne aus dem Punkrock plötzlich eine Kostümparty mit Hintergrundmusik zu machen.

„Suburban Boy“: Tiefer Gesang, Vorstadtfrust und der Duft von Zweitaktern

Die eigentliche Überraschung der Deluxe Edition wartet mit „Suburban Boy“. Statt erneut in fremde Galaxien aufzubrechen, führt die Reise in die eigene Jugend: Sackgassen am Waldrand, die Stahlindustrie in Reichweite, ein spießiges Wohnviertel, Einkaufszentren, Arcade-Automaten und knatternde Zweitakter. Zwischen Donkey Kong, Mohawks und Plattenladen treiben die Jugendlichen ihr Unwesen, während Ramones, Dictators und Iggy Pop den passenden Soundtrack liefern. Das ist ebenso frech wie liebevoll beobachtet – eine Punkrock-Erinnerung an die Enge der Vorstadt und den Drang, ihr wenigstens für ein paar Stunden zu entkommen.

Thin Lassie – „Suburban Boy“: Das Video zum neuen Bonustrack

Spannend ist dabei vor allem Alex Horschig, der diesmal eine deutlich tiefere Stimmlage nutzt. Sein Gesang klingt weniger comicartig überspitzt und gewinnt dadurch einen angenehm rauen, erzählerischen Charakter. Es steht dem Stück ausgezeichnet und beweist, dass Thin Lassie nicht auf eine einzige vokale Masche angewiesen sind. Gleichzeitig bleibt die typische DNA erhalten: cooles Gitarrenwork, tighte Drums, ein drückender Bass und diese irrwitzigen, fast höfisch anmutenden Keyboard-Einwürfe, die auch hier für ein breites Grinsen sorgen.

Gerade als Bonusstück ist „Suburban Boy“ mehr als eine freundliche Zugabe. Der Song verschiebt die Perspektive von fantastischen Bedrohungen zu sehr irdischen Verhältnissen. Aus den Alien-Geschichten wird eine kleine Milieustudie über Kleinbürgerlichkeit, jugendliche Rebellion und Musik als Ausweg. Die Gesellschaftskritik bleibt erhalten, sie trägt diesmal nur keine Antennen auf dem Kopf.

Das Remaster: Mehr Kontur, ohne den Rost wegzupolieren

Auch klanglich lohnt sich die Neuauflage. Dirk Löber hat das Material überarbeitet und neu gemastert – und das Ergebnis ist gelungen. Gitarren, Bass und Keyboards stehen nachvollziehbarer nebeneinander, die Drums setzen ihre Akzente mit mehr Kontur und der Gesang behauptet sich selbst dann, wenn die Band gemeinsam aufs Gaspedal tritt. Besonders die kleinen Orgel-Spielereien profitieren davon, dass ihnen im Arrangement Luft gelassen wird.

Das Entscheidende: Die Aufnahmen klingen nicht steril oder glattgebügelt. Die Gitarren behalten ihre raue Kante, der Bass seinen Schub und das Schlagzeug seine unmittelbare, lebendige Wirkung. Der Sound ist klarer, ohne den Charme einer Band zu verlieren, die lieber mit einem UFO in die Garage kracht, als klinisch sauber vor der Landebahn zu parken. Diese Überarbeitung wertet die vier ursprünglichen Songs auf und lässt „Suburban Boy“ als selbstverständlich dazugehörigen fünften Track erscheinen.

Unsere Wertung:

Wertung
Songwriting
9/10
Komposition
8/10
Produktion
9/10
Musikalische Fähigkeit
8/10
Gesamtwertung8,5von 10 PunktenØ aus vier Kriterien

Unser Fazit:

Mit „Invaders From Venus – Deluxe“ zeigen Thin Lassie, dass guter Spaßpunk nicht zwangsläufig auf Kosten des Songwritings gehen muss. Die vier ursprünglichen Songs punkten weiterhin mit bissigen Hooks, schrägen Science-Fiction-Geschichten und einer bemerkenswert spielstarken Besetzung. Das Remaster von Dirk Löber bringt zusätzliche Klarheit und Druck, ohne dem Material seinen ursprünglichen Charakter zu nehmen.

Den entscheidenden Mehrwert liefert „Suburban Boy“: Der neue Track erweitert die Themenwelt, rückt Alex Horschigs tiefere Stimmlage ins Rampenlicht und beweist, dass die Band auch ohne fliegende Untertassen überzeugend Geschichten erzählen kann. Nicht jede musikalische Idee ist revolutionär, und ein paar Gags sind bewusst so albern, dass sie anderswo eine Bruchlandung hinlegen würden. Hier aber trägt sie das präzise Zusammenspiel der Musiker.

Zwischen Pogo, B-Movie-Wahnsinn und geschickt getarnter Gesellschaftskritik liefern Thin Lassie eine herrlich unterhaltsame Deluxe-EP. Fünf Songs, jede Menge Charakter und eine Landung, die ausnahmsweise nicht im Krater endet: 8,5 von 10 Punkten.

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