Oh ein neues Album von Venom? Den Prototyp des Black Metal der dann später in Norwegen perfektioniert werden sollte? Allein diese Frage reicht, um die Kutte enger zu ziehen und den Reflex zwischen Ehrfurcht, Skepsis und leichtem Stirnrunzeln zu sortieren. Venom sind keine Band, die man neutral hört. Zu groß ist der Schatten von „Welcome To Hell“, „Black Metal“ und dieser herrlich ruppigen Frühphase, in der technische Perfektion weniger zählte als der Wille, den Sound gegen die Wand zu fahren. Mit „Into Oblivion“ zeigt das Trio um Cronos, Rage und Dante jedoch, dass Alterswerk nicht zwingend nach Museumsbetrieb klingen muss. Die Platte scheppert nicht blind nostalgisch, sondern setzt auf Druck, bessere Konturen und Songs, die ihre Einfachheit als Waffe begreifen.
Ein Höllenriff, das nicht um Erlaubnis fragt
Der Einstieg mit „Into Oblivion“ räumt die naheliegende Sorge schnell beiseite. Ja, das ist Venom, aber nicht als schlecht beleuchtete Wachsfigur im eigenen Schrein. Der Song startet mit melodischer Kante, zieht dann die Doublebass-Schraube an und lässt Cronos erstaunlich präsent bellen, knurren und phrasieren. Das Sounddesign ist dabei ein echter Pluspunkt: Der Bass rumort tief, ohne alles zu verschlucken, die Gitarren bleiben dreckig, aber lesbar, und Dante trommelt nicht einfach nur martialisch durch, sondern hält die Songs mit präzisen Akzenten in Bewegung. Gerade in den Übergängen merkt man, dass diese Besetzung eingespielt ist. Nichts wirkt überproduziert, aber auch nichts fällt auseinander. Genau diese Balance macht „Into Oblivion“ stärker, als man es von einem späten Kapitel dieser Bandgeschichte vielleicht erwarten durfte.
Nostalgie mit Blessuren
Problematischer bleibt „Lay Down Your Soul“. Der Titel wirkt wie eine gähnend müde Aufhebung vergangener Tage, weil er sein eigenes Erbe fast zu demonstrativ vor sich herträgt. Inhaltlich kreist der Song um Beschwörung, Fan-Kult, Rock’n’Roll-Ritual und den alten satanischen Jahrmarkt, den Venom selbst mit aufgebaut haben. Als Live-Parole funktioniert das sicher. Als Komposition besitzt der Track genügend Druck, ein griffiges Riff und einen Refrain, der sich sofort in den Schädel fräst. Trotzdem hängt über ihm ein Hauch Selbstzitat. Deutlich interessanter wird es bei „Nevermore“, das mit galoppierender Heavy Metal-Dramaturgie arbeitet und die simplen Bausteine geschickter verschiebt. „Man & Beast“ stampft anschließend mit animalischem Groove, während „Death The Leveller“ das Thema Vergänglichkeit in eine trockene Thrash-Kante überführt. Hier zeigt sich, dass Venom textlich zwar weiterhin mit großen, dunklen Symbolen hantieren, diese aber nicht nur als Dekoration benutzen.
Cronos, Rage und Dante als eingespielte Einheit
Die eigentliche Stärke von „Into Oblivion“ liegt in der kompositorischen Direktheit. Rage liefert keine Filigranmesse, sondern Riffs mit klarer Kontur, schneidenden Soli und genügend melodischem Gespür, um Songs wie „As Above So Below“ oder „Deathwitch“ aus der bloßen Rumpelzone zu ziehen. Dante arbeitet wuchtig, aber nicht tumb; seine Fills setzen kleine Widerhaken, seine Beinarbeit macht die schnellen Nummern körperlich. Cronos wiederum bleibt Cronos: kein schöner Sänger, aber eine unverwechselbare Figur mit Bass, Kehle und Haltung. „Kicked Outta Hell“ bringt die alte Überheblichkeit der Band auf den Punkt und dreht den Teufelsmythos fast komödiantisch um. „Legend“ wirkt hymnischer, „Live Loud“ wie ein Manifest, „Metal Bloody Metal“ wie ein selbstironischer Faustschlag für die vorderen Reihen. Selbst „Dogs Of War“ und „Unholy Mother“ halten die Spannung, weil das Album seine Themen Krieg, Tod, Kult, Körperlichkeit und Trotz mit erstaunlich sauberem Arrangement verbindet.
Unsere Wertung:
➤ Songwriting: 8 von 10 Punkten
➤ Komposition: 8 von 10 Punkten
➤ Musikalische Fähigkeit: 9 von 10 Punkten
➤ Produktion: 8,5 von 10 Punkten
➤ Gesamtwertung: 8,4 von 10 Punkten
Unser Fazit:
„Into Oblivion“ ist kein makelloses Alterswerk und schon gar kein Angriff auf die frühen Klassiker. Dafür hängen einige Refrains zu sehr am eigenen Mythos, und manchmal reicht der Griff in die satanische Werkzeugkiste etwas zu bequem. Trotzdem überzeugt das Album dort, wo es wirklich zählt: Sounddesign, Komposition und musikalische Fähigkeit greifen deutlich besser ineinander, als es der Ruf der ewigen Krawallpioniere vermuten lässt. Venom klingen roh, aber nicht schlampig, altgedient, aber nicht erledigt. Wer die Band immer schon für zu primitiv hielt, wird hier kaum bekehrt. Wer jedoch versteht, dass diese Musik aus Haltung, Schmutz, Eingängigkeit und metallischer Sturheit besteht, bekommt ein erstaunlich vitales, druckvolles und stark gespieltes Album.
Trackliste
- Into Oblivion
- Lay Down Your Soul
- Nevermore
- Man & Beast
- Death The Leveller
- As Above So Below
- Kicked Outta Hell
- Legend
- Live Loud
- Metal Bloody Metal
- Dogs Of War
- Deathwitch
- Unholy Mother
Credits
Interpret: Venom
Titel: „Into Oblivion“
Herkunft: Newcastle upon Tyne, England
Format: Album
VÖ: 1. Mai 2026
Genre: Heavy Metal | Thrash Metal | Black Metal | First Wave Black Metal
Label: Noise/BMG
Besetzung
Cronos – Bass, Gesang
Rage – Gitarre
Dante – Schlagzeug
Mehr zu Venom im Netz
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