The Carburetors rasen mit „We Ride At Night“ ohne Rücksicht durch die Nacht (Musikplaylist) [ Hard Rock | Heavy Metal | Rock’n’Roll ]

Rock’n’Roll wurde inzwischen so oft für tot erklärt, dass er eigentlich längst Anspruch auf eine geräumige Familiengruft hätte. The Carburetors halten sich mit derartigen Formalitäten nicht auf. Die Norweger werfen den vermeintlichen Leichnam auf den Rücksitz, drehen den Zündschlüssel um und rasen mit »We Ride At Night« davon, bevor jemand den Totenschein kontrollieren kann. Neun Songs, ein kurzes Intro und knapp 33 Minuten später steht fest: Der Patient ist nicht unbedingt intelligenter geworden, aber ausgesprochen lebendig.

Seit 2001 arbeitet die aus Oslo stammende Combo an ihrer Vorstellung von Fast Forward Rock’n’Roll. Die Zutatenliste hat sich seither ungefähr so stark verändert wie das Sortiment an einer Autobahntankstelle: Rock’n’Roll, Hard Rock, Heavy Metal, Punk, Gitarrensoli, Gruppenrufe und ausreichend Lautstärke, um den Kaffee im Pappbecher selbstständig umzurühren. Mit Innovation hat das wenig zu tun. Mit Überzeugung dagegen sehr viel.

Hört hier das vollständige Album »We Ride At Night« von The Carburetors.

Das knappe »Intro« lässt zunächst Sirenen, Hubschraubergeräusche und eine unheilvolle Stimme aufeinander los. Für wenige Sekunden sieht es danach aus, als wollten The Carburetors ein dystopisches Konzeptalbum über nächtliche Militäroperationen eröffnen. Dann startet »Down In Flames«, und sämtliche intellektuellen Verdachtsmomente verlassen fluchtartig das Gebäude.

Statt Gesellschaftsanalyse gibt es Slide-Gitarre, ein vorwärtsprügelndes Schlagzeug und einen Refrain, der für Menschen geschrieben wurde, die ihre Fäuste schneller heben als ihre Einwände. Zwischen Rose Tattoo, frühem AC/DC und Motörhead finden die Norweger sofort ihre bevorzugte Fahrspur. Blinker werden dabei grundsätzlich überbewertet.

Fünf Männer und ein unkündbarer Verstärker

»Let You Down« nimmt ein wenig Geschwindigkeit heraus, was bei dieser Band ungefähr bedeutet, dass die Instrumente nicht mehr gleichzeitig überholen. Das Hauptriff schiebt mit kräftigem Hard-Rock-Groove, während die Hintergrundstimmen den Refrain in eine Kneipe verlegen, deren Hausordnung offenbar ausschließlich aus dem Wort „lauter“ besteht. Sänger Eddie Guz trägt seine angeraute Stimme dazu wie eine Lederjacke, die längst selbstständig stehen kann.

Gerade Guz verhindert, dass »We Ride At Night« zu einer beliebigen Sammlung sorgfältig abgehefteter Genreklischees gerät. Sein Gesang klingt weder künstlich bedrohlich noch unnötig aufgeblasen. Er bellt, knurrt und phrasiert mit genügend Rockabilly-Unterton, um zwischen all dem Metal noch an die rhythmischen Wurzeln dieser Musik zu erinnern. Das Ergebnis liegt irgendwo zwischen Lemmys Dauergrummeln und einem besonders schlecht gelaunten Türsteher auf einer Fünfzigerjahre-Party.

»I Wanna Rock’n’Roll« verzichtet bereits im Titel auf irreführende Mehrdeutigkeit. Niemand wird nach dem Hören überrascht feststellen, dass es sich in Wahrheit um eine empfindsame Betrachtung kommunaler Verkehrspolitik handelt. Das Riff springt unmittelbar aus den Lautsprechern, Chris Nitro treibt die Nummer am Schlagzeug vorwärts und die Gitarren von Chris Marchand und Phillie Obuskovic liefern sich einen kurzen Wettbewerb darin, wer zuerst den Nachbarn zur Aufgabe zwingt.

Die beiden Gitarristen spielen dabei deutlich kontrollierter, als es die betont ungehobelte Oberfläche vermuten lässt. Hinter dem scheinbaren Radau stecken präzise gesetzte Akkorde, kurze melodische Antworten, wirkungsvolle Soli und eine gute Vorstellung davon, wann eine zusätzliche Note lediglich im Weg stehen würde. Virtuosität wird hier nicht ausgestellt, sondern in den Dienst der unmittelbaren Wirkung gestellt. Niemand jongliert mit sieben Gitarrenhälsen, während im Hintergrund ein Orchester die Apokalypse probt. Sehr vernünftig.

Seht hier das offizielle Video zu »Rock’n’Roll Never Dies«.

Rock’n’Roll über Rock’n’Roll beim Rock’n’Roll

Mit »Rock’n’Roll Never Dies« erreicht das Album seinen ideologischen Mittelpunkt. Rock’n’Roll lebt, Rock’n’Roll siegt, Rock’n’Roll macht vermutlich auch die Steuererklärung. Das Stück basiert auf einem Riff, das bei AC/DC nicht unangenehm aufgefallen wäre, erhält durch die kräftigen Drum-Fills und den breit aufgestellten Refrain aber genügend Eigenleben. Die Band meint jedes Wort. Ironische Distanz gilt hier höchstens als technischer Defekt.

Die Frage, ob die Welt im Jahr 2026 tatsächlich noch ein weiteres Lied über die Unsterblichkeit des Rock’n’Roll benötigt, lässt sich vernünftig mit „wahrscheinlich nicht“ beantworten. Allerdings benötigt die Welt auch keine zwölfte Sorte gesalzenes Popcorn, und trotzdem greift am Ende wieder jemand hinein. The Carburetors gewinnen nicht durch die Originalität ihrer Botschaft, sondern durch die Lautstärke ihrer Überzeugung.

»Shot At Dawn« hält den Druck hoch und schiebt etwas mehr metallische Härte zwischen die Boogie-Gene. Die Rhythmusgruppe aus King ’O’ Men und Chris Nitro verrichtet dabei jene Arbeit, die auf einem solchen Album besonders wichtig ist: Sie hält alles stabil, während die Gitarren so tun dürfen, als hätten sie gerade mehrere Verkehrsregeln gleichzeitig verletzt. Der Bass besitzt ausreichend Gewicht, ohne das Klangbild unnötig aufzublähen, während die Drums trocken und direkt zuschlagen.

Mit »You Need It Loud« wird das Tempo zunächst etwas gedrosselt. Der Einstieg stampft beinahe gemächlich, Guz zieht die Silben stärker auseinander und für einen kurzen Moment könnte sich ein bedächtiger Midtempo-Rocker ankündigen. Natürlich bleibt das nicht lange so. Der Refrain öffnet die Fenster, der Fahrtwind übernimmt und irgendwo dürfte Danko Jones anerkennend eine Augenbraue heben.

Dass die Titel und Texte in diesem Bereich ungefähr die Überraschungskraft einer Speisekarte im Schnellrestaurant besitzen, gehört zum Geschäftsmodell. »I Wanna Rock’n’Roll«, »Rock’n’Roll Never Dies« und »You Need It Loud« ergeben zusammen keine komplexe Charakterstudie. Sie lassen sich dafür auch nach dem dritten Getränk noch fehlerfrei mitsingen. Demokratischer kann Songwriting kaum werden.

Der Unterschied zwischen simpel und einfallslos

Am stärksten verdichtet sich die Methode in »Electric Shock«. Die Nummer benötigt kaum zweieinhalb Minuten, verbindet Punk-Tempo mit Motörhead-Riffing und verschwindet wieder, bevor jemand eine zweite Strophe beantragen kann. Genau hier funktioniert die Selbstbezeichnung Fast Forward Rock’n’Roll am besten. Das Stück ist kurz, rotzig, eingängig und musikalisch ungefähr so diplomatisch wie ein Einkaufswagen auf einer abschüssigen Straße.

»Sharpen The Blades« bringt anschließend etwas mehr Melodie ins Spiel. Die Gitarrenlinien wirken offener, der Refrain atmet ein wenig stärker und das Album deutet an, dass seine Erbauer durchaus andere Gangarten kennen. Es bleibt allerdings bei einer Andeutung. Bevor jemand versehentlich von Entwicklung sprechen könnte, steht bereits der nächste Boogie vor der Tür.

Das abschließende »Who Likes To Boogie« reist dafür besonders weit zurück. Chuck Berry, Rockabilly, klassischer Rhythm and Blues und eine ordentliche Portion Elvis-Hüftschwung werden durch einen deutlich kräftigeren Verstärker geschickt. Der Song besitzt eine lässige Bewegung, die den permanenten Vorwärtsdrang des Albums angenehm auflockert. Nach all den Bekenntnissen zur Lautstärke erinnert die Band daran, dass Rock’n’Roll ursprünglich auch Tanzmusik war – nur eben Tanzmusik für Menschen, die Möbel grundsätzlich als Hindernisse betrachten.

Seht hier das offizielle Video zu »Who Likes To Boogie?«.

Die Produktion bewahrt dem Album die nötige Rauheit, ohne darunter instrumentale Nachlässigkeit zu verstecken. Die Gitarren stehen breit im Mix, das Schlagzeug besitzt einen trockenen Anschlag und Guz sitzt deutlich genug über dem Geschehen, damit jeder Refrain zuverlässig sein Ziel erreicht. Gleichzeitig klingt »We Ride At Night« nicht wie ein digital entkeimtes Hard-Rock-Produkt, das erst nach drei Genehmigungsverfahren einen Verstärker berühren durfte.

Band und Recording Engineer Robert Hauge setzen auf Direktheit. Kleine Unebenheiten dürfen bleiben, die Instrumente wirken körperlich und die Aufnahme vermittelt stellenweise tatsächlich den Eindruck, fünf Musiker stünden gemeinsam in einem Raum. In Zeiten, in denen manche Rockproduktionen so stark korrigiert werden, dass selbst der menschliche Puls als störendes Nebengeräusch gilt, ist das durchaus ein Verdienst.

Allerdings wird aus Konsequenz im letzten Drittel auch Berechenbarkeit. Sobald »Down In Flames«, »Let You Down« und »I Wanna Rock’n’Roll« die grundlegenden Werkzeuge vorgestellt haben, hält das Album kaum noch Überraschungen bereit. Die Tempi variieren, einzelne Hooks stechen hervor und »Who Likes To Boogie« setzt zum Abschluss einen charmanten Akzent. Ein ungewöhnlicher Aufbau, ein stärkerer stilistischer Bruch oder eine Nummer mit wirklichem Kontrast hätten der Platte dennoch gutgetan.

Auch die Texte kreisen derart beharrlich um Rock’n’Roll, Lautstärke, Nachtleben und unbeugsame Lebensführung, dass man nach einer halben Stunde den Verdacht entwickelt, die Band könnte sich beim Frühstück gegenseitig mit Songtiteln verständigen. Das passt zur Identität von The Carburetors, begrenzt aber die Halbwertszeit einiger Refrains. Ein Motor kann zuverlässig laufen und trotzdem gelegentlich eine andere Strecke vertragen.

Die knappe Laufzeit erweist sich deshalb gleichzeitig als Vor- und Nachteil. Mit 32 Minuten verschwendet »We Ride At Night« keine Zeit, bläht keinen Song künstlich auf und verlangt niemandem eine unnötige Ballade mit Streicherbegleitung ab. Andererseits ist die Fahrt bereits vorbei, sobald das Album seinen Groove vollständig gefunden hat. Bei einer solchen stilistischen Konzentration ist Kürze allerdings immer noch die bessere Entscheidung als ein zwölfminütiger Boogie mit philosophischem Hörspielmittelteil.

Unsere Wertung:

➤ Songwriting: 8,5 von 10 Punkten
➤ Komposition: 8 von 10 Punkten
➤ Musikalische Fähigkeit: 8,5 von 10 Punkten
➤ Produktion: 8,5 von 10 Punkten

➤ Gesamtwertung: 8,5 von 10 Punkten

Unser Fazit:

The Carburetors erfinden auf »We Ride At Night« weder den Rock’n’Roll noch das Rad neu. Sie schrauben das vorhandene Rad an ein viel zu stark motorisiertes Fahrzeug und fahren damit durch die nächste geschlossene Schranke. Das Album lebt von seiner unmittelbaren Energie, starken Gitarrenriffs, der markanten Stimme von Eddie Guz und einer Rhythmusgruppe, die jede Nummer zuverlässig nach vorne drückt.

Besonders »Down In Flames«, »Let You Down«, »Electric Shock« und »Who Likes To Boogie« zeigen, wie wirkungsvoll die Verbindung aus Hard Rock, Heavy Metal, Punk und klassischem Boogie ausfallen kann. Die Songs sind kompakt, die Refrains sofort verständlich und die Produktion transportiert genügend Live-Energie, um das heimische Wohnzimmer zumindest akustisch in einen verschwitzten Club zu verwandeln.

Die andere Seite dieser erfreulichen Geradlinigkeit bleibt eine geringe stilistische Spannweite. Viele Titel folgen ähnlichen Strukturen, die Texte benutzen bekannte Rock’n’Roll-Vokabeln mit bemerkenswerter Ausdauer und wirkliche Überraschungen bleiben selten. Doch The Carburetors spielen ihre Musik mit einer Konsequenz, die aus alten Bauteilen erneut ein sehr funktionstüchtiges Gerät zusammensetzt. »We Ride At Night« ist kein Album für Menschen, die in jedem Gitarrensolo eine neue kulturelle Epoche entdecken möchten. Es ist ein Album für Menschen, die nach spätestens zehn Sekunden lauter drehen. Genau diese Aufgabe erledigt es ausgezeichnet.

Mehr zu The Carburetors im Netz

Offizielle Website:
https://thecarburetors.com/

The Carburetors bei Instagram:
https://www.instagram.com/thecarburetors/

»We Ride At Night« bei Spotify:
https://open.spotify.com/album/5W7mmiiDNIZwp6202DY0wV

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