Zwischen Witch House, Gothic Electronica, Dark Ambient und experimenteller Industrial-Musik haben sich zwei Künstler zusammengefunden, deren bisherige musikalische Laufbahnen unterschiedliche Schwerpunkte besitzen. Die amerikanische Sängerin und Songwriterin Arden Leigh, bekannt durch ihr Gothic- und Alternative-Rock-Projekt Arden & the Wolves, verbindet sich mit dem Elektronikmusiker und Produzenten Andrew Means, der unter anderem durch seine Arbeit im Umfeld von 3TEETH und Patriarchy bekannt ist. Gemeinsam bilden sie Planeswalkers, ein Projekt, das elektronische Klangexperimente mit einer ausgesprochen persönlichen und spirituell geprägten Ausdrucksweise verbindet. Mit ihrer am 1. September 2026 veröffentlichten Debüt-EP „The Mind Room“ präsentieren die beiden vier Kompositionen, die sich mit seelischen Verletzungen, Erinnerung, inneren Schutzmechanismen und der Hoffnung auf Heilung beschäftigen. Dabei entsteht eine ebenso beklemmende wie faszinierende Klanglandschaft.
Planeswalkers: Wenn musikalische Zusammenarbeit zur spirituellen Erzählung wird
Die Zusammenarbeit begann Ende 2025, als Andrew Means seiner späteren Projektpartnerin vier instrumentale Entwürfe vorstellte. Arden Leigh hatte ursprünglich nicht vorgehabt, neben Arden & the Wolves eine weitere Formation zu gründen. Doch die ungewöhnliche Atmosphäre der elektronischen Kompositionen überzeugte sie. Aus einer zunächst als Kooperation gedachten Veröffentlichung entwickelte sich schließlich ein eigenständiges Duo. Der Name Planeswalkers geht auf das gemeinsame Interesse an okkulten Praktiken und der Vorstellung zurück, das Bewusstsein könne unterschiedliche Daseinsebenen durchwandern.
Diese spirituelle Betrachtungsweise bestimmt auch das Konzept von „The Mind Room“. Leigh beschreibt die EP als eine musikalische Auseinandersetzung mit traumatischen Erfahrungen und dem Versuch, einem nahestehenden Menschen auf seinem Weg zur Verarbeitung dieser Erlebnisse beizustehen. Als künstlerische Grundlage dient ihr die Idee eines sogenannten Hypersigils, bei dem eine Erzählung mit einer persönlichen Absicht verknüpft wird. Solche okkulten Vorstellungen gehören zum Weltbild der Sängerin und sind entsprechend als Teil ihrer künstlerischen Ausdrucksweise zu verstehen, nicht als wissenschaftlich belegte Behandlungsmethode. Musikalisch funktioniert dieses Konzept vor allem deshalb, weil die vier Stücke emotionale Zustände nicht ausführlich erklären, sondern durch Klangfarben, Rhythmik und Gesang unmittelbar erfahrbar machen.
„Horizons“: Zwischen ätherischem Gesang und elektronischer Unruhe
Mit „Horizons“ eröffnet das Duo seine EP auf eine ausgesprochen atmosphärische Weise. Ein elektronisches Grundrauschen, weitläufige Synthesizerflächen und zurückhaltende perkussive Akzente erzeugen eine eigentümlich entrückte Stimmung. Darüber legt sich die helle, beinahe körperlos wirkende Stimme von Arden Leigh. Ihr Gesang bewegt sich zwischen sanfter Melodieführung und einer geradezu zerbrechlichen Intensität. Die Kombination erinnert stellenweise an die atmosphärischen Arbeiten von Massive Attack, während die weiten Gesangslinien gelegentlich Assoziationen zur ätherischen Klangwelt von Enya wecken.
Besonders interessant ist der Gegensatz zwischen dieser scheinbaren Ruhe und den elektronischen Störgeräuschen, die immer wieder durch das Arrangement dringen. Andrew Means arbeitet mit viel räumlicher Tiefe und lässt die einzelnen Klangschichten langsam ineinander übergehen. Der Rhythmus drängt sich dabei nicht in den Vordergrund, sondern wirkt wie ein kaum wahrnehmbarer Puls. Das Stück besitzt etwas Meditatives, ohne tatsächlich beruhigend zu wirken. Vielmehr entsteht der Eindruck einer Suche nach Orientierung in einer Umgebung, deren Konturen ständig verschwimmen. Als Einstieg in die psychologisch geprägte Geschichte ist das ausgesprochen passend.
„Clockwork“: Mechanische Rhythmen und eine bedrückende Klangarchitektur
Mit „Clockwork“ gewinnt die Musik deutlich an rhythmischer Bestimmtheit. Mechanisch anmutende elektronische Impulse geben einen gleichförmigen Takt vor, während dunkle Synthesizer und atmosphärische Effekte den Raum zunehmend verdichten. Der Titel lässt sich als Sinnbild festgefahrener Denkmuster verstehen, die unabhängig vom bewussten Willen immer weiterlaufen. Die monotone Bewegung des Arrangements unterstützt diese Interpretation, ohne dass die Komposition vollständig in repetitiver Elektronik aufgeht.
Hier zeigt Leigh eine andere Seite ihrer stimmlichen Möglichkeiten. Ihr Vortrag besitzt wesentlich mehr Nachdruck und bewegt sich zwischen kontrollierter Zurückhaltung und eindringlichen, dunkleren Ausdrucksformen. Dabei entstehen Erinnerungen an die intensive Gesangsästhetik von Zola Jesus. Besonders gelungen ist das Verhältnis zwischen den wiederkehrenden elektronischen Figuren und den melodischen Veränderungen der Gesangsstimme. Während die instrumentale Grundlage eine beinahe klaustrophobische Gleichförmigkeit vermittelt, versucht der Gesang gewissermaßen, sich aus dieser Struktur zu lösen. Eine größere melodische Zuspitzung hätte dem Stück dennoch zusätzliche Wirkung verleihen können. Die Zurückhaltung ist Teil des Konzepts, begrenzt aber zugleich seine unmittelbare Eingängigkeit.
„Body“: Trip-Hop, Industrial und die körperliche Seite des Konflikts
Den deutlichsten musikalischen Kontrast bietet „Body“. Nach den überwiegend schwebenden und hypnotischen Arrangements der ersten beiden Titel treten hier wesentlich prägnantere Trip-Hop-Rhythmen in Erscheinung. Druckvolle elektronische Beats und bedrohliche Klangtexturen bilden das Fundament für einen auffallend direkten Gesangsvortrag. Leigh wechselt zwischen rhythmisch gesprochenen Passagen, beinahe beschwörenden Wiederholungen und wesentlich aggressiveren stimmlichen Akzenten. Nach eigenen Angaben handelt es sich dabei um den ersten veröffentlichten Rap ihrer musikalischen Laufbahn.
Gerade dieser Stilwechsel macht „Body“ zu einem der interessantesten Stücke der EP. Der Gesang reagiert unmittelbar auf die Rhythmik, während Means die elektronischen Elemente so anordnet, dass eine konstante Spannung zwischen Bewegung und Bedrohung entsteht. Inhaltlich beschäftigt sich das Stück mit dem Versuch, einen Menschen trotz innerer Widerstände zu erreichen. Die von Leigh verwendete Vorstellung des Durchwanderns verschiedener Ebenen verweist zugleich auf den Namen des Projekts. Ihr Vortrag besitzt stellenweise etwas Konfrontatives, was der Sängerin zufolge bewusst als dramatisierte Ausdrucksform gewählt wurde.
Musikalisch funktioniert die Nummer hervorragend, weil sie das zuvor etablierte Klangbild erweitert. Die Rhythmik wirkt körperlicher, der Gesang unmittelbarer und die elektronischen Schichten gewinnen an Schärfe. Allerdings ist die Komposition auch weniger zugänglich als ein konventioneller Alternative-Electronic-Song. Eingängige Refrainstrukturen spielen eine untergeordnete Rolle. Wer sich jedoch auf die ungewöhnliche Verbindung aus Trip-Hop, Industrial und experimenteller Vokalkunst einlässt, dürfte gerade hier den eigenständigsten Moment der Veröffentlichung entdecken.
„Alive“: Ein vorsichtiger Ausweg aus der inneren Dunkelheit
Den Abschluss bildet „Alive“, dessen Titel bereits eine deutliche inhaltliche Richtung vorgibt. Nach den zunehmend intensiven und konfliktreichen vorherigen Kompositionen öffnet sich die Klanglandschaft wieder. Weitläufige elektronische Flächen, zurückhaltende rhythmische Elemente und hallgetränkte Gesangspassagen bestimmen die Atmosphäre. Leighs Stimme scheint dabei zwischen Nähe und Ferne zu wechseln. Die Komposition vermittelt den Eindruck eines langsamen Zurückfindens, ohne dabei sämtliche zuvor aufgebauten Spannungen aufzulösen.
Innerhalb des Gesamtkonzepts steht „Alive“ für die Hoffnung auf ein Überleben und einen möglichen Neubeginn. Das ist allerdings kein triumphaler Abschluss, sondern eine bewusst vorsichtige musikalische Annäherung an Zuversicht. Die zurückgenommene Gestaltung unterstreicht diesen Gedanken überzeugend. Gleichzeitig bleibt der Song mit seinen knapp drei Minuten relativ kurz. Gerade die atmosphärischen Entwicklungen hätten durchaus Raum für eine längere instrumentale Ausarbeitung geboten. Dennoch bildet das Stück einen stimmigen Abschluss, weil es die emotionale Intensität der EP nicht durch einen übertrieben pathetischen Höhepunkt aufzulösen versucht.
Musikalische Fähigkeiten und Produktion: Viel Atmosphäre auf engem Raum
Die größte Stärke von Planeswalkers liegt in der ausgesprochen sorgfältigen Abstimmung zwischen elektronischem Sounddesign und Gesang. Andrew Means setzt auf weitläufige Klangräume, kontrollierte rhythmische Strukturen und eine Mischung aus dunklen Ambient-Texturen und industriellen Akzenten. Seine Arrangements lassen den einzelnen Elementen genügend Platz, sodass selbst zurückhaltende Geräuschdetails eine wichtige Funktion übernehmen können. Gerade angesichts der relativ kurzen Gesamtspielzeit entsteht dadurch eine bemerkenswert geschlossene Atmosphäre.
Arden Leigh überzeugt mit ihrer Fähigkeit, unterschiedliche stimmliche Ausdrucksformen innerhalb dieser elektronischen Umgebung einzusetzen. Von beinahe schwebenden, melodischen Passagen bis hin zum rhythmisch gesprochenen und aggressiveren Vortrag in „Body“ zeigt sie eine beachtliche Spannweite. Die Gesangsstimme wirkt nicht wie eine nachträglich hinzugefügte Melodiespur, sondern ist unmittelbar mit dem Sounddesign verbunden. Besonders die Wechsel zwischen leiser Intimität und eindringlicher Intensität gehören zu den musikalischen Qualitäten dieser Zusammenarbeit.
Ganz ohne Einschränkungen ist das Ergebnis allerdings nicht. Die stark atmosphärische Ausrichtung führt dazu, dass einige musikalische Ideen eher angedeutet als vollständig entwickelt werden. Wer ausgeprägte Refrains, deutliche melodische Höhepunkte oder die rhythmische Härte klassischer Industrial-Musik erwartet, dürfte stellenweise etwas vermissen. Auch hätte das Duo die Spannweite seiner experimentellen Ansätze auf einer längeren Veröffentlichung noch deutlicher ausarbeiten können. Dennoch überwiegt der positive Eindruck einer sorgfältig gestalteten, ungewöhnlichen elektronischen Veröffentlichung, deren vier Kompositionen ein gemeinsames musikalisches und inhaltliches Konzept verfolgen.
Unsere Wertung:
Unser Fazit:
Mit ihrer Debüt-EP „The Mind Room“ gelingt Planeswalkers eine bemerkenswert atmosphärische Verbindung aus Witch House, Dark Ambient, Gothic Electronica und experimentellem Trip-Hop. Besonders überzeugend ist die musikalische Zusammenarbeit zwischen dem detailreichen elektronischen Sounddesign von Andrew Means und der facettenreichen Gesangsgestaltung von Arden Leigh. Während „Horizons“ und „Clockwork“ vor allem von ihrer düsteren Atmosphäre profitieren, überzeugt „Body“ durch einen deutlich eigenwilligeren und rhythmisch intensiveren Ansatz. Das abschließende „Alive“ führt die emotionale Geschichte zu einem zurückhaltenden, aber nachvollziehbaren Ende.
Die EP verlangt allerdings die Bereitschaft, sich auf ungewöhnliche Songstrukturen und eine stark atmosphärische Klanggestaltung einzulassen. Konventionelle Refrains und unmittelbar eingängige Melodien stehen nicht im Mittelpunkt. Auch hätte die relativ kurze Gesamtspielzeit einigen musikalischen Ideen mehr Raum zur Entwicklung geben können. Trotzdem gelingt den beiden Künstlern eine in sich stimmige Veröffentlichung, deren musikalische Eigenständigkeit und ausdrucksstarke Produktion positiv auffallen.
„The Mind Room“ ist eine anspruchsvolle, geheimnisvolle und ausgesprochen eigenwillige Debüt-EP, die ihre Wirkung vor allem aus der Verbindung zwischen emotionalem Gesang und experimenteller Elektronik bezieht. Freunde von Massive Attack, Zola Jesus und atmosphärischer Industrial-Musik dürften an dieser ungewöhnlichen Zusammenarbeit Gefallen finden.
Releaseinformationen
Interpret: Planeswalkers
Veröffentlichung: „The Mind Room“
Format: Digitale EP / 4 Titel
Veröffentlichungsdatum: 1. September 2026
Spielzeit: 12:16 Minuten
Genre: Witch House | Dark Ambient | Gothic Electronica | Experimental Electronic | Industrial
Label: Planeswalkers (Independent / Self-Released)
Titelliste – The Mind Room
01. Horizons – 03:16
02. Clockwork – 03:07
03. Body – 03:04
04. Alive – 02:49
Mitwirkende und Produktion
Arden Leigh: Gesang, Songtexte, Gesangsmelodien und künstlerische Konzeption
Andrew Means: Elektronische Kompositionen, Instrumentalarrangements und Produktion
Musikalische Einflüsse: Witch House, Ambient, Gothic Electronica, Trip-Hop und Industrial
Über das Projekt Planeswalkers
Planeswalkers ist ein amerikanisches Elektronik- und Gothic-Projekt der Sängerin Arden Leigh von Arden & the Wolves und des Musikers und Produzenten Andrew Means, bekannt durch seine Zusammenarbeit mit 3TEETH und Patriarchy. Das Ende 2025 entstandene Duo verbindet experimentelle elektronische Musik mit spirituellen, okkulten und psychologisch geprägten Themen. Die Debüt-EP „The Mind Room“ behandelt in vier zusammenhängenden Kompositionen den Umgang mit traumatischen Erfahrungen, innere Schutzmechanismen und die Hoffnung auf persönliche Heilung.
Mehr zu Planeswalkers im Netz
Planeswalkers bei Instagram:
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„The Mind Room“ bei Spotify:
https://open.spotify.com/album/3s10TUs4iRCKh5rJ14i67R

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